UNICUM trifft: Mille Petrozza von Kreator

Die Thrash Metal-Legende als Uni-Dozent

von Barbara Kotzulla
Foto: Heilemania

Musikstudenten des Seminars "Hard Rock/ Heavy Metal" an der Essener Folkwang Universität der Künste durften sich am 08. Mai über den Besuch eines besonderen "Gast-Dozenten" freuen: Mille Petrozza, Gitarrist und Sänger der legendären Thrash Metal-Band Kreator gewährte Einblick ins Rockgeschäft und stand den Studierenden Rede und Antwort. UNICUM war dabei und hat mit dem Musiker nach dem Seminar gesprochen.

Treffen der Generationen

Anfang der 80er als Schülerband in Essen gegründet, zählen Kreator nach 30 Jahren zu den bekanntesten und ältesten Bands des Thrash Metal. Dabei gehört die Gruppe noch lange nicht zum alten Eisen, wie die zahlreichen Studenten und Fans bewiesen, die am späten Abend in den Seminarraum pilgerten, um mit Sänger Mille Petrozza zu reden. 

"Ich bin froh, wenn ich sehe, dass sich auch die jungen Generationen für den Metal begeistern," so Mille nach der knapp einstündigen Seminarrunde, "und zugleich bin ich auch wieder überrascht, wenn ich sehe, dass die Musik immer noch funktioniert ..."

im Gespräch

Foto: Privat

UNICUM: Mille, es scheint, als würde dir der Musiknachwuchs sehr am Herzen liegen ...
Na, klar: Musik rettet Leben. Ernsthaft. Es gibt viele Jugendliche, die nichts mit ihrer Freizeit anfangen können – wenn du Musik machst, machst du wenigstens keine Dummheiten. Ein Instrument lernen, in einer Band spielen, das stärkt das Selbstbewußtsein. Man erlebt dabei Erfolgserlebnisse und kann selber etwas kreieren und entwickeln. In der Musik gibt es keine Regeln: Jeder kann die Musik machen, die er mag. Musik ist einfach eine unglaubliche Spielwiese, auf der man sich ausprobieren kann.

Du bist mit 16 Jahren zum ersten Mal mit deiner Band ins Studio gegangen. Hat dir die Musik auch das Leben gerettet?
Sagen wir mal so: ich komme eben aus Altenessen, das ist nicht die beste Gegend. Viele meiner Freunde, wussten nicht, womit sie ihre Freizeit füllen sollten und sind zum Teil auf Drogen gekommen. Richtig drogensüchtig ist zwar keiner geworden, aber es hätte passieren können.

Hast du denn damals in jungen Jahren gedacht, dass du mit der Musik so weit kommen wirst?
Nein, aber ich habe es natürlich gehofft. (lacht). Ich habe meine Schulzeit damit verbracht, Bilder von mir zu malen, auf denen ich auf einer riesigen Bühne vor hunderten Verstärkern stehe. Das waren zwar Hirngespinste – aber im christlichen Raum sagt man: "Glauben kann Berge versetzen." Und irgendwie ist das auch so. Klar, man braucht auch Glück, aber wenn man konstant an einer Sache arbeitet, wird das irgendwann einmal Früchte tragen.

Was haben denn deine Eltern damals zu deinen Musikambitionen gesagt?
Meine Eltern waren froh, dass ich etwas Sinnvolles mache. Sie haben mich immer unterstützt. Bei uns war ständig Musik im Haus: Als Italiener hat mein Vater oft italienische Schlager nachgespielt. Als ich als ganz kleiner Junge unbedingt in den Karateverein wollte, meinte mein Vater nur: "Das finanziere ich dir nicht, aber wie wäre es mit einem Gitarrenkurs?" Irgendwann hab ich das Angebot angenommen. Damit war der Grundstein für Kreator gelegt, da habe ich quasi die ersten drei Akkorde gelernt, die man für eine Band braucht.

Hast du einen Tipp für alle junge Leute, die auch ins Musikbusiness einsteigen wollen?
Es gibt eigentlich nur einen Tipp, den ich geben kann: Man sollte viel Zeit, aber nicht zu viel Zeit, im Proberaum verbringen. Dann ein Programm zusammenstellen und einfach rausgehen und spielen. Je öfter man auf der Bühne steht, umso routinierter wird man, umso mehr Spaß macht es. Am Anfang ist alles immer noch sehr wackelig, aber dann wird's super. Und egal was kommt: Einfach weitermachen und sich nicht reinreden lassen. 

