Autorenbild

18. Sep 2014

Sascha Gull

Archiv

Das Ende des iPod

-ARCHIV-

Ein Abgesang

Es war einmal... der Walkman

In dunkler Vorzeit - der ein oder andere mag sich vielleicht noch erinnern - benötigte der geneigte Musikliebhaber ein tragbares Tonbandabspielgerät, einen sogenannten Walkman, um unterwegs seine Wunschlieder hören zu können. Höchstens 45 Minuten Laufzeit gab es pro Kassettenseite, die Songauswahl musste dementsprechend wohlüberlegt sein.

Tapes liefen meistens in Dauerschleife, weil man kein zweites mit sich herumschleppen wollte oder die Wechselkassette vergessen hatte. Routinierte Walkman-Träger kannten die Songreihenfolge ihrer Lieblingstapes im Schlaf und erwischten durch geschicktes Spulen und Sekundenzählen genau den Song, den sie gerade hören wollten.

Immer wieder gab es Versuche, an der Jahrzehnte währenden Hoheit des Walkmans zu rütteln. Doch Discman, MiniDisc-Player und Co. hatten aufgrund ihrer technischen Tücken nicht den Hauch einer Chance, sich gegen den unermüdlichen Tonbanddreher durchzusetzen. Und dann kam der iPod.

So ähnlich müssen sich Stammesindianer im Amazonasgebiet fühlen, wenn sie zum ersten Mal die technischen Gerätschaften der Forschungsexpedition in Augenschein nehmen: erstaunt und ungläubig zugleich.

Die ersten Mp3-Player waren klobig und hatten 32 bis 64 Megabyte Speicherkapazität - das reichte nicht mal für ein Album in Standardqualität. Doch dieses Hightech-Monster war etwas völlig anderes: Der iPod verfügte über unvorstellbare 5 Gigabyte Speicherplatz und damit genug, um ganze Plattensammlungen in die Hosentasche zu stecken, war sagenhaft teuer (Einführungspreis: 1000 US-Dollar) und besaß ein riesiges, mehrzeiliges Display. Ganz recht, ein D-I-S-P-L-A-Y. Spulen war nicht mehr nötig, das gewünschte Lied konnte bequem per Scroll-Rad ausgewählt werden.

Der Aufstieg...

Ein neues Zeitalter war angebrochen und mit ihm gingen ebenso lästige wie liebgewonnene Rituale verloren: Songs rauspicken und überspielen, Vor- und Zurückspulen, Bandsalat entwirren, Kassetten wechseln - all das gehörte plötzlich der Vergangenheit an.

Der iPod, dieser durchgestylte und hochüberlegene Emporkömmling, verbannte den Walkman in die Bedeutungslosigkeit und läutete den weltweiten Siegeszug von Apple ein. In den Folgejahren wurde der iPod erst Marktführer und dann zum Synonym für "Mp3-Player" - es folgten immer neue Modelle mit immer mehr Speicherkapazität und immer neuen Extrafunktionen. Radiosendungen im Netz und sämtliche Medienbeiträge im Mp3-Format hießen jetzt "Podcasts", weil sie besonders häufig auf das namensgebende Apple-Gerät geladen wurden. Der iPod war zum ständigen Wegbegleiter geworden.

...und Untergang des iPods

Es war im Jahr 2007, als Apple-Chef Steve Jobs sein neues Vorzeigeprojekt präsentierte. Ein Wundergerät im edlen Alukorpus, mit beeindruckendem Funktionsumfang und innovativer Touchscreen-Bedienung. Das iPhone konnte alles, auch Musik abspielen. So degradierte das Smartphone die Hauptfunktion des iPod zum nützlichen Beiwerk und machte ihn überflüssig.

Der einstige Superstar wurde daraufhin kaum mehr beachtet. Es gab einen neuen Publikumsliebling. Fast beiläufig und unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde Anfang September bei der Vorstellung der neuesten iPhone-Generation auch das Aus für den iPod verkündet. Ihn ereilte das gleiche Schicksal wie seinen Vorgänger, den Walkman, und all die anderen Leidensgenossen: Kamera, Wecker, Notizblock, Straßenkarte, Taschenrechner, Camcorder, Gameboy, Terminkalender. Das Smartphone übernahm, still und heimlich, seine Aufgabe. Lebewohl, iPod!

Artikel-Bewertung:

0 von 5 Sternen bei 0 Bewertungen.

Passende Artikel