Studieren mit Kind

von Almut Steinecke, Jan Thiemann und Nina Weymann-Schulz
Studieren mit Kind ist eine Herausforderung
Foto: Nina Weymann-Schulz

Studenten mit Kind müssen eine Doppelbelastung stemmen, finanziell, aber vor allem zeitlich – UNICUM hat sich ihren Alltag angeschaut.

Wenn andere Studenten sich morgens noch mal umdrehen, hat Bianca Entmanns Tag längst begonnen. Die 24-Jährige, die im dritten Semester Energietechnik und Ressourcenoptimierung an der Hochschule Hamm-Lippstadt studiert, ist auch Mutter des dreieinhalbjährigen Luca – und der hält sie auf Trab. „Um 7 Uhr stehe ich auf, mache Luca Frühstück. Gegen 8 Uhr fahren wir zu meiner Mutter, da setze ich den Kleinen ab, düse zur Uni, um 9.15 Uhr beginnt die erste Vorlesung“, zählt Bianca auf.

Bis 16 Uhr powert sie auf dem Campus durch: „Danach hole ich Luca, dann geht’s meistens erst einmal auf den Spielplatz. Um 19.30 Uhr bringe ich ihn zu Bett“. Danach macht sie noch Haushalt, „und erst danach kann ich mich entweder in unser Wohnzimmer oder den Wintergarten zurückziehen – das sind nämlich unsere Lernzonen“: die von Bianca und die ihres Freundes Christian. Christian ist 25 und studiert auch, Jura in Münster. Vor allem in Klausurphasen hilft er bei der Betreuung ihres gemeinsamen Söhnchens Luca, was gut funktioniert, „weil Christians Klausurphasen zeitlich anders liegen als meine“. 

In Klausurphasen ist es Bianca „inzwischen gewohnt, wenig zu schlafen, seit Luca da ist, bin ich zum Nachtmenschen geworden – wenn ich Klausuren schreibe, lerne ich oft bisdrei Uhr früh“. Bei der Seminarauswahl muss Bianca auf die Zeit achten. „Spätestens gegen 16 Uhr hole ich den Kleinen wieder bei meiner Mutter ab“ – Bianca will den familiären Rückhalt, „ohne den ich alles nie hätte stemmen können“, nicht überstrapazieren. Langfristig hat sie ihren Sohn zwar in einer städtischen Kita angemeldet, eine Campus-Kita hat die Hochschule noch nicht. Aber auch in der städtischen Einrichtung kann Luca nur bis in den frühen Nachmittag bleiben – Abendveranstaltungen sind für Bianca also tabu. 

Probleme, die Svenja Möller aus Hannover kennt. Denn Svenja (25) und Smilla (fünf Monate) sehen die Uni erst mal nur von außen. Ganz und gar Mutter will Svenja erst mal sein und hat ihr Studium fürs Erste auf Eis gelegt. „Es ist für mich auch beruhigend, dass ich schon eine Ausbildung als Erzieherin habe, auf die ich zurückgreifen könnte“, sagt die junge Mutter, die ihr Kind im Tragetuch vor dem Bauch trägt. Bis zu sechs Semester kann sie sich von ihrer Hochschule zum Mutterschutz beurlauben lassen. Erst einmal wohnen Mutter und Kind weiterhin in Svenjas alter Studenten- WG. „Smilla bereichert die Wohngemeinschaft sehr – aber das liegt auch vielleicht daran, dass wir alle Erziehungswissenschaftler sind“, lacht Svenja und scheint ganz entspannt. Wenn sie am Ende das Studium wieder aufnimmt, sieht sie aber keine großen Probleme auf sich zukommen, in ihrem Studiengang der Erziehungswissenschaften an der HAWK Hildesheim sind die Kinder äußerst gern gesehen. Schon jetzt schaut sich Svenja nach einem Krippenplatz um – denn ein Job, um das Studium zu finanzieren, wird ihr auch weiterhin nicht erspart bleiben. Ihr Freund ist ebenfalls in der Ausbildung und kann ihr erst abends das Kind abnehmen. Doch träumt Svenja von einer Wohngemeinschaft mit einem befreundeten Paar, in der man sich dann gemeinsam um die Kinder kümmert.

Kindersauna am Campus und Gratis-Mensa-Menüs

Vorlesung mit Fläschchen
Foto: Tobias Phieler

Das Beispiel aus Hannover zeigt, dass Campus und Kind noch nicht überall zusammenpassen. Die Studie „Familie im Profi l“ untersuchte 2010 die Familienorientierung von 34 Hochschulstandorten. Projektleiter Markus Langer kommt zu dem Ergebnis: „Hohe Studienabbrecherquoten unter Studierenden mit Kind, steigender Fachkräftemangel, hohe Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen in Westdeutschland und abwandernde junge Studentinnen aus Ostdeutschland zeigen, dass gehandelt werden muss.“ Flächendeckend bescheinigt er den Hochschulen „noch reichlich Luft nach oben“. Doch es tut sich was für die 94 500 Studierenden mit Nachwuchs. So viele sind es laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, das macht einen Schnitt von fünf Prozent. Klingt viel, ist aber im europäischen Vergleich überschaubar. Eine Erhebung von Eurostudent ergab Quoten von 21,7 und 16,6 Prozent für Länder wie Norwegen oder Schweden. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, seit Sommer 2011 selbst Mutter, sieht im UNICUM Interview (S. 14) Handlungsbedarf: „Den Startschuss müssen die Unis selbst geben, mit allen, die da handeln.“ Damit sind auch die 58 Studentenwerke in Deutschland gemeint, die in rund 200 Kinderbetreuungseinrichtungen täglich über 6 000 Kinder betreuen. An einzelnen Unistandorten bieten die Studentenwerke darüber hinaus noch zusätzlichen Service für die Campuszwerge an. In Hannover und Göttingen gibt’s kostenlose Mensa-Menüs für die Studentenkinder. In Potsdam können die Kleinen in einer eigenen Kindersauna entspannen und das Studentenwerk Trier hilft mit der Aktion „papa-mama-knete.de“ studierenden Eltern in fi nanzieller Not. So weit, so gut, fi ndet auch der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks Achim Meyer auf der Heyde, merkt aber auch an: „Wir brauchen in Deutschland nicht nur einzelne Leuchttürme, sondern müssen endlich auch in der Masse und Fläche weiterkommen.“ 

