Die Urbane Hip Hop Partei
Wichtiges Ziel der Urbanen: Die 0,5 Prozent knacken! | Foto: Scandals Pictures/Sebastian Stiller
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21. Sep 2017

André Gärisch

News

Die Urbane: Vom Rhyme zur Gerechtigkeit

"Wir haben gesehen, dass wir uns dringend politisch engagieren müssen!"

UNICUM: Erzählen Sie mal, wie kam es zu der Idee, mit der Urbanen eine Hip-Hop-Partei zu gründen?
Raphael Hillebrand: In den letzten Jahren ist das Vertrauen in die großen Parteien gesunken. Sowohl ich als auch Leute aus meinem Umfeld haben gesehen, dass wir uns dringend politisch engagieren müssen. Wir haben dann geschaut, wo es einen Werteanker gibt, mit dem man in die Politik ziehen kann. Die Ursprünge der Hip-Hop-Kultur in den 70er und 80er Jahren hat die Kultur- und Kunstwelt auf den Kopf gestellt und demokratisiert. Außenseiter aus New York hatten sich geschworen, ihren Wert nicht mehr zu verleugnen und endlich etwas zu bewegen. Man musste plötzlich nicht mehr studieren, um Maler sein zu können – es reichte, sich mit einer Dose an eine Wand zu stellen und zu sprayen. Diese Demokratisierung der Kunst auf die Demokratie anzuwenden, ist eine unserer Kernideen.

Was sind Ihre wichtigsten Anliegen?
Gewaltfreiheit, Kreativität, als Mittel der Selbstentfaltung, und kulturelle Vielfalt. In unserer Gesellschaft wird kulturelle Vielfalt immer als Problem dargestellt. Die Menschen müssen verstehen, dass sie ein Schatz ist. Schaut man zurück zu den Anfängen der Hip-Hop-Kultur in der Bronx, so war Vielfalt die Basis für alle positiven Veränderungen.

Viele Hip-Hop-Künstler der heutigen Zeit äußern sich homophob oder frauenverachtend. Wie ist das mit der Idee von Vielfalt und Toleranz vereinbar?
Das ist nicht der Hip Hop, den ich meine, ich beziehe mich auf das ursprüngliche Bedürfnis nach Befreiung und Chancengleichheit, das in den Anfangstagen des Hip Hop propagiert wurde. Natürlich gibt es auch solche Richtungen, wie auch unsere Gesellschaft verschiedene Facetten abdeckt. Wir sprechen uns aber klar gegen Chauvinismus und Homophobie aus. Gut die Hälfte unserer Mitglieder ist weiblich.

"Geht wählen!"

Was macht Ihren Wahlkampf besonders?
Die Wahl ist am 24. September, also haben wir einen "Wahlnachtskalender" entworfen. Auf unserer Website geht jeden Tag ein Türchen auf, hinter dem sich eine Person oder ein Thema versteckt, die bzw. das unsere Partei bewegt. Heute hat etwa Olli Banjo dazu aufgerufen, wählen zu gehen. Außerdem machen wir Wahlkampf in der U-Bahn. Das sind Sachen, die uns von anderen Parteien unterscheidet.

Spricht Ihre Partei nur Junge an oder alle Teile der Bevölkerung?
Ein großer Teil unserer Mitglieder sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, viele begreifen den Hip Hop bereits als Komponente ihrer Identität und treten dann bei, andere machen den Wahl-O-Mat und sehen, dass sie mit uns 91 Prozent Übereinstimmung haben. Wir haben ein Mitglied, das 71 Jahre alt ist. Im Gespräch mit ihm wurde klar, dass er sich eine starke linke Strömung wünscht.

Vorausgesetzt, Sie könnten eine Koalition eingehen, mit wem würden Sie sich zusammentun?
Mit "Demokratie in Bewegung" oder den "Linken", aber das ist meine persönliche Meinung, ich spreche nicht für die Partei als Ganzes.

Man kann Sie nur in Berlin wählen. Welches Ergebnis möchten Sie bei der Bundestagswahl erzielen?
Ab 0,5 Prozent erhält man finanzielle Förderung vom Staat. Das ist die erste Hürde, die es für uns zu meistern gilt.

"In zwei Jahren möchten wir bei der Europawahl antreten"

Und wie soll es mit der Partei weitergehen?
Wir planen mittelfristig. Uns gibt es erst seit Januar. In den nächsten 12 Monaten möchten wir eine Infrastruktur aufbauen, Landesverbände gründen. Wir möchten in zwei Jahren bei der Europawahl antreten, dazwischen bei den Wahlen in verschiedenen Bundesländern. Außerdem wollen wir ein Anlaufpunkt sein, zu wichtigen Themen Stellung nehmen. Menschen werden hierzulande immer noch auf Grund ihres Aussehens als Ausländer bezeichnet. Die Leute gehen nach dem Aussehen und verhalten sich dementsprechend. Die anderen Parteien kümmern sich um diese Form des indirekten Rassismus nicht. Ihnen geht es um eine Assimilation dieser Menschen, nicht um deren Integration. Allerdings passt diese Ausrichtung nicht in unser Grundgesetz, denn laut ihm darf niemand aufgrund seiner Herkunft oder seines Aussehens benachteiligt werden. Ich und meine Tochter werden als Ausländer bezeichnet, obwohl meine Familie schon seit Generationen in Deutschland lebt.


Vier weitere kleine Parteien:

Piraten

Die PiratenparteiDie "Piratenpartei" wurde vor sieben Jahren gegründet und ist in den Landtagen von Berlin, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Saarland vertreten. Ihre Ziele: mehr Transparenz in Entscheidungsprozessen, mehr Bürgerbeteiligung, kostenlose Verschlüsselung von E-Mails, gesetzlich garantierter anonymer Zugang zum Netz, bedingungsloses Grundeinkommen und die volle Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der Ehe.

Tierschutzpartei

TierschutzparteiDie "Tierschutzpartei" setzt sich für Tier- und Umweltschutzfragen ein. Sie fordert den Atomausstieg, eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus Massentierhaltung und ein eigenes Gesetz zum Schutz des Menschenaffen. Die Partei möchte den veganen Lebensstil in der Gesellschaft verankern. Abseits ihrer Kernthemen steht die Tierschutzpartei für die Rente mit 65, einen Spitzensteuersatz über 50 Prozent und massive Kürzungen bei der Bundeswehr.

BIG

BIG ParteiDas "Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit" befasst sich hauptsächlich mit dem Thema Integration. Die Partei setzt sich für eine gleichwertige Teilhabe von Eingewanderten ein – Teil dessen sind die Sprachförderung im Vorschulalter und der Anspruch auf doppelte Staatsbürgerschaft. Weitere Ziele sind soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

Die Partei

Die Partei"Die Partei", 2004 als Satirevereinigung gegründet, erfreut sich insbesondere unter jüngeren Menschen großer Beliebtheit. Ihr aktuelles Wahlprogramm mit dem Motto "Inhalte überwinden" ist gespickt mit skurrilen Forderungen, etwa die Einführung einer Faulenquote in der Führungsetage, das Abitur nach der 5. Klasse oder die Beschränkung des Wahlrechts auf Bürger zwischen 12 und 52 Jahren.

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