Olli Emde Benjamin Blümchen
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02. Jun 2015

Roland Kontny

Archiv

Der "Benjamin-Blümchen"-Dozent

-ARCHIV-

Olli Emde bringt seinen Studenten Politik mit dem Hörspiel-Elefanten bei

Aus Hörspielen werden Vorlesungen

UNICUM: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, aus Hörspielen eine Vorlesung zu machen?
Olli Emde: Die Idee entstammt einem Angebot für Grundschüler im Rahmen der Kinder-Universität. Dann haben wir gedacht, das könnte auch für junge Erwachsene interessant sein und die Idee zu einer Ringvorlesung weiterentwickelt.

Inwiefern ist Benjamin Blümchen denn politisch aktiv?
Der Elefant hat mit den informellen Formen der Partizipation Erfolg: Sitzstreiks, Demonstrationen und sogar der Aufruf zu Gewalt. "Wer Straßen baut, wird vollgehaut", ist einer der Demo-Rufe in der Folge "Benjamin als Förster". Diese den Zeitgeist der 70er-Jahre widerspiegelnde Formen sind noch immer aktuell, wie bspw. Stuttgart 21 zeigt. Hier setzen sich Parkschützer auf Bäume, damit diese nicht gefällt werden. Das tat der Elefant bereits 1980 in "Benjamin Blümchen auf dem Baum".

Welche Probleme bekommt er immer wieder zu spüren? 
In der Neustädter Kommunalpolitik sieht sich Benjamin mit einigen postdemokratischen Tendenzen konfrontiert: Die Argumente des Bürgermeisters bei seinen Entscheidungen sind meistens nicht am Gemeinwohl orientiert, sondern vielmehr an seinen eigenen oder an den Interessen der Wirtschaft. Die Zivilgesellschaft muss sich ihre Mitsprache erst erkämpfen.

Sie unterziehen Benjamin auch einer "Lebensweltanalyse". Wo und wie lebt er?
Er passt in das "sozial gehobene Milieu", das den Wunsch nach selbstbestimmtem Leben und vielfältige intellektuelle Interessen hat. Tatsächlich philosophiert Benjamin sehr häufig. Auch wenn er als naiver Fragesteller zunächst nicht besonders intelligent wirkt - beim zweiten Hinhören bemerkt man eine Belesenheit, z. B., wenn er in Anspielung an Bertolt Brecht feststellt: "Wenn alle 'Nein' zum Krieg sagen würden, dann gäb's keine Kriege!". Mit seiner liberalen libertären Grundeinstellung hinterfragt er Verbote und auch die staatlicher Machtausübung durch die Polizei.

"Benjamin Blümchen hat eine ähnliche Entwicklung hinter sich wie Joschka Fischer"

In welcher Partei wäre Benjamin Blümchen wohl?
Vieles spricht dafür, dass er sich mit den Grünen der frühen 80er-Jahre gut identifiziert hätte. Aber die damaligen antihierarchischen und basisdemokratischen Ideale finden sich heute in keiner Partei wieder. Er würde darum weiterhin außerparlamentarische, informelle Formen der politischen Beteiligungen einer bloßen Parteizugehörigkeit vorziehen.

Die Schöpferin Elfie Donnelly sagte mal, Benjamin wäre ein guter Freund von Joschka Fischer.
Für die frühen Benjamin-Folgen und den Fischer der außerparlamentarischen Opposition trifft das vielleicht zu. Zwischenzeitlich hat er aber eine ähnliche Entwicklung wie Fischer durchlebt. Zwar fährt Benjamin noch immer keinen BMW oder befürwortet Kriegseinsätze, aber die Themen Ökologie und Pazifismus spielen bei den neueren Folgen keine Rolle mehr.

Wie prüfen Sie eigentlich Ihre Studenten, die ja auf Lehramt studieren?
Sie erstellen einen Beipackzettel für Kinderhörspiele. Zielgruppe sind Eltern, Lehrer oder Pädagogen, denen Ideen und Anregungen für Gespräche im Anschluss an das Hörspielhören gegeben werden. Gerade für politische Themen bieten sich hier auch aufgearbeitete Hintergrundinformationen an, die aufkommende Fragen von jungen Menschen kindgerecht beantworten können.

Ihre Kollegin Miriam Trzeciak hat sich für die Ringvorlesung mit einem weiteren Kinderzimmer-Helden der 80er-Jahre beschäftigt: He-Man. Wie würde Benjamin diesem Mann entgegentreten?
He-Man ist nicht nur in seiner äußerlichen Erscheinung und im Auftreten ein ganz anderer Typus. Auch hinsichtlich der Werteorientierungen, Weltdeutungen und gesellschaftlichen Rollenvorstellungen. Benjamin Blümchen würde das machistische Gehabe He-Mans wahrscheinlich als albern empfinden, ihm ein Zuckerstückchen anbieten oder den kleinen Otto fragen, was der nackte Mann in Unterhose von ihm will.

Olli Emde & Benjamin Blümchen: Kurz & knapp

  • Der Kasseler Politik-Dozent Olli Emde (28) besitzt etwa 3.000 Hörspiel-Kassetten, in seinen Vorlesungen arbeitet er aber mit digitalen Versionen.
  • "Benjamin Blümchen" ist nicht unbedingt sein Lieblingshörspiel: "Es ist schon okay. Insbesondere die frühen Folgen höre ich noch immer gerne, vor allem abends vor dem Einschlafen. Hier verschwimmen das Berufliche und das Private: Neben dem Bett, an meinem Kassettenrekorder, liegen Stift und Papier zum Mitschreiben. Meist schlafe ich aber ein, ohne Notizen zu machen."
  • Im Frühjahr 2016 erscheint ein Sammelband mit den Beiträgen aus der Ringvorlesung. Weitere Infos: www.uni-kassel.de/go/kinderhoerspiele

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