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06. Jan 2012

Roman Milenski

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Deutsche Studenten in den Niederlanden: weiterhin sehr willkommen

-ARCHIV-

Unbegründete Panik-Mache in den Medien

Mehrkosten von 90 Millionen Euro

Kein NC, modern ausgestatte Unis, intensive Betreuung – die Niederlande sind ein Traumziel für viele deutsche Studenten. Die Niederländer klopfen sich wegen des guten Rufs ihrer Hochschulen aber kaum auf die Schultern. Denn die Massen an Studenten aus Deutschland werden langsam zum Problem.

Ende Dezember 2011 wurde das Bildungsministerium in Den Haag deshalb beauftragt, sich mit den Auswirkungen ausländischer Studenten auf den Staatshaushalt zu beschäftigen. Das kürzlich veröffentlichte Ergebnis: Sie kosten die Niederlande jährlich 90 Millionen Euro. Der Rechnung liegt zugrunde, dass ein unausgewogenes Verhältnis zwischen niederländischen Studenten im Ausland und ausländischen Studenten in den Niederlanden herrscht. Während aktuell nur ca. 42.500 Niederländer im Ausland ihrem Abschluss entgegen streben, sind 82.000 Ausländer an niederländischen Hochschulen eingeschrieben.

"Die deutsche Flut"

Die rund 25.000 Deutschen bilden dabei die mit Abstand größte Gruppe, sind somit Verursacher der meisten Kosten. Hinzu kommt, dass drei von vier deutsche Studenten nach dem Abschluss den Niederlanden wieder den Rücken zukehren. Deshalb schlägt Halbe Zijlstra, Staatssekretär im niederländischen Bildungsministerium, in seinem Brief dem Parlament unter anderem vor, einen Dialog mit Deutschland zu suchen. Gemeinsam könnte über eine Form deutscher Subventionierung für die Ausbildung deutscher Studenten in den Niederlanden nachgedacht werden.

Darauf reagierte die deutsche Presse in den letzten Tagen besorgt. Milde ausgedrückt. "Zu teuer", "Deutsche raus aus den Unis", "Niederländer bitten Deutschland für seine Studenten zur Kasse" – so oder so ähnlich wurde das Schreiben Halbe Zijlstras oft interpretiert.

Unverständnis beim DAAD

Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) setzte sich mit dem Thema auseinander. "Als ich von den Vorschlägen aus den Niederlanden erfahren habe, war ich zunächst etwas verwundert. Ich habe dann mit einigen niederländischen Kollegen darüber gesprochen. Zusammen sind wir das Originaldokument des Bildungsministeriums durchgegangen und eigentlich stellt sich dieses viel ausgewogener dar, als es jetzt in der deutschen Presse aufgegriffen worden ist", gibt Dr. Annette Julius, Leiterin der Programmabteilung Nord beim DAAD, Entwarnung.

Nach ihrer Analyse richte sich das Schreiben in keinster Weise gegen ausländische Studenten in den Niederlanden. Schon gar nicht gegen die Deutschen. Immer wieder werde betont, dass eine Internationalisierung für das niederländische Bildungswesen essenziell wichtig sei. Die deutschen Studenten würden sogar gelobt. Statistiken zeigten, dass die deutschen Hochschüler schneller studieren und höhere Abschlussquoten erzielen als ihre niederländischen Kommilitonen. Letztendlich profitiere das gesamte Bildungsniveau davon.

Zudem würden die Niederländer weder bedingungslos, noch sofort Gelder aus Deutschland fordern. Das Ziel sei zunächst langfristig in EU-Kommissionen, im Bologna-Verbund sowie im direkten Austausch mit der Bundesregierung und den angrenzenden deutschen Bundesländern, die Kosten der Niederlande für die relativ hohe Anzahl ausländischer Studenten zu thematisieren. Dabei solle ein sensibler Dialog mit den Herkunftsländern, zu denen schließlich nicht nur Deutschland zählt, über eine mögliche finanzielle Beteiligung angestrebt werden.

Niederländer fassen sich zuerst an die eigene Nase

Das niederländische Bildungsministerium suche die Fehler auch im eigenen Land. In Zukunft müsse überlegt werden, wie mehr junge Niederländer zu einem Auslandsstudium bewegt werden können. Speziell in Deutschland – dem wichtigsten Handelspartner. 

"Die Tatsache, dass wesentlich mehr deutsche Studenten in die Niederlande gehen als es umgekehrt der Fall ist, ist auch für Deutschland ein wichtiger Punkt. Man muss versuchen dieses Verhältnis ausgeglichener zu gestalten", meint Annette Julius. "Wir sollten uns fragen, warum Niederländer ein Studium in Deutschland nicht attraktiv finden. Wenn die Situation so bleibt wie sie es jetzt ist, verliert Deutschland beim Austausch von Kompetenzen mit den Niederlanden in Zukunft an Boden."

Außerdem möchte die niederländische Regierung mit den Hochschulen über die Ausrichtung einiger Studienangebote diskutieren. In den Niederlanden existieren vielerorts Studiengänge, die komplett auf Deutsch abgehalten werden. In der Vergangenheit sei das eine bewusste Strategie, um deutsche Studenten anzuwerben. Immerhin erhalten die Hochschulen für jeden Studenten, heimisch oder nicht, 6000 Euro aus der niederländischen Staatskasse. Derartige Studienmodelle förderten aber weniger die gewünschte Internationalisierung. Vielmehr entstünde dadurch eine Kluft zwischen deutschen und niederländischen Studenten. 

Zuschüsse nur auf freiwilliger Basis

Aber selbst wenn es das vehemente Ziel der Niederlande wäre, Ausgleichszahlungen aus Deutschland zu bekommen, müssten Bund oder Länder diesen von sich aus zustimmen, erklärt Annette Julius. Es gibt schlichtweg keinerlei gesetzlichen Rahmen, der Ausbildungsländern Zuschüsse für ausländische Studenten aus deren Herkunftsländern gewährt. Eventuelle Aufnahmebeschränkungen für deutsche Studenten verbietet hingegen Artikel 18 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU. Dieser besagt, dass alle Bürger der EU in allen Ländern der EU gleich behandelt werden müssen.  

Ähnliche Überlegungen für eine Kostenbeteiligung Deutschlands für seine Studenten, kamen übrigens schon vor Jahren aus Österreich. Doch bislang konnten sich die Österreicher damit nicht durchsetzten. Ebenso wenig wie Berlin, das sogar Zuschüsse für Studenten aus Baden-Württemberg sehen wollte. 

Annette Julius und der DAAD haben zu solchen Themen ohnehin eine klare Position: "Den Versuch innerhalb der europäischen Gemeinschaft Kosten und Nutzen dieses Binnenraums einzeln auszurechnen, sehen wir mit großer Skepsis. Durch den ohnehin ständigen Austausch, gibt es auch immer einen Mehrwert für alle Beteiligten."

 

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