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13. Sep 2013

Jens Wiesner

Archiv

Das große Geistesgrößen-Bashing

-ARCHIV-

Studenten durften endlich sagen: Dieser verdammte ...

Dieser verdammte .... Johann Wolfgang von Goethe

"Eigentlich, Herr Goethe, habe ich ja nichts gegen sie. Wirklich nicht. Sie waren ein schlauer Mann. Und für mein Empfinden haben sie das mit der Selbstvermarktung wirklich gut gemacht. Nein, sie können ja eigentlich gar nichts dafür, dass ich als Germanistin immer wieder gezwungen werde, mich zu rechtfertigen, warum ich sie nicht mag. Wo sie doch so eine schöne Sprache verwendeten. Heute verkommt doch alles zwischen cool und geil und weil das ist halt so und ... herrgottverdammt! Das nennt man Sprachwandel und angewandte Sprache! Und Goethe war Hesse! Deshalb reimt sich der Faust nur, wenn man Hessisch spricht! Und überhaupt, was soll der Schmarrn mit dem ganzen Geniekult? Heute würde man für diesen Checkerstyle mal derbe gedisst werden. Oder bekäme einen Shitstorm auf der Facebook-Wall. Jaja, deine Mutter! So schaut's aus, Herr Genie! Warum ich sie nicht leiden kann? Weil ihre intellektuelle Geniekacke so weltfremd ist, dass sie Dichter zu Denkern und nicht zu Lebenden macht! Darum! Bah! So!"

Amelie Hauptstock (30), Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster


Dieser verdammte ... Erwin Schröder

"Selten hat mein Hirn so gearbeitet wie bei dem Versuch, am Anfang des ersten Semesters die Schrödinger-Gleichung zu verstehen - leider hatte der Prof versäumt zu erwähnen, dass die nur eine Handvoll Leute auf der Welt kapiert. Überkomplex, dieser Quantenkram. Und wozu überhaupt? Hat keinerlei praktischen Nutzen, aber Esoteriker haben sich draufgestürzt und nerven seitdem mit ihrem Geschwurbel von Quantenheilung. Ach ja, und dann die berühmte Katze. Gleichzeitig tot und lebendig. Alles klar. Herr Schrödinger, geht's noch?"

Dr. Julia Offe (40), Biologiestudium an den Unis Tübingen und Freiburg, Promotion am Zentrum für Molekulare Neurobiologie, Hamburg


Dieser verdammte ... Indiana Jones

"Danke, Dr. Henry Walton Jones, Jr.! Wegen dir glaubt alle Welt, dass ich als Archäologie-Studentin des Öfteren mit einer Peitsche und einem Filzhut durch die Gegend renne und versuche, verloren geglaubte Schätze wieder aufzutreiben, bevor sie meinen höchst gefährlichen Widersachern in die Hände fallen. Durch aberwitzigen Mut und Schläue gelingt es mir, mich aus den noch so misslichen Situationen herauszuwinden, um am Ende als strahlende Siegerin hervorzugehen. Die traurige Wahrheit: Ich sitze die meiste Zeit in der Bibliothek und brüte über Büchern und uralten Fundlisten; eine Peitsche bräuchte ich da allenfalls zum Umblättern und eine Ausgrabung ist keine Schatzsuche, sondern ein systematisches Im-Dreck-Wühlen. Wir Archäologen sind keine Abenteurer, sondern Wissenschaftler - welch eine Desillusion!"

Julia Köppe (25), Archäologie an der Uni Hamburg

 


Dieser verdammte ... Olivier Blanchard

"Sehr geehrter Herr Blanchard,Ihr exzellentes Buch 'Macroeconomics' - weltweit Standardlektüre für das Modul Makroökonomie - musste natürlich auch von mir und meinen Kommilitonen gelesen werden. Und was soll ich sagen? Nicht dass ich in Mikroökonomie schon genug mit Formeln umstellen und Indifferenzkurven zeichnen gequält wurde, so steigerte sich dies hier noch einmal ins Unermessliche. IS-lM-Kurven berechnen, AS-AD-Modelle beschreiben und die Phillips-Kurve herleiten - alles gelernt, doch was bringt mir das Ganze?! Genau. Nichts. Mich würde es mal interessieren, wie oft in Vorstandsetagen wirklich Phillips-Kurven hergeleitet oder LM-Kurven verschoben werden. Kleiner Tipp für Ihr nächstes Werk: Ein bisschen mehr Praxisbezug und weniger weltfremdes Formelnumstellen wäre angebracht - obwohl, wenn ich mich durch dieses Fach quälen musste, wieso sollten es die Studenten nach mir leichter haben ..."

Chris Karl (23), BWL an der Uni Hamburg


Dieser verdammte ... Theodor W. Adorno

"Danke, Theodor W. Adorno, dafür, dass du mir den Marxismus madig machst. Dein in schier nicht enden wollenden, komplizierten und komplexen, über viele zeilengehenden Schachtelsätze verpackter Pessimismus, der sich in seinen Grundzügen noch nicht einmal über die Lektüre deiner Sätze selbst, die formal betrachtet weder schön noch funktional sind, erschließt, sondern a priori fundierte Kenntnisse in der westlichen Geistesgeschichte, die du jedoch nicht einmal explizit benennst oder gar belegst, sondern offenbar so arrogant bist, sie als bekannt vorauszusetzen, sich der Sinn deines Geschriebenen dadurch nur zwischen den Zeilen erschließt, hat mein Leben nicht bereichert und wird auch kein Leben mehr bereichern können, da ja sowieso alles verdorben ist, was noch kommen kann. Auf dieser Basis lässt sich doch noch nicht einmal mehr eine Diskussion führen. Du machst mich wütend!"

Viktoria Niebel (24), Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum

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