Du wolltest aber irgendwann dann doch Musik an der Folkwang Universität studieren...
Die Zeiten waren damals einfach anders: In den 80er-Jahren waren alternative Lebenskonzepte nicht selbstverständlich. Heute studiert man etwas und probiert sich aus. Doch ich habe einen proletarischen Hintergrund, mein Vater ist Arbeiter. Da hieß es Zuhause erst einmal: "Wenn du Musik machen willst, dann geh zu einer Schule und lern das vernünftig." Ich bin dann zu der Uni gefahren, bin einfach irgendwo rein und hab gesagt, dass ich auch gerne mitmachen würde. Die haben mich direkt wieder weggeschickt. Das war's mit meinem Musikstudium, damals war ich ziemlich enttäucht. Andererseit kursierten früher auch Gerüchte um furchtbare Aufnahmeprüfungen. Es hieß, man würde erst einmal ein Blatt mit Noten bekommen und sollte dann sagen, aus welcher Symphonie von Mozart die stammen. Da dachte ich mir: "Das kann ich nie". Ich bin deswegen einfach zurück in den Proberaum gegangen und habe an meinen Akkorden rumgeschrubt – hat ja auch geklappt.

Hast du es als Autodidakt jemals bereut, nie Musik studiert oder Noten lesen gelernt zu haben?
Klar, hat man auch mal eine Identitätskrise, das gehört zum Leben dazu. Jeder kommt einmal an den Punkt, an dem er sich selbst und seinen beruflichen Weg in Frage stellt. Ich war aber nie so unglücklich, dass ich ernsthaft etwas an meiner Situation ändern wollte. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Musik die beste Entscheidung meines Lebens war.

Zur Metal-Szene gehört eine ganz eigene Ästhetik – welche Bedeutung steckt für dich dahinter?
Man könnte leicht denken, dass die Metalszene die einzige Szene ist, in der Klischees gelebt werden. Das ist aber nicht richtig: Im Indie-Pop trägt man z.B. Seitenscheitel und eine große Brille – und im Metal halt lange Haare, das gehört dazu. Ich denke aber nicht großartig über solche Dinge nach, sondern versuche einfach, immer ich selbst zu sein. Metal ist für mich teilweise sehr plakativ: Natürlich werden da Monster aus den Untiefen der Hölle zum Leben erweckt, aber das muss man mit einem Augenzwinkern betrachten. Ich nehme die Musik und die Ästhetik sehr ernst, kann gleichzeitig Witze darüber machen. Sobald man sich zu ernst nimmt, hat man sowieso ein Problem. Ich kann auch verstehen, dass manche Leute über die Metalszene schmunzeln, aber das ist gut so. Schlimm wird's erst, wenn etwas den Leuten egal ist.

Für viele Fans bist du eine lebende Legende ...
Ach, komm, ey! (lacht) So sehe ich mich gar nicht, ich lauf jetzt nicht morgens durch meine Wohnung und denke mir: "Wow, ich bin jetzt voll die Legende!" (lacht) So etwas betrachte ich kritisch. Ich finde es gut, wenn die Leute an meiner Musik Spaß haben und sie ernst nehmen. Nur ich persönlich bin als Mensch ganz normal. Für mich ist es wichtig, dass ich die Musik nach all den Jahren noch vertreten kann. Ich höre natürlich nicht den ganzen Tag Metal, aber wenn es Metal ist, dann muss er sich anhören wie das, was ich mit Kreator mache. Da muss Seele drin stecken. Das ist mir viel wichtiger, als mich selbst als lebende Legende zu sehen. (lacht)

Gibt es denn andere Künstler, bei denen du immer noch zum Fan wirst?
Ja, klar! Letztens haben wir in Santiago de Chile mit der Band Misfits auf einem Festival gespielt. Wir waren auch im selben Hotel. Als ich gerade im Fitnessstudio war, kam Jerry Only, der Sänger und Bassist der Misfits, dazu. Das war schon cool, ich habe dem auch nur so Fan-Fragen gestellt. 

Wenn unsere Leser jetzt Lust haben, sich näher mit Kreator zu beschäftigen – welche eurer Platten eignet sich am besten für den Einstieg?
Man sollte jetzt am besten mit der neuen Platte einsteigen. Wirklich. "Phantom Antichrist" ist unglaublich brutal, aber gleichzeitig melodiös. Es ist das Maximum, was wir momentan aus unserer Kreativität herausholen können. 


"Phantom Antichrist", das neue Album von Kreator, erscheint am 01. Juni bei Nuclear Blast. Die gleichnamige Vorabsingle (s. Video) könnt ihr jetzt schon HIER digital downloaden. Weitere Infos zur Band gibt es auf der Homepage kreator-terrorzone.de

Diskutiert mit im Forum

UNICUM trifft: Deichkind
administrator|
Der unbekannte-Bands-bekannt-machen-Thread
Gast|
Was hört ihr gerade ?
Squib|
Moderator gesucht
maxboy|

UNICUM Newsletter

Hier die UNICUM Newsletter bestellen ! (Link)