Verfassungsschutz ist wichtiger Aufbauhelfer der rechtsextremen Szene
Rechtsextremismus in Jugendkulturen – Autor Klaus Farin im Gespräch (Teil 1)
++ 2000 bis 2006 neun ausländische Kleinunternehmer getötet ++ 9. Juni 2004 Nagelbombenattentat in Köln ++ 2009 und 2010 über 800 Waffen im Besitz von Rechtsextremen ++ Dezember 2011 Debatte über NPD-Verbot entbrannt ++
Viele Meldungen kursieren immer wieder über die rechtsextreme Szene in den Medien. Einen aufklärenden Blick wirft der freie Autor, Journalist und Gründer des Archivs der Jugendkulturen Klaus Farin auf die rechtsextreme Szene. Neben den aktuellen Ereignissen gibt er zudem Antwort darauf, wie Rechtsextremismus in Deutschland wirklich aussieht.

- Autor und Journalist Klaus Farin
Herr Farin, dramatisieren die Medien bzw. die Öffentlichkeit die aktuellen Geschehnisse?
Einerseits muss man sagen, bei der Bezeichnung "Döner-Morde" braucht man keine Nazis mehr. Das wurde schon kritisiert. Zehn, fünfzehn Morde von einer kleinen Gruppe durchgeführt hat jedoch in der Tat eine neue Qualität. Andererseits muss man gestehen, wir wussten bereits vorher von knapp 150 Menschen, die seit Beginn der 90er Jahre von Neonazis umgebracht wurden. Ohne es zynisch klingen zu lassen: Jetzt wissen wir es von zehn Menschen mehr. Da wundert man sich schon über das Missverhältnis, da kaum andere Opfer so viel Medienpräsenz bekommen haben. Da gab es keine Entschuldigung der Regierung, keine Entschädigung der Justizministerin und an deren Gräbern stand damals auch nicht die Bundeskanzlerin. Oft hat man es sogar niedrig gehängt, gerade aus Richtung der Politik oder Justiz. Die Regierung zählt bis heute nur fast jedes zweite Opfer offiziell in ihren Berichten, weil es für sie nicht eindeutig nachweisbar sei. Absurd.
Sehen Sie darin eine neue Entwicklung in der Szene?
Dass das jetzt eine neue Terrorstruktur darstellt, das sehe ich nicht so. Wir wussten schon, dass es Durchgeknallte in der rechten Szene gibt, die Morde begehen. Das es so viele und in einer Gruppe sind, ist schon ein neuer Faktor. Aber die grundsätzliche Annahme war schon immer da. Viele in dieser Szene sind potenzielle Amokläufer.
Wie erklären Sie sich den Werdegang von Uwe Mundlos? Er ist der Einzige, der aus einem gut situierten Elternhaus stammt. Sein Vater ist Professor.
Ja, das ist sehr untypisch in dieser Szene. Einzelne gibt es ja immer. Aber Christian Worch ist auch aus gutem Hause, neben einigen anderen, die Funktionen inne haben. In der Masse ist das aber die Ausnahme. Serienmord mit rechtsextremem Hintergrund ist, glaube ich, die richtige kriminalistische Bezeichnung. Bei linken Morden gab es immer sehr viel Diskussion in der Szene, viel Distanzierung. Das hat man in der rechten Szene nicht. Dort wird sich nie von solchen Gewalttaten distanziert oder gesagt, das geht zu weit. Dort ist alles gestattet, was der Sache dient bis hin zum Massenmord.
Wodurch zeichnet sich heute ein rechtsextremer Jugendlicher aus? Denn ich denke, die Zeiten von Springerstiefeln und Glatze sind mittlerweile vorbei ...
Diese Zeiten sind nicht vollkommen vorbei. Es dominiert der traditionelle, sehr männliche Stil. Das liegt der Identität der Szene einfach nahe: Harte Jungs. Jugendkulturelle Vielfalt entdeckt man in der Szene nicht. Ein Großteil der rechtsextremen Szene sah aber schon immer normal aus. Man hat nur gerne auf die exotischeren Mitglieder geguckt.
Was die Jugendlichen anzieht, ist Kameradschaft, Saufen und Spaß haben.
Wovon werden Jugendliche angezogen, wenn sie sich einer rechtsextremen Organisation anschließen?
Den kleinen Organisationen stehen etwa 100.000 Jugendliche unter 30 gegenüber, die in rechtsextremen Cliquen unterwegs sind. Das ist ein viel größeres Problem, denn die stehen an jeder Tankstelle und im Dorf.
