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18. Mai 2015

Ann-Christin Kieter

Archiv

Alexander Fehling zu "Im Labyrinth des Schweigens"

-ARCHIV-

"Der stylischste Deutsche 2013" (laut GQ) im Gespräch

Nicht noch ein Nazi-Film!?

UNICUM: Alexander, siehst du dich als eine Art Bildungs-Botschafter, wenn du Filme über ernste Themen machst?Alexander Fehling: Überhaupt nicht. Ein guter Film löst irgendwas aus, das sowieso schon in dir ist. Ich versuche, Stoffe zu suchen, die auch irgendwas mit mir persönlich zu tun haben, denen ich irgendwas geben kann, zu denen ich Fragen habe. Ein Film sollte nicht nur Ablenkung vom Leben sein, sondern einen auch aufs Leben stoßen.

Wie sehr, glaubst du, kann ein Film zum Nachdenken anregen? Filme ändern die Welt nicht. Aber ich glaube zum Beispiel, dass ... Sag du es mir! Ich meine, du hast den Film gesehen. Haben dir die Frankfurter Auschwitz-Prozesse oder Fritz Bauer etwas gesagt?

Ja. Aber wahrscheinlich auch nur, weil ich einen Geschichtslehrer hatte, der sich besonders dafür interessiert hat.Dann gehörst du zu den wenigen. Ich kannte die Prozesse vorher nicht und vielen Leuten, mit denen ich gesprochen habe, ging es genauso. Mir ist es wichtig, dass es kein Film über ein KZ ist, auch kein Film über die Nazi-Thematik an sich. Es geht darum, wie ein Land mit all dem umgegangen ist beziehungsweise nicht umgegangen ist, von dem alle wussten, dass es passiert ist. Ich glaube, solche Geschichten gehören unbedingt in den Geschichtsunterricht. Und vielleicht ein Film weniger, in dem man sieht, wie Leichen in Gräben geschubst werden.

Also musstest du noch Wissen aufholen. Wie hast du dich auf deine Rolle vorbereitet?Natürlich habe ich viel gelesen – wie man das immer macht. Und ich habe viel Zeit im Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt verbracht. Bei den Prozessen damals durfte nicht gefilmt werden, aber es gibt Tonaufnahmen, über 400 Stunden Material. Just zu dieser Zeit haben die alles freizugänglich auf ihrer Homepage veröffentlicht. Da kannst du die ganzen Vernehmungen anhören, sogar das Urteil am Ende. Allein die Verlesung dessen hat zwei Tage gedauert. Das ist unfassbar. Außerdem hat mir ein Staatsanwalt, der wirklich zu der Gruppe gehörte, Gerhard Wiese, viel von dem Alltag erzählt.

Trailer zu "Im Labyrinth des Schweigens"

"Dabei wirst du angeschrien und angespuckt"

Wäre ein Jura-Studium was für dich gewesen?Nee, ich glaube nicht. Ich wollte schon sehr früh Schauspieler werden und hab das ja auch studiert. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke ... Psychologie finde ich schon spannend und vor allem sinnvoll. Allerdings habe ich keine Ahnung, ob ich talentiert dafür wäre.

Du hast deinen Zivildienst ja auch in der Psychiatrie gemacht. Gibt es etwas, das dir davon immer im Hinterkopf bleibt?Och, da gibt es viele Situationen. Ich war damals auf so einer Auffangstation. Fälle, die akut waren, kamen dorthin und wenn sie länger blieben, wurden sie auf andere Stationen verteilt. Als Zivi musst du Leute am Bett fixieren, acht Stunden Sitzwache machen. Dabei wirst du angeschrien und angespuckt. Einmal habe ich mich mit einem Patienten auch geprügelt. Es gab lauter solche Momente, aber auch viele bewegende. Das Problem ist, jetzt erzähle ich das und es wirkt so: Oh, die Kranken da! Aber irgendwie konntest du in jedem etwas Schönes sehen und ich habe unvergleichliche Menschen erlebt.

Bei deinen Filmrollen gibt es ja auch kleine Ausreißer wie die Komödie "Buddy". War das ein Film für "nebenbei", quasi zur Entspannung oder sind Komödien sogar schwieriger zu spielen?Komischerweise sagen Leute, die nur Komödien machen, dass das die höhere Kunst ist. Vielleicht ist dabei leichter zu erkennen, wie der Film ankommt, weil da gelacht wird – oder eben nicht. Wenn jemand bewegt ist im Film, dann kannst du das nicht so leicht ablesen. Mehr Vorbereitung brauche ich für einen Film wie Buddy natürlich nicht. Aber ich nehme das sehr ernst, genauso wie alles andere auch.

Der Mauerfall als Kinder-Erinnerung

Momentan ist ja noch ein anderes geschichtliches Ereignis aktuell. 25 Jahre Mauerfall. Wie hast du den damals mit acht Jahren erlebt? Du bist schließlich in Ost-Berlin aufgewachsen.Das sind so Kinder-Erinnerungen. Ich erinnere mich, dass ich gemerkt habe, um mich herum muss etwas ganz Außergewöhnliches passieren. Die Menschen haben vorm Fernseher gesessen und geweint. Mich hat total geärgert, dass ich es nicht verstanden habe. Heute bin ich eigentlich froh, dass ich so jung war. Für viele war das ein Einschnitt in ihre Biografien – und nicht unbedingt ein guter.

Ist deine Familie direkt nach West-Berlin rübergegangen?Nein, erst zwei, drei Wochen später. In der Schule hatten alle schon die neuen Gummibärchen, ich noch nicht. Meine Familie ha tan den nachvollziehbar guten Gedanken des Sozialismus – da ist ja ein guter Kern drin – geglaubt. Und dass dieser Gedanke sofort absolut weg sein sollte, war nicht leicht. Andere haben geschrien: Kohl, bring uns das gelobte Land! So war meine Familie nicht.


Alexander Fehling kurz & kompakt

  • Alexander Fehling (33) kennt man vor allem als jungen Goethe im gleichnamigen Kinofilm oder als Andreas Baader im Terror-Drama "Wer wenn nicht wir".
  • Ein Jahr vor diesen Erfolgen hatte er eine kleine Rolle in "Inglourious Basterds" an der Seite von Brad Pitt. Regisseur-Genie Quentin Tarantino bescheinigte ihm noch beim Casting: "You are a very talented young actor."
  • Bis 2011 war er mit Nora Tschirner zusammen, jetzt ist er mit Peri Baumeister liiert.
  • Ab dem 21. Mai 2015 ist sein Film "Im Labyrinth des Schweigens", ein absolut sehenswertes Historien-Drama über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, auf DVD und Blu-ray erhältlich.

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