Vom Studienabbrecher zum Erfolgsmusiker – ein Großstadtmärchen

DJ, Produzent, Songwriter und Bandleader Oliver Koletzki im Interview

von Barbara Kotzulla
Oliver Koletzki | Foto: Marcus Höhn

Oliver Koletzki war vieles: Coverband-Mitglied, HipHop-Produzent, Banklehrling und Studienabbrecher. Doch dann wurde ein Techno-Guru auf ihn aufmerksam. Heute gehört der Wahl-Berliner zu den besten DJs der Szene – und überrascht auf seinem neuen Album mit einem Mix aus Pop, Soul, HipHop und House. Ein Gespräch über Zufall und Gelassenheit.

Die Geschichte von Oliver Koletzki mutet wie ein Märchen an: Jahrelang spielt der gebürtige Braunschweiger in kleinen Bands, bevor er den HipHop für sich entdeckt. Er zieht in die große weite Welt, sprich Berlin, wo die elektronische Musik regiert. So sehr Oliver Musik auch lebt und liebt, so richtig kommt nichts dabei herum. Dann erscheint eine strahlende Techno-Legende am Horizont: Sven Väth gefällt sein Track "Mückenschwarm", er spielt ihn rauf und runter. 

Heute besitzt Oliver Koletzki mit "Stil vor Talent" ein eigenes Label und kann über 70 erfolgreiche Veröffentlichungen vorweisen, darunter die Alben "Großstadtmärchen" und "Lovestoned". Sein Hit "Hypnotized" – mit der bezaubernden Stimme seiner Frau Fran – hat ihn auch außerhalb der Clubs bekannt gemacht. Jetzt erscheint sein neuer Longplayer "Großstadtmärchen 2". 

Foto | Marcus Höhn

UNICUM: Oliver, wird man dir eigentlich noch gerecht, wenn man dich schlicht als DJ bezeichnet?

Oliver Koletzki: Das kann man ruhig machen. Aber natürlich würde ich mir wünschen, dass man mich als Musiker bezeichnet. Deswegen mache ich das ja auch. Ich will mich weiterentwickeln und als Musiker wahrgenommen werden. Klar, als DJ kennt man mich, schließlich lege ich auch jedes Wochenende auf. Doch wer meine Musikgeschichte kennt, weiß, dass ich schon immer in Bands gespielt habe, Tracks produziere und viele Songs selber schreibe. 

Ab welchem Zeitpunkt in deinem Leben wusstest du, dass du Musiker werden willst?

Mit 13, 14 Jahren habe ich angefangen, eigene Musik zu machen. Ich habe dann ziemlich schnell gewusst, dass das genau mein Ding ist. Klar habe ich auch andere Hobbys ausprobiert, aber das hat mir alles nicht so viel Spaß gemacht. Ich habe damals schon mein erstes kleines Album geschrieben – aber niemals daran gedacht, dass ich mal von der Musik leben kann. Ich hatte da immer viel zu wenig Selbstbewußtsein und viel zu viele Selbstzweifel. Ich dachte immer: "Die anderen können das besser. Mach das lieber als Hobby, lern einen richtigen Beruf." Ich habe dann ja tatsächlich eine Banklehre gemacht. Musik stand immer erst nach Feierabend auf dem Programm. Dabei bin ich im Prinzip 17 Jahre lang geblieben, bis ich 30 wurde. 

Dann wurde Sven Väth, Deutschlands erfolgreichster Techno-DJ, auf dich aufmerksam ...

Von alleine hätte ich mich nie getraut, einen meiner Tracks an eine Plattenfirma zu schicken. Ich habe manchmal meinem engsten Freundeskreis etwas vorgespielt. Bei Sven Väth habe ich mich ja auch nicht beworben, der hat zufällig meinen Track "Mückenschwarm" in die Hände bekommen. Und so kam dann alles ins Rollen.

Foto | Marcus Höhn

Hast du nicht auch Musikwissenschaften studiert?

Ich hab damit angefangen – und schnell gemerkt: das studiert kein normaler Mensch. Ich hätte das niemals weitermachen können! (lacht) Okay, das war jetzt nicht so gemeint ... aber für mich war es der Horror!

Wie bist du denn überhaupt auf das Studienfach gekommen?

Ich habe mich ein Jahr vor "Mückenschwarm" eingeschrieben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade am Berlin Kolleg mein Abitur nachgemacht. Und zwar mit der Ausrichtung auf Musik, das geht hier in Berlin. Danach dachte ich mir: "Okay Olli, du bist jetzt 30, hast dein Abitur in der Tasche, aber mit Musik verdienst du immer noch nicht dein Geld. Aber du musst an Geld kommen, also brauchst du BAföG, also studierst du jetzt." 

Ich hatte mir dann überlegt, Tonmeister zu werden und habe mich an der HFF Postdam beworben. Ich war natürlich viel zu schlecht für die Aufnahmeprüfung. Da kommen 6.000 Bewerber auf 20 Studienplätze! Naja, was blieb dann für mich übrig: Musikwissenschaften! Wo im ersten Semester ein halbes Jahr lang erklärt wird, wie die erste Geige gebaut wurde. Das war mal richtig uninteressant. Das war einfach das falsche Studienfach für mich, viel zu trocken. Ich habe mich dann noch ins zweite Semester geschleppt – und dann das Glück gehabt, dass zu dem Zeitpunkt Sven Väth auf mich aufmerksam wurde ...

