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Einleitung:
In den letzten Jahren ist das Schicksal deutscher Innenstädte zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen und -je mehr Missstände offen sichtbar wurden- auch in das öffentliche Interesse gerückt. Dabei werden meist zwei Blickwinkel voneinander abgegrenzt: Der Wirtschaftsstandort und der Wohnstandort Innenstadt. Schlagworte wie "Entleerung", "schrumpfende Städte", "Suburbanisierung" und "Segregation" weisen jedoch für beide Funktionen auf einen Bedeutungsverlust der Innenstädte und einen dadurch steigenden Handlungsbedarf der Kommunen hin. Andererseits ist insbesondere in prosperierenden Großstädten vermehrt auch von "Reurbanisierung" und einer "Renaissance der Innenstädte" die Rede.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der aktuellen Situation der Innenstädte und zwar insbesondere ihrer Funktion als Wohnstandort. Nach einer theoretischen Einführung in aktuelle, die Innenstädte betreffende Stadtentwicklungstrends sowie die Entwicklung und Besonderheiten des Innenstadtwohnens wird das Hauptaugenmerk auf der empirischen Untersuchung der Innenstadt von Mülheim an der Ruhr liegen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie und in welchem Umfang gegenwärtig in der Mülheimer Innenstadt gewohnt wird und welche speziellen Gruppen diesen Wohnstandort präferieren bzw. meiden. Ziel dieser Untersuchung ist es, wesentliche Rahmenbedingungen, Trends sowie Probleme und Hemmnisse innerstädtischen Wohnens darzustellen und mögliche Strategien zur Stärkung des Wohnens in der Mülheimer Innenstadt aufzuzeigen.
Parallele Analysen der Innenstadtbevölkerung und des Wohnungsmarktes Innenstadt sollen dabei zeigen, ob erstens bereits von einer Renaissance gesprochen werden kann oder ob es sich bei den Innenstadtquartieren doch eher um wenig attraktive Wohnlagen für bestimmte Randgruppen der Gesellschaft handelt und zweitens inwiefern demographische Struktur und Baubestand interdependent sind. So aufgedeckte kausale Zusammenhänge und Abhängigkeiten zwischen der Sozialstruktur und speziellen (gegenüber nicht-urbanen Wohngebieten abweichenden) Charakteristika der Innenstadt-Wohngebiete können für Kommune, Stadt- und Sozialplaner sowie Wohnungseigentümer die Grundlage für eine nachhaltige Innenstadtentwicklung sein.
Aus ihrer historischen Entwicklung waren Innenstädte von jeher die Zentren der Städte, die Wohnen, Gewerbe, Kultur, Verwaltung und soziale Dienste gleichermaßen beinhalteten. Und genau diese Mischung machte Urbanität und die Besonderheit des städtischen Lebens gegenüber dem Landleben aus. Welche Entwicklungen haben jedoch zur Auflösung dieser urbanen Strukturen und damit zum Schrittweisen Niedergang der Innenstädte geführt? Oder anders gefragt, mit welchen Stadtentwicklungsprozessen müssen wir uns heute befassen, wenn die Innenstädte ihre Bedeutung (als Wohnstandort) zurückerhalten sollen? An erster Stelle der Stadtentwicklungsprozesse mit starkem (negativen) Einfluss auf die Innenstädte steht wohl die seit den 1960er Jahren verstärkt ablaufende Suburbanisierung, d.h. die Abwanderung von Bevölkerung und städtischer Funktionen ins Umland.
Wenngleich Suburbanisierung bereits im 19. Jahrhundert in Form der Urbanisierung ländlicher Räume und der Relativierung des Stadt-Land- Gegensatzes begonnen hat, so wurde sie erst in der Nachkriegszeit mit der Massenmotorisierung und dem Kommunikationsmittel Telefon zu einem generellen Phänomen, das die Innenstädte bedrohte. Der wirtschaftliche Aufschwung und der durch den PKW ermöglichte massenhafte Individualverkehr waren jedoch nicht die Hauptgründe sondern nur die Auslöser der Suburbanisierung, da erst sie es breiten Bevölkerungsschichten technisch möglich machten, den bevorzugten Wohnstandort "Umland" zu wählen. Die Gründe für diese Standortwahl dagegen lagen - zumindest zu Beginn der Suburbanisierung- in einem ideologischen Wandel, ausgelöst in erster Linie durch die schlechten Wohnbedingungen der Kriegs- und Nachkriegszeit in den Innenstädten. "In vielen deutschen Städten war nach dem verlorenen Krieg und nach der Befreiung eine gewisse Feindschaft gegen die historische Stadt auszumachen. Die Mietkasernenstadt, wie die mittelalterliche Stadt, verkörperte für viele die Un-Stadt, eine `barbarische Mischung´ aus schlechten hygienischen und baulichen Zuständen und unmoderner Häßlichkeit".
