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Zusammenfassung:
Die vorliegende Arbeit überschreitet auf immer noch unkonventionelle, aber durchaus wünschenswerte Art die disziplinären Grenzen der Anglistik. Sie verdeutlicht die Fruchtbarkeit eines kulturwissenschaftlich orientierten Erklärungsmodells, das im übrigen nicht bei der bloßen Beschreibung des untersuchten Gegenstands verharrt, sondern - wie der Verfasser in der Einleitung hervorhebt - "die der Bautätigkeit zugrundeliegenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ursachen aufzudecken" versucht. Und in der Tat löst der Verfasser diesen hohen Anspruch ein wenn er - wie z.B. im ersten Teil der Arbeit - die Unterschiede in der Stadtplanung Londons und Berlins seit dem 19. Jahrhundert aus der jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung sowie den spezifischen Eigentumsverhältnissen in beiden Ländern erklärt. Dabei kommen ihm allenthalben seine fundierten Geschichtskenntnisse zugute, die es ihm ermöglichen, die Ursachen der unterschiedlichen Wirtschafts- und Eigentumsstrukturen bis in das 17. Jahrhundert zurückzuverfolgen.
Kap. 1.1 macht das Bemühen des Verfassers sinnfällig, die Komplexität des historischen Kontexts herauszuarbeiten. So zeigt er überzeugend, wie z.B. die immense Flächenausdehnung Londons im 19. Jahrhundert infolge des Baus von Einfamilienhäusern im Gegensatz zu den Berliner Mietskasernen nicht nur der wirtschaftlichen Vormachtsstellung Englands und damit einer finanziell relativ gut situierten Mittelschicht und Arbeiterklasse geschuldet ist, sondern gleichermaßen der bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückreichenden Tradition einer "freiheitlich orientierten, individualistisch geprägten Grundeinstellung" zuzurechnen ist, welche ein "auf das Individuum damit auf die individuelle Behausung fixiert[es)" Denken im Sinne des 'my home is my castle' befördert.
Trotz der unterschiedlichen wirtschaftlich, sozialpolitisch bestimmten Entwicklungen der beiden Länder sieht der Verfasser insbesondere im Baustil und der Architektur der Wohnhäuser der unteren Schichten nach dem 1. Weltkrieg Übereinstimmungen in beiden Städten. Auch in diesem zweiten Teil der Arbeit überzeugt sein kulturwissenschaftliches Erklärungsmodell, da es dem Leser den Zusammenhang von zunehmendem politischen Druck der Arbeiter, der Konzession eines sozialen Wohnungsbaus sowie der Vereinfachung des Baustils und damit billigen Massensiedlungen sinnfällig macht. Darüber hinaus betont der Verfasser zurecht als eine wichtige Ursache der Angleichung des Wohnungsbaus im 20. Jahrhundert die wachsende internationale Verflechtung der Wirtschaftsstrukturen, die die nationalen Eigenheiten verblassen läßt.
Insgesamt ist der ganzen Arbeit eine bemerkenswerte Begeisterung des Verfassers für seinen Gegenstand abzulesen. Dennoch läuft die Arbeit bei aller Begeisterung nicht aus dem Ruder. Vielleicht würde man sich hin und wieder mehr Argumentationstiefe wünschen. Der Verfasser bändigt auf knapp 60 Seiten, allerdings einzeiligen, eine riesige Materialfülle und beschränkt sich dabei mitunter auf Andeutungen, hinter welchen jedoch wirkliches Wissen erkennbar wird. Merkwürdig ist beispielsweise auch, daß dem Verfasser bei seinen insgesamt überdurchschnittlich fleißigen Studien der nach Meinung der Fachexperten heute wichtigste englische Stadtsoziologe, Peter Saunders, verborgen geblieben zu sein scheint.
Diese und andere mögliche Einwände ändern jedoch nichts daran, daß es sich um eine solide, überaus fleißige Arbeit handelt, die in einem klaren und sauberen Stil geschrieben ist, die gründliches und breites Literaturstudium erkennen läßt und die fundierten interdisziplinären Kenntnisse des Verfassers deutlich ausweist. Dabei erweist sich die komparatistische und interdisziplinäre Methode als sehr sinnvoll bei der Herausarbeitung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Stadtplanung und Architektur der beiden Großstädte aus historischer Sicht.
(Gutachten zur Magisterarbeit) |