Vom Studium in die Obdachlosigkeit - Teil 1

- Foto: Markus Milde
Kein Dach überm Kopf. Martin aus Dortmund hat dies im vergangenen Jahr selbst erlebt. UNICUM erzählt die Geschichte eines Absturzes.
Martin, 26 Jahre alt, kommt aus einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen. Er trägt die Haare kurz, hat eine runde Brille und ein spitzes Kinn. Seinen Nachnamen möchte er lieber nicht gedruckt sehen, denn seine Geschichte klingt nur am Anfang gut: Er hat das Fachabitur gemacht, ging zur Bundeswehr, absolvierte erfolgreich eine Ausbildung zum Industriemechaniker.
Ab dem Wintersemester 2008 studiert Martin Maschinenbau an der Hochschule Niederrhein-Krefeld. Nebenbei arbeitet er weiter bei seiner alten Ausbildungs Firma. Er hat Zwölf-Stunden-Tage, will aber unbedingt etwas verdienen, zahlt seinen Eltern Geld dafür, dass er weiter bei ihnen wohnen kann. Sein Einkommen in dieser Zeit liegt bei 400 Euro monatlich, einen Bafög-Antrag will er nicht stellen, denn er wolle dem Staat nicht auf der Tasche liegen, sagt er.
„Für einen eigenen Haushalt hätte mein Geld nicht gereicht. Ich musste ja auch Studiengebühren zahlen.“ Im Januar 2010 verliert Martin den Job. Seine Firma hat die Kurzarbeit eingeführt, er wird nicht mehr gebraucht. Über Monate schlägt er sich mit Aushilfsjobs durch, im Februar 2011 bricht er schließlich sein Studium ab, weil es finanziell einfach nicht hinhaut. Und damit beginnt sein Absturz.
Ein Bekannter bringt ihn auf die Idee: „Geh doch zur Fremdenlegion.“ Martin findet den Gedanken gut, schließlich bezahlt die Fremdenlegion ihre Soldaten besser als die Bundeswehr. Er fährt nach Straßburg zu einem Rekrutierungs-Büro. Beim Medizin-Check erzählt Martin dem Arzt, dass bei ihm vor einigen Jahren ein Tumor am Hals entfernt wurde. Er muss den Arztbericht über die Operation vorlegen, daraufhin wird ihm die Aufnahme in die Fremdenlegion verweigert.
"Hunger? Nein, mein Körper kennt das so."
Für den jungen Mann ist das ein Schock, gründlich hatte er sein neues Leben geplant. Martin kehrt zurück nach Deutschland und bleibt schließlich in Dortmund hängen. Behördengänge, ein Hartz-IV-Antrag, Wohnungssuche – das alles überfordert ihn. Zurück zu den Eltern will er auf keinen Fall.
Noch hat er 400 Euro in der Tasche. Also kauft er sich einen Schlafsack und beschließt, erst einmal auf der Straße zu leben. „Ich mache da niemanden dafür verantwortlich. Es war meine Entscheidung“, sagt er.
Er sucht sich ein Gebüsch als Schlafplatz, legt den Boden mit leeren Müllbeuteln aus, darauf den Schlafsack. Es ist Ende März, die Sonnenstrahlen werden wärmer, aber nachts friert Martin. In eine Notschlafstelle für Obdachlose will er nicht: „Dort wird viel geklaut, es ist nicht sauber und die Leute trinken und nehmen Drogen.“ Martin selbst hatte in seinem ganzen Leben nie einen Rausch.
Auch zum Dortmunder Hauptbahnhof, wo viele Wohnungslose herumstromern, zieht es ihn nicht. Er bleibt ein Einzelgänger und legt Wert darauf, gepflegt zu sein, duscht regelmäßig im „Gast-Haus“, einer Tageseinrichtung für Menschen auf der Straße, putzt seine Zähne, wäscht seine Kleider. Sauberkeit heißt Mensch sein.
Statt herumzusitzen, läuft er den ganzen Tag durch Dortmund, will die Stadt besser kennenlernen. Seine Dokumente und den Waschbeutel versteckt er an verschiedenen Stellen im Gebüsch. Und er hat eine Waffe zur Verteidigung, die er immer mit sich trägt: eine Nagelschere. Jeden zweiten Tag isst er einen Döner, an den anderen Tagen holt er sich frisches Obst. Ob er nie Hunger hat? „Nein, mein Körper kennt das so.“
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