Kurz nach der Veröffentlichung von "Mückenschwarm" hast du auch dein eigenes Label "Stil vor Talent" gegründet ...

Ich hatte zu dem Zeitpunkt ja schon einige Erfahrungen im Musikbusiness gesammelt – und deswegen schon ein wenig Angst vor Plattenfirmen. Ich wollte einfach nicht, dass bei Sven Väths Label "Cocoon" auf einmal der A&R (A&R-Manager sind für die Künstler bei Plattenfirmen zuständig, Anmerkung der Redaktion) kommt und mir vorschreibt, wie ich meine Lieder machen soll. Deswegen habe ich dann relativ schnell mein eigenes Label gegründet. 

Hattest du dabei keine Bedenken? Eine Unternehmensgründung ist ja schon großer Schritt!

Hmmm ... nö ... ich weiß auch nicht! (lacht) Du musst dich mal in mich hineinversetzen: Ich habe ja nie etwas erwartet. Mit 30 habe ich auf einmal dieses erfolgreiche Lied rausgebracht und plötzlich hat man mir viel Geld für meine Auftritte gegeben. Das fand ich toll, aber ich hatte nie wirklich was zu verlieren. Mir war klar, dass ich auch die nächsten 30 Jahre noch Musik mache, ob nun mit oder ohne Geld. Ich habe mich dann selbst motiviert: "Olli, du packst das jetzt. Du machst einfach weiterhin so gute Musik wie bei 'Mückenschwarm'. Die Leute kennen dich jetzt, das wird schon klappen."

Ist diese Gelassenheit, die du damals an den Tag gelegt hast, dein Erfolgsgeheimnis?

Ja ... (überlegt) ... irgendwie schon. Du hast ja recht: das war schon unglaublich mutig. Ich hätte das auch nicht machen brauchen, ich hätte auch den sicheren Weg wählen und bei "Cocoon" bleiben können. Mir war das aber sehr wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen. Und ja, vielleicht war an dieser Stelle in meinem Leben eine leichte Coolness richtig angebracht.

Foto | Marcus Höhn

Und jetzt steht die Veröffentlichung deines neuen Albums "Großstadtmärchen 2" an, auf dem du viele Einflüsse vermischt: House, Soul, HipHop und Pop. Wie würdest du denn selber deinen Musikstil beschreiben?

Mein Stil? Das ist schwierig. Alle Etappen, die ich in meinem Leben durchlaufen bin, spiegeln sich jetzt in dem Album wieder. In meiner Jugend habe ich viel in Bands gespielt, daher kommt der rockig-poppige Hintergrund. Mit 20 war ich dann lange als Produzent für HipHop-Bands unterwegs – und dann kam ich mit 28 zum House und Techno. Ich glaube, "Großstadtmärchen 2" kann man jetzt nicht richtig unter einem Begriff sammeln. Vielleicht passt Pop-Musik noch am besten. Aber es sind auch vier, fünf House-Stücke dabei und zwei, drei Down Beats-/Soul-/HipHop-Tracks. Es ist mir wichtig, den Leuten ein breites Spektrum zu bieten. 

Spielst du als DJ die Lieder von dem Album auch im Club?

Nein, die Leute sollen das Album lieber zuhause hören, zum Beispiel bevor sie auf eine Party gehen. Oder im Auto, da habe ich das auch selber getestet. (lacht) Deswegen gehe ich mit "Großstadtmärchen 2" und meiner Band "The Koletzkis" auch auf eine große Tour, die im März startet. Wir sind dann im Sommer für ganz tolle Festivals gebucht, unter anderem – man höre und staune – für Rock am Ring!

Rock am Ring? Hättest du dir das vor fünf Jahren träumen lassen?

Quatsch! Das ist total krass! Die Band, die ich 2009 gegründet habe, habe ich ja auch aus meinem engsten Freundeskreis rekrutiert. Zum Beispiel habe ich unserem Bassisten Christian gesagt: "Ey, ich gründe ne band, willst du nicht mitmachen?" Und er hat nur geantwortet: "Klar, ich hab voll Bock, aber ich kann doch gar kein Instrument spielen." Naja, ich brauchte noch einen Bassisten, also hat Christian Bass gelernt. Das war ja auch die Idee dahinter: Spaß! Ich hätte nie gedacht, dass wir mal große Konzerte spielen. Und dann kamen nach "Großstadtmärchen 1" immer mehr Aufritte, die Musiker wurden immer besser – und auch Christian kann mittlerweile richtig gut spielen. Und jetzt Rock am Ring – das kann ich eigentlich immer noch nicht fassen. Verrückte Welt!

Koletzki kompakt

  • Oliver Koletzkis "Großstadtmärchen 2" erscheint am 16. März bei Universal Music. 
  • Sein neues Album ist der Nachfolger zu "Großstadtmärchen" und auch hier versammelt Koletzki viele befreundete Künstler.
  • Mit dabei sind u.a. Axel Bosse, Jake The Rapper und Olivers Frau Fran
  • Die erste Single "Devil in Me" feat. Jan Blomqvist ist seit Ende Februar im Handel erhältlich. 
  • Ab dem 02. März ist Oliver Koletzki mit "Großstadtmärchen 2" auf großer Tour
  • Alle Infos und Termine findet ihr auf www.oliver-koletzki.de

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