Bauingenieur untersucht Stadiontribünen
Das ganze Stadion hüpft - und die Tribüne schwingt mit | Foto: Thinkstock/targovcom
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15. Nov 2011

Armin Himmelrath

Archiv

Der Hüpf-Fachmann

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Bauingenieur untersucht Stadion-Tribünen

"Man made disasters"

Timo springt. Und springt. Und springt. Immer wieder, auf einem etwa 80 mal 80 Zentimeter großen Holzbrett und mehr als hundert Mal pro Minute. Eigentlich sind es nur relativ kleine Hüpfer, die der 22-jährige Bochumer Sportstudent da macht. So, wie sie eben beim rhythmischen Mitspringen zu einem Lied entstehen. Trotzdem: "Ganz schön anstrengend", schnauft Timo, als der erste Song nach knapp drei Minuten zu Ende ist. 

Timos Gehüpfe in einem Seminarraum der Ruhr-Universität Bochum (RUB) ist Teil eines umfangreichen Forschungsprojekts. Denn die Bewegungen werden genauestens registriert, das Holzbrett ist Teil einer Messanlage, mit der Kraft und Verlauf der Sprünge aufgezeichnet werden. "Wir erfassen hier 2.400 Messdaten pro Sekunde", erklärt Michael Kasperski, der als Bauingenieur diesen Versuch entwickelt hat. Die Daten seiner Probanden rechnet er dann auf zehntausende Menschen hoch. Denn der Wissenschaftler erforscht schon seit Jahren so genannte "man made disasters", also von Menschen ausgelöste Unglücke. Und dazu gehören auch Bauwerke, die durch menschliche Einwirkung einstürzen – wie die Stadiontribüne im brasilianischen Bahia, die im November 2007 unter der Last rhythmisch hüpfender Fans zusammenbrach und mehrere Fußballanhänger mit in den Tod riss. 

"Unsere Versuche zeigen, dass die dynamischen Lasten der hüpfenden Zuschauer um das Dreieinhalb- bis Fünffache höher sind als die statischen Lasten", sagt Kasperski. Anders gesagt: Wer rhythmisch hüpft, wie das in den Bundesligastadien Wochenende für Wochenende üblich ist, kommt durch die Sprünge mit dem Vielfachen seines Körpergewichts auf. 1.000 Fans, die zusammen 80 Tonnen wiegen, erreichen bei gleichzeitigem Springen damit bis zu 400 Tonnen – das muss eine Tribüne erst einmal aushalten. 

Wenn's schwingt, wird's kritisch

"Das Erschreckende ist, dass es für deutsche Stadien keine Norm gibt, die diese dynamischen Lasten durch hüpfende Fans berücksichtigt", schüttelt Kasperski den Kopf. Mit seiner Arbeit will er genau eine solche Norm entwickeln – damit es in den Fußballarenen nicht irgendwann zu einem Unglück kommt. In England und Dänemark etwa, sagt der Bauingenieur, gehe man schlicht davon aus, dass Fußballfans nicht springen, "dabei kann man fast jedes Wochenende am Fernseher das Gegenteil sehen". Und nicht nur dort: Auch im Internet kursieren unzählige Videos, meist Handy-Aufnahmen, auf denen bedenklich schwankende Betontribünen zu sehen sind. 

Dabei sind Fußballtribünen aber nicht das einzige Forschungsobjekt für den Bochumer Bauingenieur. Auch Brücken interessieren ihn – so wie eine Fußgängerbrücke unmittelbar am Gartenschau- Gelände in Oberhausen im Ruhrgebiet. An einem sonnigen Herbsttag ist Michael Kasperski zusammen mit einigen Studenten und Doktoranden hier angerückt und baut Messgeräte auf. Schon ein einzelner Fußgänger oder Radfahrer, der die Brücke überquert, bringt das Bauwerk spürbar zum Schwingen. Was aber passiert, wenn viele Menschen gleichzeitig darüber laufen, vielleicht sogar noch im Gleichschritt?

Das Ziel: Mehr Sicherheit in den Stadien

Kasperski und seine Mitarbeiter mussten nicht lange überlegen. "Bereitschaftspolizisten und Soldaten, die können marschieren", sagt der Forscher. Und so hat er an diesem Vormittag knapp 50 Bundeswehrsoldaten nach Oberhausen kommen lassen, um mit ihnen die Brücke gezielt zum Schwingen zu bringen. Erst marschieren die Männer nur zu dritt über das Bauwerk, was schon für heftige Ausschläge der Messanzeige und für sichtbare Schwingungen der Brücke sorgt. Als dann zwölf Mann im Gleichschritt die Brücke überqueren, wird es sogar Kasperskis Mitarbeiter mulmig, der genau in der Mitte sitzt. 

"Wenn Betonbauten schwingen – egal, ob Brücken oder Tribünen – dann kann man zwar einen Einsturz nicht ausschließen, aber die größere Gefahr besteht darin, dass die Menschen auf dem wackelnden Bauwerk in Panik geraten", erklärt Michael Kasperski. So hatten Fans im Herbst 2005 im Nürnberger Stadion durch ihr rhythmisches Hüpfen einen Oberrang dermaßen zum Schwingen gebracht, dass Betonteile abplatzten und auf die darunter stehenden Zuschauer fielen. Zur Panik kam es zum Glück nicht – und die Tribüne wurde nach dem Zwischenfall verstärkt. Um die Sicherheit in den Stadien zu erhöhen, will Kasperski deshalb auch für die maximal erlaubte Schwingung eines Bauwerks eine Norm errechnen – und dafür werden noch etliche Studenten auf der Testanlage ihre Sprünge vollführen müssen. 

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