UNICUM schaut: Shame

Der zweite Film von Regie-Durchstarter Steve McQueen ist ab dem 13. September erhältlich

von Barbara Kotzulla
Michael Fassbender und Carey Mulligan in "Shame" | Foto: Prokino

Shootingstar Michael Fassbender ("Prometheus", "Inglourious Basterds") vollführt in Shame die totale Entblößung – körperlich wie seelisch. Die Geschichte eines sexsüchtigen New Yorkers, den der Besuch der exzentrischen Schwester aus der Bahn wird, begeistert durch ihre Radikalität. Doch in der Provokation bleibt der Film so kühl wie seine Hauptfigur.

Das Monster im Kopf

Brandon (Michael Fassbender) ist attraktiv, erfolgreich, gebildet. Was niemand ahnt: Hinter der perfekten Fassade bröckelt es. Brandon ist besessen von Sex. Sein Alltag dreht sich um Masturbation, Cybersex, Pornos, Treffen mit Prostituierten und One-Night-Stands. Gefühle sind Brandon fremd, seine längste Beziehung dauerte vier Monate. Einsam verbringt er seine Abende vor dem Laptop oder zieht mit seinen Arbeitskollegen durch die Bars.

Eines Tages steht seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) vor der Tür. Die Sängerin hat einige Auftritt in New York und sucht eine Bleibe. Widerwillig lässt Brandon sie einziehen, weiß er doch, welches Bedürfnis nach familiärer Nähe die offenherzige Blondine verspührt.

Sissys Verletzlichkeit ist es dann auch, die Brandon dazu bringt, sich mit seiner Sucht auseinanderzusetzen. So trifft er sich z.B. mit seiner Kollegin Marianne (Nicole Beharie) zu einem ernsthaften Date. Doch das Monster in Brandons Kopf lässt sich so leicht nicht besänftigen.

Was zählt ist der Konsum

Nach seinem hochgelobten Regiedebüt "Hunger" (2008), dass den Hungerstreik des IRA-Mitgliedes Bobby Sands thematisiert, beschäftigt sich Steve McQueen auch in Shame mit einem Menschen in Gefangenschaft. Doch während Sands (ebenfalls gespielt von Michael Fassbender) im Gefängnis sitzt und für seine Freiheit kämpft, ist Brandon ein Opfer seiner eigenen Psyche.

Als "vollwertiges" Mitglied der modernen Gesellschaft hat er Gefühle und Intimität aus seinem Leben verbannt. Was zählt ist der Konsum, und dazu gehört der Konsum von Sex. In langen Einstellungen lässt McQueen den Zuschauer an der Leere im Leben seiner Hauptfigur teilhaben. Alles wirkt perfekt: Die schicke Wohnung, der tolle Job, das aufregende New York. Doch ohne zwischenmenschliche Bindungen kippt die Perfektion in Eiseskälte.

Michael Fassbender liefert in Shame eine grandiose Schauspielleistung ab. Kühl und berechnend geht er als Brandon der Sucht nach. "Shame", auf deutsch Scham, hat der Hollywood-Star bei seiner Darstellung komplett abgelegt: Die unzähligen Sex-Szenen wirken echt, die frontalen Nackteinstellungen ziehen sich über Minuten hin. Das minimale Aufbrechen seiner Figur, die leichten Gefühlswallungen weiß Fassbender subtil und glaubwürdig zu vermitteln. 

Auch dank seines Gegenparts Carey Mulligan. In Shame interpretiert sie als Sängerin Sissy den Klassiker "New York, New York" von Frank Sinatra so eindringlich, dass selbst dem hartgesottensten Filmgucker mulmig werden dürfte. Mulligan beweist hier einmal mehr, dass sie ein Händchen für gute Rollen hat. Nach u.a. "Public Enemies" und "Drive" zählt sie zu den vielversprechendsten Hollywood-Talenten.

Zum Schluss bleibt die Leere

Doch trotz der großartigen Schauspieler und den tollen Bildern bleibt Shame immer auf Distanz zum Zuschauer. Einen wirklichen Einblick in das Seelenleben des Sexsüchtigen bekommen wir nicht. Seine Vergangenheit, seine Motivation bleibt im Verborgenen. Diese Kühle ist sicherlich ein Kalkül von Regiesseur Steve McQueen. Doch verstärkt durch seine stilisierten Bilder schafft es McQueen einfach nicht, Leidenschaft für Shame beim Zuschauer zu erwecken.

Shame ist ein provokanter, bewegender, verstörender Film, der zwar begeistert, doch letztendlich nur Leere zurücklässt.


Shame

Drama, UK 2011 

Regie: Steve McQueen

Darsteller u.a.: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale

Verleih: Prokino

VÖ: 13. September 2012

www.shame-derfilm.de

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