UNICUM liest: Die Piratenpartei – Alles klar zum Entern?

- Foto Tobias M. Eckrich | Lizenz: CC-BY
Wer ist die Piratenpartei und was will der bunte Haufen der selbst ernannten Informationsfreiheits-Kämpfer? Der Aufsatzband Die Piratenpartei: Alles klar zum Entern? versucht erste Antworten auf diese Fragen zu finden.
Und plötzlich waren sie da: die Piraten. Wie aus dem Nichts holte die junge Partei 8,9 Prozent bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin. Von den 15 Kandidaten der Landesliste zogen alle ins Rote Rathaus ein. Außerhalb der selbst ernannten Internet-Elite, den Nerds und Sascha Lobos der Republik, war die „Partei des freien Internets“ der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt. Der plötzliche Erfolg wirft Fragen auf: Wer sind die Piraten? Was wollen sie? Sind sie die neuen Grünen?
Das Buch Die Piratenpartei: Alles klar zum Entern? versucht Antworten auf diese Fragen zu finden. Im ersten Kapitel „Von Piraten“ kommen die politischen Freibeuter selbst zu Wort. Die vier Beiträge, unter anderem vom Vorsitzenden der Berliner Piraten Andreas Baum, malen ein Bild normaler junger Menschen, mit Interesse für Technik, Informationsfreiheit und Politik. Schon hier wird klar, dass die Piraten so gar nicht ins politische Establishment von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit passen.
Ein Buch von, mit und über die Piratenpartei
Dieser Eindruck erhärtet sich im zweiten Kapitel „Unter Piraten“ noch weiter. Der journalistische Blick hinter die Fassaden und Kulissen einer jungen Partei, die ihren Weg noch finden muss und ihren Erfolg selbst kaum glauben kann, weckt Erinnerungen an die Grünen der Anti-Atom-Bewegung der frühen 80er Jahre. Wenn Andreas Baum im Kapuzenpulli über die „paar Millionen Euro Schulden“ von Berlin im TV-Polit-Talk spricht, erinnert das erfrischend an den jungen Joschka Fischer, der in Turnschuhen vorm Parlament vereidigt wurde.
Das Herzstück von Alles klar zum Entern? bildet Kapitel drei, „Über Piraten“. Hier analysieren bekannte Autoren wie Juli Zeh, Kathrin Passig, Frank Schirrmacher und Katja Kullmann den gegenwärtigen Erfolg der Piraten und ordnen ihn ein. Die Beiträge, die größtenteils bereits veröffentlicht wurden und zum Teil auch im Internet zu lesen sind (Juli Zehs Augen zu und durch, Teresa Bückers Endlich normale Menschen und Julia Schramms Wie ich Piratin wurde) geben dabei eine schöne Momentaufnahme ab. Mehr aber auch nicht. Es fasst zusammen, was gegenwärtig diskutiert wird. Tiefgreifende Analysen liefert Alles klar zum Entern? nicht.
Zwei Beiträge zu den „Piraten vor den Piraten“ bilden den Abschluss der lesenswerten Bestandsaufnahme der Piratenpartei. Wer sich einen grundsätzlichen Überblick über die neue Partei, ihre Mitglieder und die Sicht des Establishments auf die Freibeuter machen möchte, darf gerne zum 224 Seiten starken Aufsatz-Band greifen. Die Beiträge lassen sich gut lesen und sind bisweilen recht amüsant. Ein wenig schade ist jedoch, dass das Buch den Blick über die Grenzen Berlins scheut. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn wenigstens ein Text das europäische Piratennetzwerk oder die globalen Proteste der jüngsten Zeit (Stichwort: Occupy-Bewegung) thematisieren würde. Der tief greifende Blick bleibt so verwehrt. Alles klar zum Entern? eignet sich aber als erster Anhaltspunkt um das Phänomen Piratenpartei zu greifen.
Die Piratenpartei: Alles klar zum Entern?
224 Seiten
Bloomsbury taschenbuch
VÖ: 26.11.2011
ISBN-10: 3833308451
ISBN-13: 978-3833308451