Was die Jugendlichen anzieht, ist Kameradschaft, Saufen und Spaß haben. Davon fühlen sich vor allem gewalt-affine Männer angezogen. Dort gibt es zwar keine formellen Hierarchien, aber doch ungeschriebene, tradierte Regeln. Die Skater-Szene ist stolz darauf jede Woche eine neue Location, ein neues Outfit zu entdecken, in der rechten Szene bleibt dagegen alles gleich. Psychologen würden wahrscheinlich sagen, dass sich in solchen Gruppen Personen wiederfinden, die wenig Ich-Stärke besitzen und eine Gruppe suchen, die sagt, wo es langgeht.

- Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden Millionen Menschen in Konzentrationslager wie Ausschwitz deportiert und ermordert.
Wie würden Sie die Neonazi-Szene charakterisieren?
Für mich ist die rechte Szene eine sehr religiöse, esoterische Szene. Es fängt schon klassisch bei der Holocaust-Lüge an: Zu sagen, es hätte alles gar nicht stattgefunden. Aber ebenso wird behauptet, die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Wenn das ein kleiner 14-Jähriger in Thüringen erzählt, wo knapp 16 Prozent Arbeitslose und 3 Prozent Migranten sind, dann ist jedem klar, das kann nicht zusammenhängen. Aber in der rechten Szene wird das ernsthaft geglaubt, weil man dann jemanden hat, der Schuld an der schlechten Situation ist.
Wissen Sie, wie hoch der Anteil von Studenten in rechtsradikalen Gruppierungen ist?
Es wäre auch wieder ein Mythos, wenn man sagen würde, das sind alles bildungsferne Leute. Die Basis der militanten Szene bilden Leute, die perspektivlos sind. Unabhängig davon gibt es eine kleine studentische Szene von einzelnen Leuten, die sich nicht mit der militanten Schläger-Szene vermischt. Entsprechende Einstellungen finden sich quer durch die ganze Gesellschaft. Das ist der Professor, der Studenten mit Migrationshintergrund benachteiligt. Das ist der Vermieter, der seine Wohnung nicht an „Ausländer“ vermietet. Wenn man diesen Leuten sagen würde: „Du bist ein Nazi“, wären sie empört. Ich erinnere mich da an ein Zitat eines Jugendlichen, der gesagt hat: „Kanaken und Nazis kann ich nicht leiden.“ Das trifft genau den Punkt, rassistisch denken, aber man ist kein Nazi. Doch Rassismus hat nichts mit organisiertem Neonazismus zu tun. Jeder Dritte in Deutschland ist rassistisch, jeder Achte hat ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Die Szene wäre froh, wenn diese Leute zu ihnen kämen, aber das findet nicht statt.
Das größte Problem der Szene ist, dass sie gerade keine Frauen kriegen.
Sind rechtsradikale Frauen ein unterschätztes Phänomen der rechten Szene?
Weder organisatorisch, noch auf Posten, noch bei Demonstrationen lässt sich irgendwie belegen, dass Frauen stärker in der rechtsextremen Szene vertreten sind. Etwa 20 Prozent der Mitglieder sind Frauen, dies aber bereits seit den frühen 80er Jahren. Das größte Problem der Szene ist, dass sie gerade keine Frauen kriegen. Wer hat in der NPD Posten? Da finden sich kaum Frauen. Es ist nach wie vor ein Männerverein. Aufstiegwillige, gut gebildete Frauen sind am wenigsten anfällig. Die Szene hat ein Frauenbild, das eben für diese Frauen nicht akzeptabel ist.
Welche Gründe gibt es für den Eintritt?
Die Gewaltbereitschaft der Jugendliche und das rassistische Gedankengut bekommen die Kinder bereits durch ihre Erziehung mit. Das ist bereits eine Vorentscheidung, die dazu führt, dass sich Leute in diese Richtung entwickeln. Es ist allerdings alles veränderbar. Man spricht deswegen nicht mehr von Ursachen, sondern von Risikofaktoren.
Werden die Jugendlichen im digitalen Zeitalter verstärkt über das Internet angeworben?
Anwerbung wird immer nur vom Jugendschutz thematisiert. Was dabei unterschätzt wird: Es gibt vieles anderes und Jugendliche sind keine seelenlosen Opfer. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass Jugendliche eine größere Medienkompetenz besitzen als Erwachsene. Bei Facebook gehen zum Beispiel Erwachsene viel offener und risikoreicher mit ihren Daten um. Die Jugendlichen beurteilen Online-Medien kritischer. Sie wissen um die Möglichkeit der Datenmanipulation, weil Sie sich selbst im Internet inszenieren. Die öffentliche Wahrnehmung dieser Medien ist mir zu einseitig; aber natürlich gibt es Risiken, auf die hingewiesen werden müssen.
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Klaus Farin im Gespräch (Teil 2): Effektive Maßnahmen gegen rechtsextreme Jugendliche










