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29. Aug 2013

Birk Grüling

Archiv

Dominanter Nebenjob

-ARCHIV-

Miss Leonie arbeitet neben dem Studium als Domina

Eigentlich studiert sie Geisteswissenschaften

Die Räume für den besonderen Gast – so der Werbeslogan auf der Website – liegen in einem staubigen Industriehof am Rande von Hamburg-Altona. Ein paar Stufen geht es nach oben, dann stehe ich vor der Tür des Studios M.Z. Labyrinth. Lächelnd öffnet Miss Leonie die Tür. "Komm rein und zieh die Schuhe aus. Willst du was trinken?", fragt die 24-Jährige im schwarzen Kleid und mit den roten Haaren. Links und rechts des Flures gehen Türen ab, im Vorbeigehen fällt mein Blick auf einen Arztstuhl und eine Garderobe mit Latex-Kleidung – Spielzimmer nennt man die Räume hier. Eine für mich etwas fremde Welt, immerhin bin ich ein Vanilla, so werden Außenstehende im SM-Jargon genannt. "Fast jeder mag Vanille-Eis und fast jeder mag Blümchensex", sagt Miss Leonie schmunzelnd. Bei der direkt über meinem Kopf hängenden Maske lassen sich Mund und Augenschlitze verschließen, der Käfig und eine Art Schaukel rufen in meinem Kopf verstörende Bilder hervor.

Doch vielleicht sind das auch die  üblichen Klischees. Im Gespräch fallen viele Begriffe wie Einvernehmen, Vertrauen und Zärtlichkeit. Dinge, die ich nur schwer mit meinen Vorstellungen  aus Gerte und Lackstiefeln vereinbaren kann. "Man muss einander vertrauen, Kontrolle abgeben. Das Zufügen von Schmerz ist letztendlich eine Form von Zärtlichkeit. Aus meiner Sicht ist das eine Vertrauensebene, die beim "normalen" Sex nur selten erreicht wird", erklärt Leonie, die eigentlich Geisteswissenschaften studiert. Genau aus diesem Grund funktioniere SM nicht mit Zwang, sondern nur, wenn beide Partner sich aufeinander einlassen. Für das professionelle Aufeinander einlassen, bezahlen die Gäste im Labyrinth 200 Euro pro Stunde. Um dabei mehr über die Wünsche ihrer Gäste zu erfahren, gibt es ein Vorgespräch, bei dem die Fantasien und Regeln für das Spiel genau besprochen werden. Auf ihrer Homepage bietet Miss Leonie verschiedene Dinge – von Fetischspielen über Bondage und Elektrostimulation bis zu Klinikspielen – an.

"Ich habe mich für diesen Weg bewusst entschieden"

"Man muss sich nicht prostituieren, um sein Studium zu finanzieren. Es gibt 1000 andere Wege. Ich habe mich für diesen bewusst entschieden, weil es mir gefällt", sagt die angehende Geisteswissenschaftlerin. Ein leichter Studentenjob ist die Sexarbeit nicht. Viele der Spielarten erfordern genaue Kenntnisse in Anatomie oder Psychologie. "Ich habe eine Ausbildung bei der Studioleiterin La Marfa gemacht. Ohne diese wäre meine Arbeit in dieser Qualität kaum möglich", erklärt sie. Pflicht ist diese Ausbildung nicht. Aber: "Eine Hure in Stiefeln ist noch keine Domina." Viele Prostituierte nehmen SM trotzdem in ihr Angebot auf, weil sie auf mehr Geld und neue Kunden hoffen. Dabei kann einiges schiefgehen. Auch wenn es bei 200 Euro pro Stunde so scheinen mag, reich wird davon keiner, wie auch Miss Leonie bestätigt: "Das große Geld lässt sich sicherlich nicht verdienen und mein Job ist geistig und körperlich anstrengend. Einen gefesselten Mann mit 90 Kilo muss man erstmal heben", sagt sie. Mit einem Vor- und Nachgespräch über die Wünsche und die Reinigung des Zimmers vergehen schnell zwei, drei Stunden. Als Selbstständige muss sie sich außerdem um Steuern, Marketing und neue Kundentermine kümmern.

Wie lange sie noch als Domina arbeiten wird, weiß sie nicht. "Solange es sich für mich gut anfühlt", zuckt sie lächelnd mit den Schultern. Ihre Familie und ihr Freundeskreis wissen von ihren Job und akzeptieren ihn. "Ich könnte das hier nicht machen, wenn es sich mit meinem Privatleben nicht vereinbaren ließe." Den Begriff "Doppelleben" mag sie daher überhaupt nicht, auch wenn es klare Grenzen gibt. Zu ihren Gästen pflegt sie keinerlei privaten Kontakt. Man weiß wenig übereinander und läuft sich selten über den Weg. "Wenn jemand zu mir kommt, einigen wir uns auf eine schöne Leistung und alles andere geht niemanden etwas an", zieht Leonie eine klare Grenze. Nur manchmal erzählt sie Fremden in der Uni oder der S-Bahn am Ende eines Gesprächs von ihrem Nebenjob. "Ich möchte einfach mit dem Klischee brechen, das viele Menschen im Kopf haben. Wenn man mich nach meinem Beruf fragt, lüge ich nie. Aber ich muss ihn auch nicht ständig zu Thema machen. In einer Seminargruppe rede ich selten über Sex" sagt sie augenzwinkernd.

Kurz und kompakt

  • Die 24-jährige Studentin Miss Leonie arbeitet als Domina in Hamburg.
  • Der Stundenlohn beträgt knapp 200 Euro.
  • Ihr Angebot umfasst verschiedene Quälereien, allerdings keinen Geschlechtsverkehr.

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