Stressig ist das Piratenleben: Politikerin Susanne Graf im Portrait

von Marie-Charlotte Maas
Foto: Piratenpartei Berlin

Sie ist die jüngste Abgeordnete des Berliner Landtags. Neben ihrer Arbeit als Politikerin studiert sie Wirtschaftsmathematik. Ein Tag mit der „Piratin“ Susanne Graf.

Ein Büro im vierten Stock des Berliner Abgeordnetenhauses. In den Regalen stehen Bücher, auf dem Schreibtisch Laptop und Wasserflasche. Hinter dem Schreibtisch sitzt Susanne Graf, 19 Jahre alt und jüngste Abgeordnete im Berliner Landtag. „Gehen Sie eigentlich noch zur Schule?“, wurde sie kürzlich von einem CDU-Kollegen gefragt. Als Beleidigung empfi ndet sie solche Fragen nicht, darüber muss sie viel mehr lachen. „So lange ist das ja wirklich nicht her.“ 

Susanne kämpft sich durch einen Berg Post, der sich in den letzten Tagen angesammelt hat, während sie auf dem Parteitag in Offenbach war und einen Tag krank zu Hause im Bett lag. Werbung, Bücher, Zeitschriften, Briefe von Lobbyorganisationen. Die Hälfte landet im Müll, der Rest wird im Regal einsortiert: „Ich habe es gerne ordentlich“, sagt Susanne. Am meisten freut sie sich über einen Kalender, den die chinesische Botschaft geschickt hat und der nach Blumen duftet.

"ICH SAGE EHRLICH, DASS ES MIR MANCHMAL ZU VIEL WIRD"

Der Tag hat früh begonnen für die 19-Jährige. Bevor sie sich an diesem Mittag an ihrem Schreibtisch niederließ, hatte sie schon eine Vorlesung in ‚Analysis I‘ an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Susanne studiert neben ihrer Aufgabe als Abgeordnete Wirtschaftsmathematik im ersten Semester. Sie wohnt zusammen mit ihrem Freund, der als Bundespressesprecher für die Piraten arbeitet, in Mahlsdorf am Rande von Berlin. Ihr Vater wohnt im Nachbarhaus.

Die Entscheidung für das ruhige Örtchen und gegen das hektische Berlin fällte sie bewusst und nicht nur, weil Mahlsdorf ihr Wahlkreis ist. „Ich finde es schön, etwas Ruhe und Abstand zu bekommen.“

Nach der Sortieraktion wirft Susanne einen Blick in ihren Kalender. Was steht an für heute? Treffen mit dem Fraktionsvorsitzenden, Interview mit dem ZDF, danach Fraktionssitzung. Der Tag ist voll, viel Freizeit bleibt Susanne nicht. Dass es so stressig würde, hätte sie nicht gedacht. „Ehrlich gesagt habe ich auch gar nicht damit gerechnet, dass ich gewählt werde“, lacht sie. Zur Freude über die neue Aufgabe kam ein mulmiges Gefühl: „Schließlich stehe ich jetzt in der Verantwortung, die Ideen der Partei umzusetzen.“

Von heute auf morgen begannen für Susanne gleich zwei neue Leben: das der Studentin und das der Abgeordneten. Andere wären mit einem bereits überfordert: „Ich sage ehrlich, dass es mir manchmal zu viel wird. Ich habe mir nicht in dieser Weitsichtigkeit Gedanken gemacht, was auf mich zukommt. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich heute Landtagsmitglied bin, ich hätte die Person ausgelacht.

Foto | Piratenpartei Berlin

Gegen 14 Uhr klopft ein Journalist des Politikmagazins Frontal 21 an die Bürotür, um ein Interview zu führen. Susanne muss sich auf einen Stuhl in der Mitte des Raums setzen, wird von einem hellen Strahler angeleuchtet. Mittlerweile machen ihr die Begegnungen mit den Medien nichts mehr aus: „Man hat mir gesagt, ich sei schon Profi “, schmunzelt sie.

Heute trägt sie passenderweise einen orangefarbenen Pulli, die Farbe der Partei. Das ist aber Zufall und hat nichts mit dem Fernsehtermin zu tun: „Ich fand ihn so kuschelig und mir ging es heute Morgen nicht so gut, weil ich immer noch ein bisschen krank bin.“ Viel Zeit zum Auskurieren bleibt in einem Job als Abgeordnete nicht. Nach dem Pressetermin geht es sofort weiter zur Fraktionssitzung.

Die Doppelbelastung Studentin und Politikerin ist anstrengend. Die Uni-Tutorien hat Susanne bereits am Anfang des Semesters abgesagt. Sieben Vorlesungen hat sie pro Woche, drei davon besucht sie „halbwegs regelmäßig“. Ihre Sitznachbarin schreibt für sie mit, wenn eine Sitzung Vorrang vor einer Vorlesung hat.

Mit ihren Kollegen von der Partei kann sie aber reden: „Wenn ich sage, dass ich einen wichtigen Termin an der Uni habe, kann man auch mal etwas verlegen.“ Das Wochenende versucht Susanne sich freizuhalten – zumindest frei von der Politik, samstags bereitet sie die Vorlesungen nach und liest die dicken Wälzer, die ihre Kommilitonen im Seminar durchgehen. Sonntag ist Entspannungstag – wenn nicht gerade eine politische Veranstaltung ansteht. 

Familie und Freunde sagen, sie solle kürzertreten, meist ist sie erst zwischen 21 und 22 Uhr zu Hause. „Früher habe ich gerne Geige gespielt, aber seit der Wahl habe ich sie nicht mehr angerührt.“ Ganz klar, manchmal wird ihr bewusst „Ich bin erst 19“ und dann wünscht sie sich, freier in ihren Entscheidungen sein zu können. Einfach für ein halbes Jahr wegzufahren, wie es andere in ihrem Alter machen. „Daran denke ich aber nicht lange, das hält zu sehr beim Arbeiten auf“, sagt sie lachend und wendet sich wieder dem Computer zu.

Kurz & kompakt

  • Die Piratenpartei zog nach der Wahl am 18. September mit einem Ergebnis von 8,9 Prozent überraschend inden Berliner Landtag.
  • Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Piraten Susanne Graf ist jüngste Abgeordnete in der Hauptstadt.
  • Unter www.grafsusanne.de macht die Studentin der HTW Berlin nicht nur Finanzielles öffentlich (Abgeordnetengehalt 3.309 Euro brutto), sondern auch sämtliche Lobbyanfragen.

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