Zu den „Leuchttürmen“, also zu den Positiv-Beispielen in der deutschen Hochschullandschaft, gehört auch Chemnitz. Hier macht die 24-jährige Michaela Bräuer gerade ihren Master in Anglistik und Amerikanistik an der Technischen Universität (TU), ist ebenfalls junge Mutter – und freut sich über die Kita „Krabbelkäfer“ direkt auf ihrem Campus. „Die Kita hat montags bis donnerstags von 6 bis 18 Uhr durchgehend geöffnet, freitags bis 17 Uhr und nimmt Kinder schon unter einem Jahr auf, das jüngste war mal drei Monate!“, verrät Michaela.

Auch ihren Moritz, der im Dezember zwei Jahre alt wird, konnte sie schon im zarten Alter von neun Monaten abgeben. Die ungewöhnlich langen Öffnungszeiten der Kita ermöglichen es ihr, „auch Vorlesungen am Abend zu besuchen, wir müssen dann nur gucken, dass wir Moritz etwas später in die Kita bringen, da er für eine Dauer von neun Stunden aufgenommen wird. In Ausnahmefällen drücken die Betreuerinnen aber auch mal ein Auge zu“.

Sie und ihr Mann Jörg (28), der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer Institut auf dem Campus arbeitet und promoviert, wüssten nicht, was sie ohne ihre Campus-Kita machen würden, „die nimmt uns eine Riesenlast ab“. Zudem kann sich Michaela neben ihrem Bafög über einen „Kinderbetreuungszuschlag“ freuen, ein neuer Zusatz für studentische Eltern aus dem Topf des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der unter bestimmten Voraussetzungen gewährt wird und den man, sofern man berechtigt ist, ihn zu erhalten, nicht zurückzahlen muss. Auch die Tatsache, dass ihr Mann bereits Geld verdient, „entspannt die finanzielle Lage“. 

Der Digitale Hörsaal als Lösung?

Foto: Sarah Wöhler, „Babyspind“ 3. Preis beim 21. Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks 2007 „Kinder? Kinder!“

Förderungen dieser Art bleiben Bianca aus Hamm leider verwehrt. Während ihr Freund Christian Bafög erhält, bezieht die Studentin eine Halbwaisenrente, dazu arbeitet sie noch als studentische Hilfskraft an der Uni. Viel zum Leben bleibt trotzdem nicht. Bianca hat sich schon informiert, „ich habe mich durch Studentenkind.de geklickt“, einem umfassenden Ratgeber für studentische Eltern. „Aber sowohl Bafög als auch Kindergeldzuschlag würden mir nicht zustehen.“ Neben dem ganzen Lern- und Alltagsstress arbeitet Bianca nämlich auch noch einige Stunden in der Woche als studentische Hilfskraft und hat dadurch zusammen mit ihrer Halbwaisenrente „zu viel Geld zur Verfügung“. 

Dennoch ist sie entschlossen, ihr Studium durchzuziehen, „schön wäre es nur, wenn ich andere Mütter kennen würde, die studieren, um mich mit denen auszutauschen“ – an ihrer Uni hat sie bisher noch keine kennengelernt. Und: „Manchmal ist es mir auch unangenehm, wenn ich mir von Kommilitonen Mitschriften aus Vorlesungen mitbringen lasse, weil ich es nicht hingekriegt habe, hinzugehen.“ Mit großen Erwartungen blickt Bianca deshalb der Einrichtung eines „Digitalen Hörsaals“ entgegen, an dem die Hochschule Hamm- Lippstadt gerade arbeitet und der sukzessive in den nächsten Semestern umgesetzt werden soll. „Alle Vorlesungsräume werden nach und nach mit Kameras ausgestattet, die Vorlesungen aufgezeichnet. Diese sollen dann teils über eine ,iTunes-U-Site’, hauptsächlich aber über ein internes browserbasiertes System zur Verfügung gestellt werden, sodass man die Vorlesungen zeitgleich oder zeitversetzt von seinem Schreibtisch aus online anschauen kann“, stahlt Bianca. „Das werde ich auf jeden Fall nutzen!“ 


Kurz & kompakt

  • In Deutschland haben 94 500 Studierende ein Kind, das entspricht einer Quote von fünf Prozent aller Studierenden.
  • Am Campus gibt es diverse Angebote für studentische Eltern von den örtlichen Studentenwerken»oder im Netz auf Ratgeberseiten wie www.studentenkind.de
  • An der Uni Potsdam gibt es neben Spiel-, Wickel- und Stillzimmern sogar eine eigene Kindersauna.

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