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Einleitung:
Eine Stadt ist nicht gleich eine Stadt. Anzunehmen, eine Stadt sei eine bloße Zusammenstellung unterschiedlichster Einzelkomponenten, die in einem Wirkungs- und Funktionengefüge zueinander stehen und dadurch ein Gesamtbild erzeugen, wird vermutlich nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen, denn allein zu sagen, Stadt sei die Gesamtheit ihrer Einzelteile: Straßen, Plätze, Gebäude, Parkanlagen, Infrastrukturen usw., erfüllt kaum den Anspruch der Vollständigkeit. Eine solche Stadt wäre vermutlich eine leblose Stadt. Gleich einer Kulisse für ein Theaterstück stellt sich die städtische Silhouette, die Materialität der Stadt, als urbane Kulisse dar.
Vor dieser spielt sich das städtische Leben ab, durch das der Stadtraum seine Bedeutung und Funktion erhält. Die menschliche Aneignung, die Belebung des materiellen Raumes macht aus der städtischen Kulisse das, was im eigentlichen Sinne unter Stadt zu verstehen ist. Die Stadt ist keineswegs nur als materieller Raum zu verstehen, dieser wird in einem immerwährenden Prozess angeeignet, mit Symbolismen und Bedeutungen versehen, menschlich belebt. Stadt wird auch nicht nur ihren unterschiedlichen Funktionszuweisungen nach genutzt, sie wird dabei auch erlebt, namentlich gefühlt. Sie vermittelt einen Eindruck und wird auf eine Art erlebt, die über die visuell, auditiv und olfaktorisch wahrnehmbaren Komponenten hinausgeht und sich aufgrund verschiedenster Wirkursachen zu einem immateriellen Gesamteindruck verdichtet. Die Stadt wird zwar wahrgenommen aufgrund ihrer Materialität, es werden Geräusche, Gerüche, Bilder perzipiert, aber zudem wird die Stadt auch 'empfunden' und gefühlsmäßig wahrgenommen. Die Fachliteratur spricht in diesem Zusammenhang vom 'gelebten' Raum, in deutlicher Abgrenzung zum rein physisch-materiellen Umgebungsraum. Wenn vom 'gelebten' Raum die Rede ist, dann soll damit betont werden, dass es sich nicht nur um den materiellen Raum handelt, sondern dass von Lebensqualitäten die Rede ist, von menschlichem Ergreifen und Ergriffensein. Das Konzept 'gelebter' Raum suggeriert, dass Städte und städtische Räume Individualität aufweisen und zwar nicht nur aufgrund ihrer materiellen Diversität, sondern auch aufgrund ihrer jeweils unterschiedlichen Aneignung, Belebung, der humanen Agitation, die in jedem Raum ein besonderes Klima, eine spezifisch Grundstimmung schafft.
Beleben und Erleben stehen dabei im Vordergrund, beide sind miteinander verknüpft. Die Form der Belebung hat direkten Einfluss auf die Form des Erlebens und ebenso wirkt sich das Erleben unmittelbar auf die Art der Belebung aus.
Das Wesen der Stadt und deren Räume, die Stadt als 'gelebter' Raum, sind nicht einfach kategorisier- und katalogisierbar. Ein diskursives Erfassen ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Während Handlungs- und Aneignungsmuster sowie Anschauungsräume noch relativ einfach zu dokumentieren sind, ist die systematische Vermittlung gefühlter Umgebungsqualität nur begrenzt möglich, da Gefühle und Anmutungen einerseits schwer zu identifizieren und andererseits schwer zu verbalisieren sind.
In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, einen konkreten städtischen Raum als 'gelebten' Raum zu betrachten, zu beschreiben und zu beleuchten. Die Frage ist dabei auch, inwieweit sich das Konzept des 'gelebten' Raumes anwendungsorientiert verwerten lässt.
Untersuchungsgegenstand, Zielsetzung und Fragestellung der Arbeit:
Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist ein öffentlicher städtischer Freiraum, ein Platz. Öffentliche Plätze sind im Hinblick auf ihre Wirkung sensible Kumulationspunkte im städtischen Gefüge. Die Wirkung eines städtischen Platzes kann sehr weit in die urbane Umgebung abstrahlen und den Gesamteindruck eines städtischen Quartiers oder sogar einer ganzen Stadt sowie deren Antlitz, Atmosphäre und Qualität wesentlich mitprägen. Plätze sind konstitutiv für die Identität, das Image und die Qualität einer Stadt. Städte werden auch über ihrer Freiräume definiert und Plätze dienen somit als städtisches Prestigeobjekt. Sie sind wichtige Darstellungsmittel im stadtplanerischen Handlungsfeld. Ihre Bedeutsamkeit rechtfertigt eine umsichtige Handhabung ihrer Gestaltung. Gleichwohl Städtebauliche Planung nicht nur funktional sondern auch nach ästhetischen Aspekten und auf Wirkung ausgerichtet ist, wird eine ganzheitliche Wirkung häufig repräsentativen, politischen oder ökonomischen Vorgaben untergeordnet. Doch ist der qualitative Wert eines städtischen Raumes kaum oder nicht nur anhand seines materiellen und ästhetischen Kapitals zu bestimmen. Mit dem Anliegen, hochwertige, lebenswerte städtische Räume zu schaffen, sollte auch ein Interesse für die gefühlsmäßige Wirkung von Räumen einhergehen. Städtische Räume sind komplexe Gebilde, in denen sich unterschiedliche Wirkursachen zu ganzheitlichen Ausdrucksmomenten vereinen. Geschichte überlagert Gegenwart, Wahrnehmung generiert Verhalten, äußerliche Gestalt beeinflusst Aneignung. Ansinnen städtebaulicher Planung sollte ein umfassendes Verständnis von Raum sein, das über materielle und ästhetische Aspekte hinausgeht und den entsprechenden Raum als wirksamen Charakter im Stadtbild begreift, als 'gelebten' Raum.
