UNICUM trifft: Tom Tykwer

Ab dem 15.11. im Kino: "Cloud Atlas", der neue Film des "Lola rennt"-Regiesseurs

von Dieter Oßwald
Tom Tykwer | Foto: Jim Rakete

Mit "Lola rennt" gelang Tom Tykwer 1998 der Durchbruch, mit "Das Parfum" folgte der internationale Kassenerfolg. Nach seinem Bankenthriller "The International" und der Liebesgeschichte "Drei" wagte sich der Regisseur gemeinsam mit den "Matrix"-Machern Lana und Andy Wachowski an die Verfilmung von  David Mitchells "Wolkenatlas". Mit einem Budget von 100 Millionen Dollar gehört das in Babelsberg gedrehte Werk zu den teuersten deutschen Produktionen. Neben Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon steht auch Tom Hanks in mehreren Rollen vor der Kamera. UNICUM Mitarbeiter Dieter Oßwald sprach mit dem Regisseur.

"Wir wenden uns an Zuschauer, die Spaß am Nachdenken haben"

UNICUM: Herr Tykwer, Ihr Film handelt von Wiedergeburt, was war Sie denn in ihrem vorigen Leben?
Tykwer: Ich weiß nicht so recht. Vielleicht ein ausgepeitschter Sklave, der sich aus der Gefangenschaft befreit? (lacht)

Ganz so ernst wie der "Cloud Atlas" nehmen Sie selbst die Sache der Reinkarnationen nicht?
Wir hatten nie einen starken religiösen Leitfaden, sondern die Geschichte vielmehr über das Erbgut interpretiert. Alle Schauspieler spielen – aus meiner Sicht - gleichsam einen genetischen Strang, der in unterschiedlichen Formen immer wieder auftaucht. Wissenschaftlich ist unbestritten, dass in uns allen noch vererbte Eigenschaften aus früheren Jahrhunderten stecken. Wie weit man das spirituell interpretieren möchte, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen. Unser Film hat kein Dogma, wir überlassen dem Publikum die Entscheidung.

Der Film spielt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und zeigt dieselben Figuren in unterschiedlichen Epochen - wie komplex darf es im Kino zwischen Popcorn und Cola zugehen?
Die Erfahrung mit Testvorführungen hat klar gezeigt, dass sich ein ganz normales Publikum den Film völlig entspannt und mühelos anschaut, das Kino wurde regelrecht zur Partyzone. Die Zuschauer hatten sofort Lust, in dieses neue Universum einzutauchen, wahrscheinlich auch, weil sie von den vielen formelhaften Filmen mit dem immer gleichen Aufguss mittlerweile die Nase voll haben.

Für ein Budget mit 100 Millionen Dollar ist das ein gewagtes Experiment, Terry Gilliam ist mit seinen visuellen Wundertüten öfters auf die Nase gefallen …
Ich liebe "Brazil" von Gilliam, aber das war auch sehr exzentrisch, düster und sarkastisch. Im Unterschied dazu will "Cloud Atlas" mit seinen sprudelnden Ideen emotional und zugänglich sein. Wir bieten dem erwachsenen Publikum einen Film, den man unbedingt im Kino erleben muss, weil er die große Leinwand braucht. Wir wenden uns an Zuschauer, die Spaß am Nachdenken haben und dabei auf aufregende Unterhaltung nicht verzichten wollen. Das ist ein durchaus kommerzielles Konzept, das bislang einfach zu selten ausprobiert wurde.

Mit welchen dramaturgischen Ködern fangen Sie Ihr Publikum?
Wir spazieren in möglichst viele vertraute Zonen des Erzählerischen, damit das Publikum sich schnell zurechtfinden kann. Dann biegen wir ab und betreten ungewohntere Pfade und sagen: Schaut mal, wie anders man heutzutage erzählen kann, ohne dass es anstrengen muss. Möglich wird das nicht zuletzt dank der vielen Trainingseinheiten, die den Zuschauern inzwischen in TV-Serien wie "Mad Men" geboten werden. Dort werden ganz selbstverständlich acht bis zehn Bälle der Handlung in der Luft gehalten und über Stunden hinweg anstrengungslos jongliert.

