Zwischen Wahnsinn und Wahrheit – Charlotte Roches Schoßgebete

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Ihr Debütroman „Feuchtgebiete“ schlug ein wie eine Bombe. Ihr zweiter Roman „Schoßgebete“ steht dem in nichts nach. Er erklomm auf Anhieb die Bestsellerlisten. UNICUM verschafft euch einen Einblick in den Seelenstriptease der Erfolgsautorin. Und verrät, ob sich das Buch auch wirklich lohnt.
Während „Feuchtgebiete“ jung daher kommt, wirkt „Schoßgebte“ erwachsener als ihr Erstling. Dafür aber nicht weniger skandalös. Der Roman wirft einen Blick hinter die Fassade einer modernen Ehe. Elizabeth Kiel (33) will alles besonders richtig machen: Sie will ihrem Ehemann eine perfekte Frau sein, ihrer Tochter eine perfekte Mutter und ihrer Therapeutin eine perfekte Patientin. So weit - so gut. Auffällig ist die frappierende Ähnlichkeit zwischen Protagonistin und Autorin: Beide leben in einer Patchworkfamilie mit Tochter und neuem Mann.
Nichts ist so wie es war
Der Mann hat einen Sohn aus erster Ehe, der allerdings nicht in der Familie lebt. Ein vor Jahren geschehener Autounfall stellte das Leben der Protagonistin auf den Kopf. Nichts mehr ist danach so, wie es vorher einmal war. Drei ihrer Brüder sind auf einer belgischen Autobahn ums Leben gekommen, auf dem Weg zu ihrer Hochzeit in London. Ihre Mutter überlebt schwer verletzt.
Wäre da nicht dieses „verdammte“ Kind und ihr Ehemann, die Ich-Erzählerin hätte sich wahrscheinlich schon längst umgebracht. Allerdings ist es nicht das Leben einer erfundenen Figur, das Charlotte Roche hier in weiten Teilen schildert, sondern ihr eigenes. Charlotte Roche versteht es, Biographie mit scheinbarer Fiktion zu vermischen. Es verhält sich so wie mit einem zweiten Ich, das uns Charlotte Roche mit „Elizabeth Kiel“ vorlegt. Die Ähnlichkeit zwischen ihrem Namen Charlotte Elisabeth Grace Roche und dem Namen der Protagonistin ist nicht zufällig gewählt. Der Name der Figur entspricht ihrem Zweitnamen, nur das „s“ hat sie mit einem „z“ getauscht.
Tragisches Familiengeheimnis
Das tragische „Familiengeheimnis“, das sie sowohl in „Feuchtgebiete“ als auch in „Schoßgebete“ in den Handlungsstrang integriert, scheint die Autorin nicht mehr los zu lassen. Es ist die Erzählung von ihrer Großmutter, die sich gemeinsam mit ihrem Sohn, also Charlotte Roches Onkel, umbringen wollte. Ihre Mutter ist zwölf, als sie die beiden mit einem Kissen unter dem Kopf und einem offenen Gashahn in der Küche vorfindet. Auch diese Episode ist biographisch, wie Mutter und Tochter im gemeinsamen EMMA-Interview 2001 verrieten.
An welcher Stelle Biographisches aufhört und Fiktionales beginnt, ist schwer zu unterscheiden. Und so fragt sich der Leser unwillkürlich, ob auch Charlotte Roche regelmäßig mit ihrem Mann ins Bordell geht. Denn dazu lässt sich zumindest Elizabeth Kiel, mehr ihrem Partner zuliebe als aus eigener Motivation, immer wieder hinreißen. Oder ob auch die Autorin und ihr Ehemann unter Wurmbefall leiden?
Ein echter Roche
Im Roman passiert – wenn man so will – recht wenig. Der Roman bildet drei Tage im Leben der Anti-Heldin ab. Nahezu akribisch beschreibt Charlotte Roche auf den ersten fünfzehn Seiten des Romans das eheliche Liebesspiel. Schon hier wird der Leser mit der Zwangsneurose der Protagonistin konfrontiert: Damit die Nachbarn keinen Mucks hören, müssen die Fenster unbedingt geschlossen sein. Außerdem muss es schön warm sein. Dafür sorgen die 40 Grad der Heizdecke.
Mit ironischer Distanz, expressiver Wortwahl und schnoddriger Sprache begegnet der Leser einer Ich-Erzählerin, die sich, getrieben von ihren Ängsten und Gedanken, droht selbst zu verlieren. Hinter dem scheinbar bedeutungslosen Gesabbel ihrer Protagonistin versteckt sich tiefe Traurigkeit. Zwischen den Zeilen ist Charlotte Roches „Schoßgebte“ gleichzeitig Liebes- und Familiengeschichte. Ein packendes und provokantes Buch, das man nicht mehr so schnell aus der Hand legen mag. Eben ein echter Roche!
Charlotte Roche
Schoßgebete
Roman, 282 Seiten
Pieper (2011)
16,99 Euro





























































































































































