Der Wunsch nach Verbesserung der Wohnverhältnisse war deshalb unmittelbar mit dem Wunsch nach einem Haus im Umland verbunden. Später waren es zusätzlich zu der meist immer noch schlechteren Wohnqualität in den Innenstädten wohl eher die Bedingungen des regionalen Wohnungsmarktes und so rein wirtschaftliche Gründe, die bis heute zu Stadt-Umland-Wanderungen führen. "Es sei zweifellos keine Stadtflucht, wie einige Autoren meinen, so Friedrichs, sondern entspreche einem rationalen Kalkül. Deren Ursache sei eine Güterabwägung, in der die Höhe der Miete, Größe einer Wohnung und das Wohnumfeld in der Kernstadt gegen den Kauf eines Hauses im Umland abgewogen werde. Gemeinhin führe diese Kosten-Nutzen-Kalkulation dazu, sich für ein Eigenheim zu entscheiden".
Gefördert wurden diese Wanderungswünsche/ -entscheidungen von Seiten der Stadtplanung durch die städtebaulichen Leitbilder "gegliederte und aufgelockerte Stadt" "Urbanität durch Dichte" und "autogerechte Stadt". In Anlehnung an die Gartenstadtbewegung und die Charta von Athen forderte das Leitbild der "gegliederten und aufgelockerten Stadt" als Gegenbewegung zur "Orientierung am historischen Erbe" in der Nachkriegszeit eine "weitgehende räumliche Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Verkehr, etc., die störungsfrei im Raum angeordnet werden sollten". Durch diese Vorstellung beeinflusst hat die Baugesetzgebung von 1960 zu einer häufig zu starren Zuordnung von Fläche und Funktion und insbesondere durch die Suburbanisierung zu einem großen Flächenverbrauch geführt. Das folgende ca. 1960 nicht durch Städtebauer sondern Sozialwissenschaftler etablierte- Leitbild "Urbanität durch Dichte" beruhte dagegen nicht mehr auf Funktionstrennung, sondern auf dem Gedanken durch Verdichtung und Verflechtung der Nutzungsarten eine neue Urbanität schaffen zu können. Diese sollte jedoch nicht in den alten Stadtzentren entstehen, sondern in neuen, gesamtheitlich geplanten Großwohnsiedlungen am Stadtrand.
Die typische Konzeption dieser Siedlungen umfasste Wohnhochhäuser mit integrierter Infrastruktur und Nahbedarfsversorgung im Kern umgeben von Ringen von Mehrund Einfamilienhäusern und Arbeitsplatzangeboten am Rand der Siedlung. In der Realität wurde in den meisten Fällen jedoch nur die Wohnbebauung fertiggestellt, Einzelhandel, soziale Infrastruktur und Gewerbe fehlten, so dass sich nicht neue Zentren entwickelten, sondern lediglich neue Wohngebiete am Stadtrand, die die Wohnsuburbanisierung beschleunigten3. Parallel zum Wohnungsneubau im Umland fanden in den Innenstädten Projekte des Stadtumbaus statt. "Altbauwohngebiete und das Wohnen im Altbau galten als nicht mehr zeitgemäß und sollten durch Bauten für Handel, Dienstleistungen und Verwaltung ersetzt werden". Der Begriff "Flächensanierung" beinhaltete dabei keinesfalls eine echte Sanierung innerstädtischer Gebiete sondern beschönigte den Kahlschlag und Abriss von Altbauwohngebieten zugunsten der "Ausweitung der City-Funktionen für neue, höhere Rendite ermöglichende Nutzungen".
Die Wohnsuburbanisierung war also nicht einseitig gerichtet durch den Wunsch der Bevölkerung nach dem Wohnen im Umland, sie war in gleichem Maße auch "erzwungen" durch die Verdrängung der Wohnfunktion durch andere Funktionen im Rahmen des Citybildungsprozesses. So führten das Bevölkerungswachstum und der steigende Anspruch an Pro-Kopf- Wohnfläche begünstigt durch die wirtschaftliche Entwicklung und städtebauliche Leitbilder bis in die 70er Jahre zu einem "Ausufern" der Städte ins Umland, wobei die Wohnsuburbanisierung vorwiegend von Besserverdienenden und Familien getragen wurde während Arbeitsmigranten und andere wohnimmobile Gruppen (Arme, Alte) in den Innenstädten verblieben oder aufgrund der geringen Mieten in von Deinvestition (unterlassene Erhaltungsinvestitionen) geprägte Gebäude und Stadtviertel zogen.
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