Studierst du noch oder lebst du schon?

- Nina Weymann-Schulz
Bei dem einen war’s die Krankheit, bei der anderen ein Kind, beim Dritten schließlich ein lukrativer Job: Gründe, mit dem Studium in Verzug zu geraten, gibt es genug. 70 000 Studentinnen und Studenten gelten an deutschen Hochschulen als Langzeitstudenten.
Wann genau er den Draht zum Studium verloren hat, weiß Achim (Name geändert) nicht mehr genau. "Im vierten Semester habe ich mit einem Kumpel angefangen, IT-Beratung für kleinere Firmen anzubieten", sagt der Informatik-Student. Das war vor fünf Jahren - und seither hat der heute 27-Jährige seine Uni in Aachen nicht mehr von innen gesehen. "Ich habe einfach keine Zeit mehr, der Laden läuft zu gut", erzählt er. Student ist er immer noch, auch wenn er zwischendurch das Fach gewechselt hat:"Weil's irgendwie cool ist und ich mich auch noch als Studi fühle", sagt er: "Und natürlich wegen des Semestertickets." Nicht einmal die 500 Euro Studiengebühren haben ihn davon abgehalten: "Ich verdiene so gut, das kann ich mir leisten und damit die Uni sponsern", grinst er. Das Wintersemester wird, wenn errichtig gerechnet hat, sein 15. sein.
Achim ist nicht allein. Bundesweit, schätzt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), gibt es aktuell rund 70 000 Studenten, die mindestens im 15. Semester eingeschrieben sind. Manche der Langzeit-Studis konservieren ihren Status aus Nostalgie oder finanziellen Gründen. Andere haben Zeit durch ihre Arbeit als Studentenvertreter verloren - so wie Jan Weber. Der 28-jährige Physik-Diplom-Student hatte sich lange im AStA der Uni Köln engagiert und dabei seine letzten beiden Scheine - einen für das Grund-, den anderen für das Hauptstudium -immer wieder vor sich her geschoben. 16 Semester lang verließ er sich auf die Zusicherung im NRW-Hochschulgesetz, dass die Gremienarbeit den Studentenvertretern keine Nachteile bringen dürfe. Dann kam der Brief vom Prüfungsamt: Die "Auslaufordnung" für den Physik-Diplom-Studiengang lege fest, dass die letzten Vordiplomprüfungen im Winter 2010 abgelegt werden konnten. Jan Weber habe deshalb seinen"Prüfungsanspruch" verloren. Und nicht einmal die AStA-Tätigkeit wollte das Amt akzeptieren: "Ihr Antrag auf Fristverlängerungwird abgelehnt."
"Fehlende Einstellung zum Studium"
Als Weber im August vor Gericht zog, um sein langes Studium doch noch zu Ende bringen zu können, und als dann auch noch bekannt wurde, dass die Kölner Uni insgesamt 32 Dauer-Studenten in auslaufenden Fächern zwangsexmatrikuliert hatte, brach eine heftige Debatte los. Asten aus ganz Deutschland meldeten sich ebenso zu Wort wie die bildungspolitischen Sprecher der Parteien. Häufigstes Argument der Skeptiker: Wer es in 16 Semestern nicht bis zur Zwischenprüfung geschafft habe, dem fehle offenbar die richtige Einstellung zum Studium - irgendwann müsse dann eben auch mal Schluss sein.
Tatsächlich sind Langzeitstudenten an den Hochschulen nicht besonders gerne gesehen. Denn nicht nur in Köln wird der Platz für jüngere Studierende gebraucht: An der Berliner Humboldt-Uni etwa gab es für das jetzt startende Wintersemester fast 29 000 Bewerbungen für Bachelor-Plätze - von denen es an der HU aber nur gut 3 300 gibt. Angesichts dieser Nachfrage plädiert der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, für Härte: "Mindestens 7.000 Euro kostet ein Studienplatz den Steuerzahler pro Jahr", rechnet Rupprecht vor. Dazu kämen noch die Kosten für BAföG, Studi-Ticket und Vergünstigungen bei Banken, Versicherungen oder kulturellen Einrichtungen: "Wer einen Studienplatz blockiert, um sich mit Gleichgesinnten in muffigen Gremien zu treffen oder einfach nur billig Bus fahren zu können, der muss damit rechnen, sein Studienprivileg zu verlieren." Klar, dass der CDU-Mann heftigen Gegenwind erhielt: Studentenverbände schmähten ihn als "gestrig" und "konservativen Radikalinski".
Ungeschlagener Rekordhalter in der Disziplin Dauer-Studium dürfte übrigens ein Medizinstudent an der Universität Kiel sein, der bereitsseit 1957 eingeschrieben ist und mittlerweile im 108. Fachsemester die Hörsaalbankdrückt. Und weil im schleswig-holsteinischen Hochschulgesetz keine Zwangsexmatrikulation für Medizinstudenten vorgesehen ist und der Dauer-Student auch jedes Semester brav seinen Semesterbeitrag überweist, ist seine Uni-Karriere auch nach 54 Jahre nimmer noch nicht zu Ende.
Kurz & kompakt
»70 000 Studentinnen und Studenten gelten an deutschen Hochschulen als Langzeitstudenten.
» Die Uni Köln exmatrikulierte unlängst insgesamt 32 Dauer-Studentenin auslaufenden Fächern zum Ende desWintersemesters 2010/2011.
» An der Universität Kiel gibt es einenMedizinstudenten, der bereits 54Jahre eingeschrieben ist - im mittlerweile108. Fachsemester.