Als Forschungsgegenstand wurde der Leipziger Augustusplatz gewählt, ein zentraler öffentlicher Raum in Leipzig. Dieser Platz stellt sich im Stadtgefüge als eine weiträumige Freifläche dar. Er galt in früheren Zeiten als einer der größten Europas und auch als einer der schönsten. Wie viele europäische Plätze, Bauten und Ensembles, fiel er der gewaltsamen Zerstörung im 2. Weltkrieg anheim. Seitdem hat sich sein Antlitz, das zuvor in über 100jähriger Entstehungsphase unnachahmlich und stetig gewachsen war, stark verändert. Bei der Neugestaltung ist einem feinfühligen Umgang mit kulturellen Zeitzeugnissen keine Rechnung getragen worden. Stattdessen wurde der Augustusplatz unter Aufopferung historischer Bausubstanz zum Vorzeigeobjekt propagandistischer DDR-Ideologie und -architektur. Im Wendeherbst 1989 fanden hier unter anderem die friedlichen Montagsdemonstrationen statt. Nachfolgend wurde versucht, in einem vorsichtigen Umgestaltungsprozess den Platz wieder seiner ursprünglichen Bestimmung eines innerstädtischen Freiraumes mit bestimmten Aufenthaltsqualitäten und Nutzungsanreizen zurückzuführen und damit der Stadt Leipzig ein Stück verlustig gegangener Identität zurückzugeben.
Hauptanliegen dieser Arbeit ist die Exploration des Leipziger Augustusplatzes als 'gelebter' Raum. Der Schwerpunkt soll auf einer ganzheitlichen Beschreibung des Platzraumes liegen. Dabei werden nicht nur physisch-materielle Gegebenheiten, sondern auch die dahinter liegenden unsichtbaren Strukturen, der Charakter des Platzes und seine Atmosphäre, seine Aneignung und Belebung, seine Entstehungsgeschichte und seine Bedeutung wichtig sein. Der Platz wird in seiner Entwicklung beleuchtet und vergleichend dazu der Status Quo ermittelt im Hinblick auf eine umfassende Gesamtbeurteilung des Augustusplatzes.
Gang der Untersuchung:
Die Forschungsarbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert. Teil A liefert theoretische Grundlagen und Teil B ist dem Untersuchungsgegenstand gewidmet.
Eingangs soll eine abrissartige Einordnung des thematischen Überbaues 'gelebter' Raum stattfinden. Kapitel 2 befasst sich daher mit einem neuen geographischen Raumverständnis sowie konkret mit dem Konzept des 'gelebten' Raumes und seiner Aspekte. Die thematische Hinführung dient gleichzeitig der Begriffserläuterung und Definition. Einer allgemeinen Einführung in die Raumkonzeptionen folgt eine Charakterisierung des 'gelebten' Raumes und seiner Spezifika.
Kapitel 3 gibt einen einführenden Überblick zur Systematik innerstädtischer Plätze. Dabei werden die Entstehungsgeschichte städtischer Plätze, Typologie, formale Merkmale sowie deren Bedeutung im urbanen Raum erläutert.
Im anschließenden Teil B wird in Kapitel 4 der Untersuchungsgegenstand 'Leipziger Augustusplatz' in Anlehnung an die in Kapitel 3 vorgetragene systematische Typologie von Stadtplätzen vorgestellt. Die Geschichte des Platzes, seine formale Gestalt und Ausstattung wird beschrieben und seine Bedeutung erklärt. In Kapitel 5 werden die im Hinblick auf die empirische Untersuchung des Platzes verwendeten Untersuchungsmethoden und der Untersuchungsablauf vorgestellt. In Kapitel 6 werden detailliert die Untersuchungsergebnisse der einzelnen Untersuchungsabschnitte präsentiert.
Das abschließende Kapitel 7 ist der überblickenden Diskussion der wichtigsten Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung und der zentralen Erkenntnisse der Forschungsarbeit insgesamt gewidmet.
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