Erasmus Türkei
Auslandssemester in der Türkei: Hinfahren oder lieber doch nicht? | Foto: Thinkstock/byakkaya

Zündstoff

20.07.2016

Stimmung Türkei

Nach dem Putschversuch: Wie ist die Stimmung in Istanbul?

Ein Lagebericht

Die Türkei durchlebt in diesen Tagen ein Wechselbad der Gefühle. Der Student Simon Hartmann, der momentan für ein Erasmuspraktikum in der Türkei lebt, fasst die Stimmung ... mehr »

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20. Okt 2016

Gastbeitrag

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Trotz Putschversuch: Die Erasmus-Saison in Istanbul hat begonnen

Zahl der Erasmusstudierenden um 70 Prozent gesunken

Traditionell steigt eine der ersten Erasmus-Partys im "Ritim", einer berüchtigten Absteige für internationale Studierende im Istanbuler Partyviertel Beyoğlu. Es ist voll. Hier ist nichts davon zu spüren, dass in dieser Erasmus-Saison irgendetwas anders sein sollte. Die Studierendenzahlen allerdings zeigen das Gegenteil. Zwar gibt es noch keine landesweiten Statistiken, aber die einzelnen Universitäten verzeichnen einen deutlichen Anmelderückgang.

An der Bosporus-Universität, eine der türkischen Elitehochschulen, ist die Zahl der Austauschstudierenden um 70 Prozent gefallen. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Istanbul Teknik Üniversitesi (ITÜ), die für ihre exzellenten Ingenieurs- und sozialwissenschaftlichen Studiengänge bekannt ist. Während bisher etwa 450 ausländische Studierende pro Jahr ein Austauschprogramm wahrnehmen, sind es in diesem Jahr nur 150 Personen.

Die Gründe für diesen dramatischen Rückgang hängen natürlich mit dem vereitelten Putschversuch vom 15. Juli 2016 zusammen. Die "Säuberungen", mit der die Regierung auf das Verbrechen reagiert, machen auch vor dem Bildungssektor nicht Halt. Einige Universitäten, denen Verbindungen zu der für den Putschversuch verantwortlich gemachten Gülen-Bewegung nachgesagt werden, wurden komplett geschlossen. Tausende Wissenschaftler haben dabei ihren Job verloren, noch mehr Studierende mussten auf andere Universitäten verteilt werden.

Der türkische Hochschulrat, der zentral für die Ernennung von Rektoren und Dekanen zuständig ist, hat ein allgemeines Verbot von Forschungsreisen für Wissenschaftler ins Ausland verhängt und vorläufig die Dekane an allen türkischen Hochschulen von ihren Aufgaben entbunden. Natürlich verunsichert das ausländische Studierende.

"Auf unserem Campus ist es niemals brenzlig geworden."

Erasmus Simon HartmannTrotz der aktuellen Situation strahlt Ilteriş Güçlüer Gelassenheit aus. Er ist Koordinator für "incoming students" an der ITÜ. In den letzten Wochen musste er viele E-Mails schreiben. Er beantwortete die Sorgen der ausländischen Studierenden, Eltern und Partneruniversitäten mit einer Kernbotschaft: "Auf unserem Campus ist es niemals brenzlig geworden. Wir waren hier immer sicher."

Selbst in der Woche des Putschversuches sei das Uni-Leben unberührt weitergegangen. Auch die vorläufig von ihren Aufgaben entbundenen Dekane seien wieder an ihrem Platz.

Dennoch haben einige Partnerhochschulen vor allem in Belgien, Finnland und den Niederlanden beschlossen, in diesem Semester keine Erasmusstudierenden an die ITÜ zu schicken. Die meisten der ausländischen Studierenden stammen daher in dieser Saison aus Deutschland. Da die Verträge mit den Partneruniversitäten weiterhin gültig sind, kann die ITÜ auf der anderen Seite ihre eigenen Studierenden wie bisher nach Europa schicken.

Güçlüer hofft, dass sich dieses Ungleichgewicht wieder einpendelt. "Die meisten Erasmus-Studierenden haben die ITÜ nach ihrem Aufenthalt immer sehr zufrieden verlassen", erklärt er. Doch noch in der letzten Woche vor Semesterstart hat Güçlüer 50 weitere Absagen bekommen.

Der Putschversuch war dann eben doch zu viel

Auch die Pläne von Rebecca Stumpf wurden vom Putschversuch durchkreuzt. Die Designstudentin aus Berlin hatte schon ein Jahr mit Erasmus in Istanbul studiert und wollte es noch um ein Erasmuspraktikum bei einer türkischen Firma verlängern. Ihre Familie in Deutschland war nicht glücklich mit dieser Idee. Schon fünf Terroranschläge hatten während ihres bisherigen Aufenthaltes die Türkei erschüttert.