"Alle Grenzen sind Konventionen, die man überwinden kann"

Sie haben den Film gemeinsam mit den Wachowski-Geschwistern gemacht, wer hat welche Episoden gedreht, wie sah die Arbeitsteilung aus?
Wir haben sechs Jahre lang gemeinsam an diesem Projekt gearbeitet und alles zusammen gemacht, von der Besetzung über die Dialoge bis zum Entwurf der Kulissen oder dem Schnitt. Bei den Dreharbeiten haben wir abwechselnd die Regie übernommen, deswegen kann man gar nicht aufteilen, wer hier was gemacht hat. Das finde ich auch gar nicht wichtig, ganz im Gegenteil. Zu dritt einen Film zu drehen, bedeutet eine klare Abkehr vom Mythos der Autorenschaft und des Einzelschöpfers.  

Worüber haben Sie beim kreativen Dreier gestritten?
Wir haben über vieles gestritten, aber das war stets produktiv, weil wir uns wirklich sehr gut verstehen und seit Jahren gemeinsam einen Film machen wollten. Eigentlich war es erstmal eine Schnapsidee, aber als wir auf David Mitchells Roman stiessen, waren wir völlig fasziniert. Wir haben in Costa Rica ein Haus gemietet, uns ein paar Wochen eingeschlossen und den Roman auseinandergepflückt. Dabei haben wir unsere Lieblingsszenen auf Karteikarten geschrieben und auf dem Boden ausgelegt, dann ein neues Mosaik rearrangiert - so entstand das ganze Drehbuch.  

Wie war die Arbeit mit Hollywood-Star Tom Hanks?
Tom ist eine echte Gute-Laune-Maschine, er hat auch an harten Tagen beim Dreh immer alle mitgerissen. Er war sehr glücklich über diesen Film, weil er hier die Möglichkeit hatte, einmal ganz andere Dinge zu machen als sonst üblich und dabei die ganze Wundertüte seines Könnens auspacken konnte. Ganz besonders gefielen ihm seine Auftritte als heimtückischer Arzt und vulgärer Autor. Seine Hingabe zu diesem Projekt war absolut grenzenlos.

Abgesehen von Martin Wuttke, Götz Otto und einem VW Käfer gibt es keine deutschen Darsteller in dieser Produktion, die zum großen Teil in Babelsberg gedreht wurde - woran liegt dieser Mangel?
Das ist eine englischsprachige Produktion, in der die unterschiedlichen Dialekte der verschiedenen Regionen eine ganz besondere Rolle spielen. Einen deutschen Schauspieler zu einem guten Schotten zu machen ist sprachlich einfach kaum möglich. Für die synchronisierte Fassung hierzulande wäre das kein Problem, aber in der Originalfassung wirkt das niemals überzeugend.

Während die Figur von Tom Hanks einige Jahrhunderte benötigt, um vom geistigen Neandertaler zum moralischen Menschen zu werden, gelingt das den Heldinnen sofort - sind Frauen die besseren Menschen im Tykwer-Universum?
So stimmt das ja nicht. Speziell die ungewöhnlichste Heldin, der Klon Sonmi-451, benötigt den gesamten Film, um von einer Sklavin zur Heldin zu reifen. Halle Berrys Hauptfiguren sind im Roman auch schon mit viel Mut ausgestattet, aber sie haben auch immer eine schwere Last zu tragen. Tom Hanks benötigt tatsächlich etliche Zeit, um sich vom miesesten Charakter am Anfang zu einer Figur zu entwickeln, die ihre Dämonen besiegt und moralische Kompetenz erreicht. Allerdings ist die wahrscheinlich unheimlichste, negativste Figur im ganzen Film die Oberschwester im Altenheim - wenngleich sie von Hugo Weaving, also einem Mann, gespielt wird.

Reflektiert sich darin die ganz reale Geschlechtsumwandlung von Co-Regisseur Larry Wachowski zu Lana?
Im Film heißt es einmal: "Alle Grenzen sind Konventionen, die man überwinden kann" - das ist nicht nur ein zentrales Thema dieser Geschichte, sondern entspricht durchaus unsere eigenen Philosophie.


Cloud Altlas

Abenteuer/Drama/Sci-Fi, D/USA/ 2012

Buch & Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

Darsteller u.a.: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Ben Whishaw, James D’Arcy, Susan Sarandon, Hugh Grant

Verleih: X-Verleih

Kinostart: 15. November 2012

www.cloudatlas-derfilm.de

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