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01. Dez 2011

Stephan Hammers

Archiv

"Die Profs haben Bologna verhunzt"

-ARCHIV-

Wolf Wagner spricht Klartext

Stumpfe Wissensreproduktion statt kreatives Problemlösen

Sie kritisieren die Macht der Professoren im deutschen Hochschulsystem. Was ist daran falsch?
Es gibt einige sehr gute Professoren, die wirklich toll und engagiert sind. Aber auch viele, die im Grunde nur ihr Hobby betreiben und in ihrem Schrebergarten nur das machen, was sie interessiert. Und zwingen die Studis, ihr Hobby mitzumachen. Mein Modell sind die skandinavischen Länder. Dort wird bis zu 50 Prozent des Studiums in studentischen Gruppen gearbeitet. Und nicht, um wie in Deutschland ein todlangweiliges Referat zu produzieren, sondern sie erarbeiten ein Papier, das sie den Professoren übergeben. Dann gibt es noch eine mündliche Prüfung. Die Studierenden betreiben lernendes Forschen, sie werden zu kreativen Problemlösern. Das ist das Gegenteil von unserer Wissensreproduktion.

Sie sagen, gute Professoren in Deutschland sind nicht wegen des Systems gut, sondern trotz des Systems. Was ist am System falsch?
Die Hochschulleitungen sind an guter Lehre interessiert, denn je mehr Studierende die Unis hat, desto mehr Geld gibt es. Der einzelne Professor hingegen ist – vom System her – nicht an guter Lehre interessiert. Denn in der Forschung allein kann er Geld und Ehre bekommen, mit guter Lehre macht er sich nur mehr Arbeit.

Was ist das Problem der Bildungskultur in Deutschland?
Für uns ist Wissen identisch mit Allgemeinbildung. Und je exklusiver das Wissen, desto besser. Und das führt zur Verschulung, die dann paradoxerweise wieder kritisiert wird. Wie wir den Bachelor und Master umgesetzt haben, das gibt’s wirklich nur in Deutschland. Das waren aber die Hochschulen selber, nicht die Regierung. Das Ergebnis ist, dass wir bei der Erreichung der Bologna-Ziele im Vergleich mit anderen weit hinten liegen.

"Wann die Reform realisiert ist? In 50 Jahren!"

Haben Sie denn noch die Hoffnung, dass wir uns in Deutschland ändern können? Und, wenn ja, wie soll’s gehen?
Ich sage ja, und zwar – das mag jetzt viele erstaunen – mit Bachelor und Master! Wir haben bisher so ziemlich alles bei Bachelor und Master falsch gemacht, aber die Studiengänge müssen ja noch reakkreditiert werden. Und die Akkreditierungsagenturen schauen nun genauer drauf, weil sie von den europäischen Bologna-Gremien Druck bekommen, und sagen: Hey, ihr müsst mehr die Kompetenzen und Fähigkeiten statt des Wissens ins Zentrum stellen, und das muss sich an konkreten Projekten beweisen. Da gibt es natürlich großen Widerstand. Die alten technischen Universitäten zum Beispiel beharren auf dem Regallernen, also in den ersten Semestern lernt man da nur Grundlagenwissen, und das lehren da auch noch die Professoren dieser Fächer, etwa Mathematiker, die die Ingenieure hassen … Aber die kommen unter Druck, weil sie mit dieser Art des Lernens zurückfallen.

Sie sprechen in Ihren Büchern von der notwendigen kopernikanischen Wende von der Orientierung an der Lehre der Dozenten hin zur Orientierung am Lernen der Studenten. Wie weit ist diese Wende in Deutschland schon Realität?
Ganz wenig. Weil wir eben in Deutschland Bologna ohne Bologna gemacht haben, also weitergemacht haben wie bisher und nur neue Namen draufgesetzt haben. Das ist die Regel, es gibt aber Ausnahmen wie beispielsweise die Technische Uni Dortmund, die Problem Based Learning macht.

Wer hat denn Bologna bisher verhunzt?
Die Profs. Sie haben ihre Arbeitsökonomie optimiert und weitergemacht wie bisher.

Wann wird denn nach Ihrer Meinung in Deutschland die Bologna-Reform wirklich realisiert sein?
In fünfzig Jahren. Bei uns ist es ja so, dass die Hochschulen die Funktion haben, Eliten zu reproduzieren, die Eliten dichtzuhalten. Das wird aber immer dysfunktionaler. Denn neue Ingenieure kommen zunehmend aus den First Generations …

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Was sagen Sie denn zur Elite Guttenberg und Co., die reihenweise ihre Doktortitel abgeben müssen?
Das sind ganz miese Bluffer! Ich schreibe ja in der neuen Fassung des Uni-Bluffs, wie man blufft, ohne sich selbst zu bluffen. Abschreiben, ohne die Quelle anzugeben, ist der größte Selbstbluff. Das ist doof. Das kommt raus.

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