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04. Nov 2012

Roman Milenski

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Das gelobte Land? – Studieren in Österreich

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Interview mit einem deutschen Studenten an der Uni Wien

UNICUM: Dich hat es also zum Studieren auf Dauer nach Österreich verschlagen. Warum unbedingt hinter die Berge und nicht einfach in Deutschland bleiben?
Moritz: In Deutschland gab es für mich keine große Auswahl an Studienplätzen in meinen Wunschfächern Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Das lag vor allem an meinem Abi-Schnitt von 3,7. Ich erhielt an keiner deutschen Uni eine Zusage. Aus Wien und aus Groningen bekam ich hingegen sofort das OK. Ich muss allerdings auch dazu sagen, dass ich ohnehin gerne ins Ausland wollte, weil ich einfach an anderen Ländern interessiert bin.

Du hast Wien dem niederländischen Groningen vorgezogen. Vor allem auch wegen der deutschen Sprache?
Ja, natürlich. Ich denke, ein Studium in der Muttersprache macht einem das Ganze schon wesentlich einfacher. Ich hatte Wien aber auch schon mal besucht und die Stadt gefiel mir.

Was gefiel dir dort genau?
Wien ist eine alte Stadt, bietet viel Tradition und Kultur. Die Architektur ist schön, das Nachtleben aufregend und insgesamt ist hier einfach alles irgendwie entspannt.

Und das Studium an sich? Welche Vorteile gibt es dabei in Wien bzw. Österreich im Vergleich zu Deutschland?
Ich habe ja bisher leider keine Vergleichsmöglichkeiten gehabt. Laut dem Bologna-Abkommen sollen sich die Studiengänge in Europa inhaltlich ja recht ähnlich sein. Ich habe mich ehrlich gesagt vorher auch nicht großartig informiert, was mich im Studium erwartet und ob es da eventuell Unterschiede zu Deutschland gibt. Ich habe es einfach getan.

Aber ein Studium in Österreich aufzunehmen scheint, sagen wir mal, "etwas unkomplizierter" als in Deutschland zu sein. Du sagtest, eine NC-Hürde hattest du dort nicht.
Ja, das stimmt. NCs gibt es in Österreich nicht. Allerdings finden für einige Studiengänge Eingangsprüfungen statt. Außerdem sind die abgeschafften Studiengebühren noch ein großer Vorteil hier. Ich bezahle de facto nichts für das Studium.

Du hast deinen Bachelor in Publizistik und Kommunikationswissenschaften gemacht, den Master machst du jetzt aber in Soziologie. Auch das Wechseln zwischen diesen beiden Richtungen war in Wien kein großer Akt?
Nein, die Studiengänge ähneln sich von der Methodik und ich hatte bereits einige Kurse in Soziologie belegt. Ich musste jedoch im ersten Mastersemester noch die ein oder andere Auflage erfüllen, sprich einige Kurse aus dem Bachelorstudiengang Soziologie nachholen.

Seit gut sechs Jahren studierst und lebst du jetzt in der österreichischen Hauptstadt. Zieh mal eine Zwischenbilanz. Bereust du es hin und wieder "ausgewandert" zu sein?
Nein. An den deutschen Unis wurden mir aufgrund des NCs nur Steine in den Weg gelegt, das Interesse für den Studiengang zählt dort gar nicht. In Österreich wurde ich freundlich aufgenommen. Klar, es gibt Leute, die das Gefühl haben, die Deutschen fallen hier ein und nehmen den Österreichern die Studienplätze weg. Ich für meinen Teil wurde aber weder von Kommilitonen, noch von Professoren oder Dozenten ungerecht behandelt, nur weil ich Deutscher bin. Außerdem ist es interessant mal über den Tellerrand zu schauen. Wir denken zwar, dass die Österreicher uns in fast jeder Beziehung ähneln, aber die Leute hier sind eigentlich sehr anders. Nicht besser oder schlechter. Ich meine die gesellschaftlichen Feinheiten. Zum Beispiel unterscheidet sich der österreichische Humor vom deutschen. Mitzuerleben wie die Leute in anderen Ländern leben, ist meiner Meinung nach ohnehin eine wichtige Erfahrung, auch wenn der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich natürlich nicht so groß ist.

Obligatorische Frage zum Schluss: Würdest du ein Studium in Wien empfehlen?
Ich würde es jedem empfehlen, allerdings darf man nicht zu zart besaitet sein. Einen gewissen Grad an Selbstständigkeit sollte man schon haben, sonst kann man auch schnell untergehen. Wien ist eine "Massen-Uni" und man muss sich um alles selbst kümmern. Das kann schon sehr stressig werden. Wenn man sich aber nicht gehen lässt, dann hat man hier ein nettes Studentenleben.

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