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Abstract:
Einem Labyrinth gleich verkörpern Spontansiedlungen und Selbstbauviertel Ordnung und Unordnung, Klarheit und Konfusion, Einheit und Vielfalt, Kunst und Chaos in einem. Der abrupte Wechsel zwischen Alt und Neu, Hoch und Niedrig, Hektik und Ruhe widerspricht allen herkömmlichen Regeln des Städtebaus, ergibt aber eine faszinierende und vielschichtige Lebendigkeit.
Im Bereich städtebaulicher Agglomerate sind die hybriden Zonen, welche ohne das Mitwirken von Planern und Architekten entstehen, eine ganz besondere Spezies. In ihnen steckt ein gewaltiges Laboratorium urbanen Lebens, eine unerschöpfliche Quelle menschlicher Energie und Kreativität.
Im Zuge der fortschreitenden Globalisierung und der regionalen Urbanisierungen erwachsen rund um den Globus wahre Megastädte. Verantwortlich hierfür sind, durch unterschiedlichste Einflüsse getrieben, meist die aus den ruralen Gebieten flüchtenden Bewohner, die nun neuen Wohnraum suchen und ihn auf teil- oder illegalen Bauflächen finden. Durch ihren sozialen Stand sind zudem immer mehr Stadtbewohner, zumeist armer Länder, vom formellen Wohnungsmarkt ausgeschlossen und besiedeln informelle Siedlungen. Häufig sind diese nicht direkt als Slum zu deklarieren, doch entstehen die meisten Selbstbauquartiere aus rudimentärsten Baustoffen und unter schwierigsten Bedingungen. Die Siedlungen spiegeln eine starke Ambivalenz wieder, da sie einerseits als Ventil für den Druck auf den Wohnungsmarkt diesen entspannen und andererseits durch Marginalität und Expansion eine parasitäre Bedrohung, nicht nur für die Grenzen einer Stadt darstellen. Allerdings sind durchaus reizvolle Phänomene mit den so genannten Squatter Settlements verbunden. So wandeln sich diese, durch die sich ständig ändernden Lebens- und Sozialverhältnisse bzw. Konsolidierungen der Viertel getrieben, dauerhaft und immer aufs Neue. Durch ihre massige Zahl und den nicht endenden Drang, ihr Heim zu verbessern und zu verschönern bzw. es anzupassen, verbauen Squatter wohl mehr Backsteine als es die formelle Architektur tut. Sie sind die größten Bauherren der Welt.
Sicherlich sind die informellen Siedler nicht als Begründer städtebaulicher Agglomerate außerhalb architektonischer Planung zu sehen. So haben sich bereits in der Antike ganze Siedlungen an bestehende Strukturen gedockt oder in China viele Bevölkerungsgruppen eigene Ideen von Städtebau entwickelt - z.B. im Erdreich ihrer Lösfelder oder an steilen Berghängen. Allerdings treten diese Strukturen nur regional in kleinen Zahlen auf und weisen die fortdauernden hybriden Züge außerhalb "simpler" Nutzungsmischung meist nicht auf.
Im Feld der informellen Quartiere bewirken unter anderem die selten klaren Besitzverhältnisse einen hybriden Charakter. Solange nicht seitens der Behörden eine Legalisierung deklariert wird, befinden sich ganze Landstriche im besitzrechtlichen Schwebezustand. Dabei sind die Irrwege und Motivationen nicht weniger undurchschaubar wie die Agglomerationen selbst. Nicht nur wegen der baulichen Wandlungen von einem Tag auf den anderen ergeben sich laufend neue Bilder für das Slum selbst oder deren Umgebung. Auch sich wandelnde Nutzungen und Interpretationen der Räume verschaffen den informellen Quartieren ebenso einen hybriden Eindruck, wie die vielen Widersprüche: Freies Bauen bei ärmsten Bedingungen, strengste Rasterungen bei chaotischsten Verhältnissen oder umgreifende Globalisierung aus den Slums heraus? Schwierig vorstellbar und doch ganz eindeutig...
Leider gibt es viel zu viele erschlagende Fakten, welche sich mit dem Thema Slum und informellem Bauen verbinden, die man kaum auslassen und dennoch nicht alle nennen kann. Es soll möglichst objektiv der hybride Charakter der Spontansiedlungen gezeigt werden und zumindest eine Fixierung auf die Armuts- und Elendsverhältnisse ebenso unterdrückt werden, wie die Idealisierung der "freien" Wohnverhältnisse. Allerdings kann eine Beschreibung dieser unausweichlichen mit dem Spontanbau verbundenen Faktoren nicht ausbleiben, denn streicht man nur das Liebevolle und tatsächlich zu Bewundernde heraus, läuft man Gefahr, dieses Thema nicht vor seinem wahren Hintergrund zu betrachten.
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