Als das Militär in der Türkei putschte, war Rebecca gerade im Kurzurlaub in Israel. Es war für sie eine sehr bizarre Situation, auf einer Dachterrasse in Tel Aviv zu sitzen und online mit zu verfolgen, wie es in ihrem Studienort drunter und drüber ging. In dieser Nacht traf sie dann die Entscheidung, das Erasmuspraktikum abzusagen und mit dem nächsten Flugzeug nach Hause zurückzukehren. Trotz dieses Entschlusses weiß sie die vielen guten Erinnerungen aus ihrer Erasmuszeit sehr zu schätzen.

Die deutsch-türkischen Eltern haben keine Bedenken

Ganz anders hat sich Aykan Özkul entschieden. Der Student der Elektrotechnik aus Braunschweig hat sich an der ITÜ eingeschrieben. Seine Eltern unterstützten ihn bei den Vorbereitungen auf das Erasmusprogramm. Beide kennen ihre alte Heimat gut genug, um die Lage einschätzen zu können.

Aykan ist nach wie vor begeistert von der Schönheit Istanbuls: "Jeden Tag gibt es etwas Neues zu entdecken." Als Deutsch-Türke ist er vor allem neugierig auf die interkulturellen Unterschiede. Das Partyverhalten der einheimischen Studierenden hat ihn allerdings schon etwas überrascht. "Ich bin der einzige, der nicht trinkt!", erklärt Aykan mit leichter Entrüstung.

Mit einigen seiner türkischen Kommilitonen hat er auch bereits versucht, politische Gespräche zu führen. Doch was er hörte, enttäuschte ihn sehr: "Jeder beharrt auf seinem eigenen Standpunkt und beleidigt die andere Seite." Die Kraft, Politik besser machen zu wollen, fehlt den jungen Leuten, die er kennen gelernt hat: "Die meisten wollen abhauen, vielleicht nach Europa." Schon vor dem Putschversuch sei die Türkei ein gespaltenes Land gewesen.

Terror ist unwahrscheinlich

Ein anderes Bild hat hingegen Ivana Žaja gewonnen. Mit Erasmus setzt die Bauingenieurin an der Bosporus-Universität ihr Studium fort. Bisher hat sie die Hochschule als relativ liberal erlebt. In der Ersti-Woche hätten sich etwa allerlei Hochschulgruppen vorgestellt, mit dabei die Kommunisten, der feministische Club und der LGBT-Verein. Die Elite-Universität ist wohl zu systemrelevant, als dass ihr etwas geschehen könnte.

Ob sie jetzt Sicherheitsbedenken hat? Sie verneint lächelnd. Natürlich habe sie sich zu Hause ausführlich informiert. Sie habe Zeitungsberichte gelesen, ihre deutsch-türkischen Freunde befragt und ist am Ende ihrem Bauchgefühl gefolgt.

Auch von der Terrorgefahr hat sich Ivana nicht abschrecken lassen. "Es ist wahrscheinlicher, hier von einem ignoranten Autofahrer angefahren zu werden, als bei einem Terrorakt verletzt oder gar getötet zu werden." Da sei es egal, ob sie sich nun in Istanbul, Brüssel oder Paris aufhielte.

Für diese Nüchternheit wird Ivana von Istanbul belohnt. Sie schwärmt von der Gemächlichkeit, mit der viele Türken ihren Tag verleben: „Für einen Çay muss immer Zeit sein.“ Die Betreuungsquote an der Bosporus Universität sei außerdem traumhaft. In ihren Seminaren sitzen zwischen vier und zehn Teilnehmern. "Alles hier ist super inspirierend. Ich bin sehr positiv gestimmt", fasst sie ihre Euphorie zusammen.

Erasmus: Erfahrung voller Gegensätzlichkeiten

Ein politisches Plakat hängt etwas einsam mitten auf dem Campus der ITÜ. "Wir sind die Nation. Wir werden die Türkei nicht vom Putsch oder Terror fressen lassen." Eine Durchhalteparole. Dem Poster wird wenig Beachtung geschenkt.

Es ist Sinnbild für den Charakter der Erasmussaison: Auf der einen Seite wissen alle ausländischen Studierenden, dass sich die Türkei in einer angespannten Lage befindet. Sie alle sind zumindest indirekt von den "Säuberungen" betroffen. Auf der anderen Seite durchleben sie aber dennoch das, was man "Erasmusfeeling" nennt. Sie tauchen in eine noch fremde Kultur ein, lernen neue Leute aus ganz Europa kennen und müssen völlig neue Herausforderungen meistern. Beides zusammen macht den türkischen Erasmusstart zu einer Erfahrung mit zwei sehr gegensätzlichen Seiten.

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