Effektive Maßnahmen gegen rechtsextreme Jugendliche
Rechtsextremismus in Jugendkulturen – Autor Klaus Farin im Gespräch (Teil 2)
... Fortsetzung des Interviews mit Klaus Farin ...
Was sind Ihrer Meinung nach die effektivsten Maßnahmen, die man gegen Rechtsextreme ergreifen kann?
Meine politisch strukturelle Forderung wäre, schnellstmöglich den Verfassungsschutz aufzulösen. Es wird noch mehr herauskommen, dass der Verfassungsschutz ein struktureller und personeller Aufbauhelfer der rechtsextremen Szene ist. Die Mehrheit der Gesellschaft muss auf Distanz dazu gehen und solche Leute isolieren. Die bunten Jugendkulturen müssen im Gegenzug unterstützt werden. Es ist ein riesiger Skandal, dass Skater, Rapper oder Punks als viel schlimmer angesehen werden als Nazis.
Rührt das daher, dass Skater, Rapper und Punks ihren Lebensstil viel offener zur Schau tragen?
Solange die Nazis unter sich bleiben, stören die keinen. Aber der Punk sitzt in der Fußgängerzone, das stört beim Einkaufen. Gerade bunte Jugendkulturen stören offenbar das Spießerherz mehr. Wenn in einer Kleinstadt viele bunte Jugendkulturen vorhanden sind, dann haben es Neonazis schwer. Weil jeder 13-Jährige, der eine Clique sucht, gar nicht auf die Idee kommt, sich den Rechten anzuschließen. Kaum einer geht in die rechte Szene, weil er Hitler liebt, sondern weil die cool sind. Da ist mir unverständlich, dass im Osten Jugendclubs, -zentren und -flächen geschlossen werden.
Ist Rechtsextremismus also ein Phänomen, das vor allem den Osten Deutschlands betrifft?
In allen Bundesländern ist die Quote, die rechtsextreme Meinungen vertreten, gleich hoch. Aus anderen als den verbreiteten Gründen trifft also die Ost-West-Diskrepanz zu. Man weiß, dass in Westdeutschland die Mittelschichten am wenigsten anfällig für militanten Rechtsextremismus sind. In den neuen Bundesländern fehlt eine immunisierende, tabuisierende Bevölkerungsschicht ganz massiv. Wir stellen fest, dass seit den 90er Jahren das Problem in den größeren Städten zurückgegangen ist, weil dort diese Form stärker geächtet wird. Die rechtsextremen Hochpunkte befinden sich alle in ländlichen Regionen.
Wie schätzen Sie den Effekt ein, den ein NPD-Verbot haben würde?
Also Verbote bringen gar nichts. Die benennen sich um und existieren weiter. Die NPD als größte Organisation ist aus den Verboten immer gestärkt hervor gegangen. Wenn sich der staatliche Druck auf die Organisationen erhöht, bewirkt das nur, dass sich alle gegen einen gemeinsamen Feind in den verbliebenen Organisationen verbünden. Das hat gleichzeitig eine Alibi-Funktion für den Bürger. Er empfindet sich als nicht zuständig. Dabei funktioniert Demokratie gerade dadurch, dass sich der Bürger engagiert. Auch da ist ein Verbot kontraproduktiv. Zudem waren die Täter aus Thüringen meines Wissens nicht in der NPD und ohne NPD hätte es die auch gegeben.
Dass Täter bekannt sind, verdanken wir nicht den Behörden
Was halten Sie dann von der Verbunddatei über Rechtsextremisten, die Bund und Länder schaffen wollen?
Das ist wieder ein typischer Schnellschuss der Politiker. Ein großes Problem ist, der Verfassungsschutz hat oft Kenntnisse, sagt sie aber nicht den Ermittlungsbehörden. Eben weil bekannt werden könnte, von wem die Informationen stammt, eben von ihrem inoffiziellen Mitarbeiter. Es ist ein ständiges Ärgernis für die Polizei, dass der Verfassungsschutz Dinge weiß und die Polizei nicht. Die Verbunddatei für die Polizei mag Sinn machen, allerdings waren die Täter bereits bekannt. Meines Erachtens hätte eine Datei in diesem Fall nichts gebracht. Dass Täter bekannt sind, verdanken wir engagierten Journalisten und Antifas, aber nicht den Behörden.

- Das Projektteam besteht aus Fachleuten der politischen Bildung und Vertretern unterschiedlicher Jugendszenen
Welche präventiven Maßnahmen ergreifen Sie im Archiv der Jugendkulturen?
Wir haben ein Team aufgebaut von über 70 Leuten, die größtenteils selbst aus Jugendkulturen sind. Wir bieten jugendkulturelle Workshops für Schulen an. Das Ziel ist es, geschichtliche Hintergründe zu vermitteln, denn die meisten Jugendkulturen sind bunt und nicht braun. Letztendlich geht es immer um Toleranz, das vermitteln wir bei dem Projekt „Culture on the Road“. Bei den Erwachsenen muss das Bewusstsein gestärkt werden, dass nicht jeder Emo selbstmordgefährdet ist, Grufties keine Friedhofsschänder sind, Black Metaler keine Satanisten und Skins auch links sein können.

- Die Workshops für Jugendliche ab 14 Jahren werden seit 2002 bundesweit veranstaltet
Sprechen Sie mit den Schülern auch über deren eigene Erfahrungen mit Rechts?
Ich mache regelmäßig „Böhse Onkelz-Workshops“. Da wird automatisch diskutiert, welche Erfahrungen die Schüler mit Drogen und Rechts gesammelt haben, aber eben auf spannende Art. Wenn ich über deren Texte spreche oder denen ein Video zeigen, in dem der Sänger sagt, ich war auch mal so beschissen drauf, ich habe mich geändert und wenn ihr heute Fans der Böhsen Onkelz seid, könnt ihr keine Nazis sein oder ihr habt nichts von uns verstanden. Dann packt das die Jugendlichen.



