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05. Nov 2014

Torsten Thierbach

Archiv

Auslandssemester am Tropencampus in Bali

-ARCHIV-

Segen oder Strafe? Studieren, wo andere Urlaub machen

Abenteuer Bali-Studium

Qualmende Motorroller drängen durch enge Gassen. Bauern ziehen schwere Holzkarren. Junge Frauen balancieren bunte Opfergaben freihändig auf ihrem Kopf. Die staubigen Straßen von Balis Hauptstadt Denpasar kennen keine Atempause. Erst recht nicht am Montag kurz nach halb acht.

Für Andrea und Felix aus Deutschland ist das immer wieder ein Abenteuer. Auf ihren Rollern sind sie auf dem Weg zur Udayana Universität mitten in der Stadt. Nur im Kriechgang geht’s voran: vorbei an rollenden Garküchen der Straßenhändler, vorbei an Gemüsefrauen, die frische Melonen meterhoch am Straßenrand auftürmen.

Andrea und Felix sind zwei von mehr als 200 deutschen Studenten, die an Balis Tropenuni eingeschrieben sind. Die meisten sind angehende Betriebswirtschaftler, Felix studiert Sportmanagement in Potsdam. Auf der indonesischen Insel Bali büffeln sie Internationales Business-Management. Die Studenten aber folgen hierbei einem Trend, der schon seit Jahren in Deutschland anhält: Bei der Auswahl der Länder für das Auslandssemester geraten zunehmend asiatische Regionen ins studentische Visier.

Lange Hosen trotz 30 Grad sind Pflicht an der Uni

"Ich wollte schon immer einmal in eine für mich völlig fremde, exotische Kultur eintauchen", sagt Felix. Und dafür ist er auf Bali völlig richtig. Auf der Insel der Götter und Dämonen leben die Menschen in festem Glauben an Mächte des Himmels und der Finsternis. Fast täglich finden farbenfrohe Zeremonien statt, die für das Gleichgewicht zwischen beiden sorgen sollen.

Die deutschen Studenten aber haben zunächst mit ganz irdischen Herausforderungen zu tun. Schon am Morgen klettert das Thermometer auf über 30 Grad Celsius, dazu Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent: ein Klima für T-Shirt und Flip-Flops. Doch die Udayana Uni will es anders. Lange Hosen und festes Schuhwerk sind Pflicht. Dafür gibt es klimatisierte Seminarräume mit dunkel-getönten Fensterscheiben.

"Studieren auf Bali, das ist doch wie ein entspannter Surfurlaub", hatten Freunde der deutschen Studis noch ihre Witze gemacht. Doch die Realität sieht eben anders aus, weiß inzwischen auch BWL-Studentin Andrea aus Berlin: "An unserem ersten Unitag mussten wir Fingerabdrücke für die Anwesenheitskontrolle abgeben." Kommen die Deutschen morgens an den Campus, müssen sie zunächst am Fingerprintsensor vorbei. Der registriert die Eincheck-Zeit, am Nachmittag den Zeitpunkt, wenn die Studenten die Uni verlassen. Drei Viertel aller Lehrveranstaltungen sind Pflicht. Wer öfter fehlt, wird nicht zur Abschlussprüfung zugelassen. Das Auslandssemester war dann vergebens.

Die Entschädigung: Ausflüge und Bungalows mit Pool

Doch Balis Vorzüge liegen auch nur einen Steinwurf weit vom Campusgelände entfernt: traumhafte Sandstrände, smaragdgrünes Meer samt passendem Freizeitangebot für ein Taschengeld. Wer hier nichts Passendes findet, macht etwas verkehrt.

Professor Stephan Passon von der FH Dortmund hat den Studiengang Internationales Business-Management auf Bali aufgebaut. Gemeinsam mit der Tropen-Uni hat er dafür gesorgt, dass die deutschen Studenten hier nicht nur ihr Fachwissen aufpeppen. Jeden Donnerstag stehen Exkursionen auf dem Stundenplan: Tempelfeste, Vulkanbesteigungen und Touren durch den Regenwald. "Wir wollen, dass die Teilnehmer das Leben in einem Entwicklungsland hautnah kennen und die Sichtweise der Menschen hier verstehen lernen", sagt Passon. Nur dann erklären sich auch die Mechanismen asiatischer Märkte. Davon ist der Professor überzeugt.

Studieren auf Bali, das heißt aber für die meisten deutschen Studenten auch komfortables Wohnen. Andrea und Felix zum Beispiel leben mit mehreren Kommilitonen in modernen Bungalows, die mitten in einer gepflegten Gartenanlage stehen und sich um einen kleinen Swimmingpool reihen. Internetanschluss und Fernseher inklusive.

"Der Anspruch an der Insel-Uni ist aber recht hoch, sodass wir oft von all dem gar nichts haben", sagt Andrea. Hausarbeiten sind innerhalb kurzer Fristen anzufertigen, zudem Stunden in indonesischer Sprache und Geschichte zu belegen. Oft fallen die Studenten abends einfach nur noch ins Bett.


Studieren auf Bali

  • Die Insel Bali im Indischen Ozean ist anderthalbmal so groß wie Mallorca und hat rund 3,3 Mio. Einwohner.
  • 2.000 der 15.000 Studenten der staatlichen Udayana Universitas kommen aus dem Ausland, rund 200 aus Deutschland.
  • Viele der 1.600 Dozenten haben im Ausland studiert, ihr Englisch ist dennoch gewöhnungsbedürftig.

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