Die Melodie Des Protests

- Foto: Raphael Thelen
„Musik ist Macht“, sagt Pedro da Silva Martins, Songschreiber und Gitarrist der portugiesischen Band Deolinda. Mit ihrem Song „Parve Que Sou“ hat die Band im Frühjahr 2011 die größten Studentenproteste seit dem Sturz der Diktatur ausgelöst.
Parve Que Sou“, der Titel des Songs der portugiesischen Band Deolinda, bedeutet übersetzt „Was für ein Idiot ich bin“. Er handelt von einer jungen Frau, die sich in Praktika ausbeuten lässt und sich dennoch freut – immerhin besser als Arbeitslosigkeit. Die Band präsentierte den Song zum ersten Mal auf einem Konzert im Februar und traf bei vielen jungen Menschen einen Nerv.
Einer dieser jungen Menschen ist Paula Gil. Die 27-Jährige hat ihren Master an einer englischen Universität gemacht und spricht mehrere Sprachen fließend. Trotzdem konnte sie nach ihrem Studium nur ein Praktikum ergattern. Ihre Mutter und ihr Bruder sind arbeitslos, die Rente ihrer Großmutter reicht nur für das Nötigste. Ein Schicksal, das viele junge Portugiesen teilen.
Kurz nach der Premiere von „Parve Que Sou“ auf einem Konzert in Lissabon und der Verbreitung von Handyvideos auf Youtube beschlossen Paula Gil und ein paar Freunde eine Facebook-Gruppe zu gründen, um ihre gemeinsamen Probleme online zu diskutieren. Was folgte, überraschte alle. „Nach drei Tagen hatte die Gruppe schon 3 000 Mitglieder und alle sagten, dass sie sich einer Demonstration am 12. März anschließen würden“, erinnert sich Gil. Als es schließlich so weit war, wurden die Erwartungen von Gil und ihren Freunden weit übertroffen, sie mussten sogar spontan den Ort der Abschlusskundgebung verlegen: Statt 3 000 waren 300 000 Menschen gekommen.
Düstere Zukunftsaussichten, schlechte Studienbedingungen
Schuld an der großen Unzufriedenheit der Studenten sind, neben den düsteren Zukunftsaussichten, die schlechten Studienbedingungen. Die Universitäten sind trotz einer Bildungsoffensive unterfi nanziert, bürokratische Hürden behindern eine zeitgemäße Lehre und Masterkurse sind häufig überfüllt. Sitzplätze gibt es oft nur auf dem Fußboden. Die Bologna-Reform sollte Abhilfe schaffen, doch viele Änderungen waren nur kosmetisch. Und letztlich helfen auch verkürzte Studienzeiten nicht, wenn es wenig oder nur unsichere Jobs gibt. Eine Reihe neoliberaler Arbeitsmarktreformen hat das Arbeitsrecht so weit aufgeweicht, dass die meisten Angestellten keinen festen Vertrag haben, sondern auf Tages- oder Wochenbasis angestellt sind. Viele wissen nie, ob sie am nächsten Tag noch einen Job haben.
Im Nachbarland Spanien ist die Situation ähnlich: viele Studenten, wenig Jobs. Und die Bankenrettung während der Finanzkrise 2008 hat die Staatsfi nanzen ruiniert und das Wirtschaftswachstum gestoppt.
Deswegen treffen sich beinahe täglich die „Indignados“, die Empörten, auf den Plätzen Madrids, um gegen ihre Situation zu protestieren und Lösungsvorschläge zu diskutieren. Carmen Nieto Cornella ist seit Beginn der Proteste am 15. Mai mit dabei. Sie weiß, dass die Bewegung bis jetzt noch nicht viel Konkretes vorzuweisen hat. Dennoch sieht sie tief greifende Veränderungen in der spanischen Gesellschaft: „Wir sind schon lange sauer, aber vorher haben wir höchstens zu Hause mit unseren Freunden darüber diskutiert und sonst nichts getan. Jetzt passiert etwas. Die Menschen sind endlich aufgewacht!“
Musik hat im Widerstand eine lange Tradition
Ana Bacalhau, Sängerin von Deolinda, sieht das ähnlich. „Parve Que Sou“ war nicht der erste kritische Song der Band, doch frühere Lieder fanden nicht so viel Anklang oder wurden von den etablierten politischen Parteien für ihre Zwecke eingespannt. Doch das wäre heute nicht mehr möglich, sagt Bacalhau: „Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der die Menschen wieder Musiker hören wollen, die einen kritischen Standpunkt gegenüber der Gesellschaft haben.“
Sowohl Portugal als auch Spanien haben in dieser Hinsicht eine lange Tradition. Musik hat im Widerstand gegen die jeweilige faschistische Diktatur immer eine große Rolle gespielt. Deolinda will an diese Tradition anknüpfen und auch die Studenten wollen nicht so schnell klein beigeben. Paula Gil und die Mitglieder von Deolinda glauben, dass es bald wieder verstärkt zu Demonstrationen kommen wird. Längst brodelt es in vielen Ländern Europas. Überall ist die Jugend wütend auf ihre Regierungen, die viel versprechen, aber wenig halten. Nicht zuletzt in der arabischen Welt haben in diesem Jahr junge Menschen mit düsteren Zukunftsaussichten mehr als eine Regierung gestürzt, die taub war für die Sorgen und Ängste der Jugend.
Kurz & kompakt
- 300 000 Menschen gingen im März in Lissabon auf die Straße. So viele wie seit der „Nelkenrevolution“, dem Ende der faschistischen Diktatur in Portugal, nicht mehr.
- In Spanien ist fast jeder zweite Jugendliche unter 25 Jahren arbeitslos. In Portugal ist es jeder vierte.
- Die Mitglieder von Deolinda sind eine große Familie. Die beiden Gitarristen sind Brüder, Ana Bacalhau, die Sängerin, ist ihre Cousine und der Bassist der Band ihr Ehemann.









