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30. Nov 2011

Heike Kruse

Archiv

Begabtenförderung: „Niemand würde einen Spitzensportler als Streber bezeichnen“

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Interview mit Erziehungswissenschaftler Christian Fischer

Ab wann ist man hochbegabt?

Hochbegabt zu sein, bedeutet ein höheres Maß an Intelligenz zu besitzen als der Durchschnitt. In Deutschland entspricht dies einem IQ-Wert über 115. Es gibt hier rund 300.000 Kinder und Jugendliche, die als überdurchschnittlich kognitiv begabt gelten. Viele Begabten haben soziale und lernbezogene Schwierigkeiten, weil sie unterfordert sind. Der Frage, wie Begabtenförderung von Kindern und Jugendlichen zu verbessern ist, wird vom 30. November bis 1. Dezember 2011 auf der Fachtagung Bildung & Begabung sucht "Talente für Deutschland" in Bonn nachgegangen. Als Teilnehmer dieser Fachtagung wurde Christian Fischer für dich interviewt.

Erziehungswissenschaftler Christian Fischer im Interview

UNICUM: Herr Professor Fischer, wie sieht Begabtenförderung zurzeit in Deutschland aus?

Fischer: Die Förderung einer Hochbegabung im Sinne eines individuellen Fähigkeitspotenzials hat ihren Anfang in den 70er Jahren durch Elternvereinigungen genommen. Spezielle Förderkurse in außerschulischen Einrichtungen werden bereits für verschiedenste Interessengebiete angeboten. Doch in den letzten Jahren ist dieses Thema auch in den Schulen angekommen. Beispielsweise ist das Recht auf individuelle Förderung im Paragraph 1 des Schulgesetzes NRW explizit verankert. Das beschleunigte Lernen (Akzeleration) und der angereicherte Unterricht (Enrichment) sind dabei innerhalb der Schule die zwei bevorzugten Maßnahmen. Begonnen wurde zudem damit, die Förderung im regulären Unterricht durch Erweiterungsangebote und dementsprechende Aufgabentypen auszubauen. In den südlichen Bundesländern gibt es traditionell Spezialklassen für Begabte, wohingegen im Norden leider keine solche Einrichtung existiert.

Wie sollte denn die Förderung Ihrer Meinung nach bestenfalls aussehen?

Der reguläre Unterricht muss grundlegend umgestaltet werden, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder gerecht werden zu können. Es reicht eben nicht aus, dass die Schüler sich den Bedingungen anpassen. Hochbegabte Kinder zeigen ein auf den ersten Blick paradoxes Verhalten, denn bei zu leichten Aufgaben neigen sie zu erhöhten Fehlerzahlen und bei herausfordernden Aufgaben erzielen sie exzellente Leistungen. Ziel muss es sein, den Lehrern eine diagnostische Kompetenz neben ihrem didaktischen Fachwissen an die Hand zu geben. Daneben sollten Lehrer die Rolle eines vielseitigen Lernberaters für die Schüler einnehmen anstatt einseitigen Frontalunterricht zu geben. Wir brauchen einen konstruktiven Umgang mit der Vielfältigkeit einer Person. Das bedeutet, Herausforderungen in den Stärken und gleichermaßen Förderung bei Schwierigkeiten zu schaffen.

Welche Maßnahmen werden an den Hochschulen ergriffen, um begabte Studenten zu fördern?

Dafür gibt es die Studienstiftungen, die Studenten fördern, und spezielle Deutschlandstipendien. Doch die Frage ist meist: Wer wird ausgewählt? Nur gute Abiturnoten reichen nicht aus, um eine Förderung zu erhalten. Soziale Kompetenzen und soziales Engagement sind ebenfalls sehr wichtig. Die Bewerbungen von Studenten mit Migrationshintergrund und Erststudium treffen auf ungenügende Bedingungen. Auch hier stellt sich das Problem einer geeigneten Diagnostik. Wenn es bei jemandem verdeckte Begabungen gibt, dann wird es entsprechend schwieriger. Als Hochschule muss geschaut werden, wo zeigen sich Begabungen, die gefördert werden sollten. Vielleicht könnten auch verschiedene Schwierigkeitsgrade für Kurse eingerichtet werden und universale Studiengänge, die die Anrechnung von Vorkenntnissen und Studienleistungen erleichtern. Durch Studienstiftungen aufgebaute Netzwerke sind sehr prägend für das spätere Berufsleben und sollten jedem Begabten offen stehen.

Welche Talente, denken Sie, braucht Deutschland in der Zukunft?

Im Gespräch mit europäischen Kollegen stelle ich fest, dass die Begabtenförderung in Deutschland nicht die Selbstverständlichkeit besitzt, die sie inne haben sollte. Nicht nur im sportlichen Bereich, in dem talentierte Menschen eine hohe Akzeptanz erfahren, sondern auch in intellektuellen Gebieten muss eine Förderung stattfinden. Niemand würde einen Spitzensportler als Streber bezeichnen. Deutschland braucht grundsätzlich sehr vielfältige Talente. Im verbalen, numerisch-räumlichen Bereich werden zahlreiche Talente benötigt. Ebenso sollten musikalische, sportliche, emotionale und interpersonelle Begabungen verstärkt unterstützt werden. Auch die praktischen Talente müssen eine höhere Wertigkeit erhalten.

Neben dem wirtschaftlichen Nutzen ist mit einem Talent immer die persönliche Lebenszufriedenheit verbunden, deshalb brauchen wir eine begabungsfreundliche Lernkultur, Wettbewerbe und Auszeichnungen, denn: Deutschlands Zukunft liegt in der guten Förderung ihrer vielfältigen Talente!

Kurzvita

  • 2001-2008 Geschäftsführer des Internationalen Centrums für Begabungsforschung (ICBF) der Universitäten Münster und Nijmegen
  • 2006-2008 zudem Wissenschaftlicher Leiter des Landeskompetenzzentrums für Individuelle Förderung NRW (LIF) der Universität Münster und des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes NRW
  • Seit 2010 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik: Begabungsforschung und Individuelle Förderung an der Universität Münster

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