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05. Mär 2013

UNICUM Onlineredaktion

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Drogen, Bomben, Opfer - Studium in Krisengebieten

Zu Besuch bei Studierenden im Norden Mexikos und im Libanon

Nordmexiko: blutiger Krieg der Drogenkartelle

(Von Sandra Weiß)

Wenn es später wird an der Technologischen Universität von Monterrey, geht Miguel Bremer nur noch in Begleitung eines privaten Wachmanns zum Campus-Parkplatz, auf dem er sein Auto abgestellt hat. Der Wachmann prüft dann, ob die Luft rein ist, und wartet, bis der 21-jährige angehende Umweltingenieur losfährt. Manchmal übernachtet Miguel auch auf dem Campus. Die private Universität hat vor zwei Jahren einen Schlafsaal eingerichtet, nachdem zwei Studenten bei einer nächtlichen Examensvorbereitung unvermittelt von Schüssen getroffen wurden und starben. Monterrey im Nordosten Mexikos liegt mitten im Kriegsgebiet der Drogenkartelle. Und wer dort studiert, muss sich nicht nur mit Klausuren und Stundenplänen plagen, sondern auch lernen, wie man sich im Kugelhagel verhält.

Theoretisch weiß das Miguel: auf den Bodenwerfen und hinter schweren Gegenständen Schutz suchen. So wie es seine Mitstudenten des "Tec" Campus San Luis Potosí vor einigen Monaten demonstrierten: Drei Stunden harrten sie unter ihren Bänken aus, bis die Ballerei vorüber war. Aber so cool ist Miguel nicht: "Einmal war ich im Kino und kaufte gerade Popcorn, als draußen Schüsse fielen. Wir rannten alle wie Schafe hintereinander her in den nächstgelegenen Kinosaal." Dort lotsten die Aufseher die panische Menge durch den Hinterausgang ins Freie und in Sicherheit.

Sicherheit steht an erster Stelle

Vor allem Kneipen und Nachtclubs sind ein bevorzugtes Ziel der Mafia. Deshalb geht Miguel nur noch zu privaten Feiern von Kommilitonen, die er gut kennt. "Ich bin ziemlich vorsichtig", sagt der 21-Jährige. Er ist inzwischen im siebten Semester, an sechs oder sieben Mitstudenten kann er sich erinnern, die aus Sicherheitsgründen den Studienort gewechselt haben. Doch trotz aller Einschränkungen will Miguel das nicht. Das "Tec" mit seiner postmodernen Architektur und seinen 104.000 Studenten an 31 Standorten gilt als eine der besten Universitäten des Landes; die Absolventen finden in der Regel gut bezahlte Jobs. Aber ein normales Studentenleben würde Miguel schon gerne einmal kennenlernen. Deshalb hat er sich jetzt für ein Auslandssemester in den USA beworben.


Fakten Mexiko

  • Seit 2006 tobt in Mexiko der Krieg zwischen den Drogenkartellen Los Zetas, dem Golf-Kartell und dem Staat.
  • Bislang kostete er zwischen 80.000 und 100.000 Menschen das Leben.
  • Prägend für die Situation: der Vorfall in Monterrey (dem wichtigsten Wirtschaftsstandort Mexikos, vergleichbar mit Frankfurt) am 19. März 2010, bei dem zwei Studenten tödlich verletzt wurden.

Libanon: Behandlung von Bombenopfern

(von Eva Lehnen)

Lamis Khalil ist gemeinsam mit Krankenschwestern und Oberärzten auf Visite, als ein ohrenbetäubender Knall die Konzentration der Mediziner durchreißt. "Zuerst dachten wir, er käme von einer nahegelegenen Baustelle, doch als wir aus dem Fenster blickten, sahen wir schon die ersten blutüberströmten Menschen Richtung Klinik rennen", erzählt die 23-jährige Lamis, Medizinstudentin im dritten Jahr. Nur einen Steinwurf von ihrem Lehrkrankenhaus, dem "Rizk"-Hospital in der Beiruter Innenstadt, entfernt steigt schwarzer Rauch in den Himmel. Sirenen heulen. Sofort sind sie wieder da: die Erinnerungen an den mörderischen libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 und vor allem das Jahr 2005, als eine Serie von Bombenanschlägen das Land am östlichen Rand des Mittelmeers erschüttert."

So eine Situation kann man in einer Vorlesung nicht trainieren", sagt Lamis, als sie sich an den erneuten Horror-Tag im Oktober 2012 erinnert. In der überfüllten Notaufnahme schreien Schwerverletzte vor Schmerzen. Mütter suchen verzweifelt nach ihren Kindern. Dutzende von Passanten und Anwohnern, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, als rund 40 Kilo Sprengstoff den fahrenden Wagen des libanesischen Polizeigeheimdienstchefs zerfetzten, müssen versorgt werden. Lamis versucht, ruhig zu bleiben und den Anweisungen der Oberärzte zu folgen.

Die Bedrohung verschwindet nie ganz

Als das Wichtigste Stunden später geschafft ist, und Lamis aus dem Krankenhaus nach Hause zu ihren Eltern fährt, sind die Straßen, auf denen sich sonst freitagabends die Autos und hupenden Sammeltaxen stauen, wie leergefegt. Die hippen Bars in den nahegelegenen Ausgehvierteln Hamra und Gemmayze, in denen die Studenten sonst ihr Wochenende einläuten, sind geschlossen. Beirut ist in Schockstarre. Niemand weiß: Werden weitere Bomben folgen? Viele Libanesen glauben, dass es das Schicksal ihres Landes ist: Immer, wenn scheinbar Friede und Ruhe eingekehrt sind – so wie in den vergangenen, verhältnismäßig stabilen Jahren –, rückt der Libanon an einen neuen Abgrund. Die Nähe zum Krieg im Nachbarland Syrien destabilisiert das fragile Land zusätzlich.

Trotzdem: Ihr Studium an der Lebanese American University in Beirut abzubrechen und fortzuziehen aus der kriegs- und krisengeschüttelten Nahost-Region, ist Lamis nie in den Sinn gekommen: "Die Universitäten sind sehr gut. Ich liebe mein Land. Ich liebe das Leben hier. "Für die, die es sich leisten können, ist das Studentenleben im liberalen Libanon nicht weniger bunt als in München oder Manchester: lernen, ausgehen, mit Freunden Spaß haben. "Nur gehört hier das Bewusstsein dazu, dass die Lage jederzeit eskalieren kann", erklärt Lamis.


Fakten Libanon

  • Die Sorge der Libanesen ist bedingt durch die angespannte Lage im Nachbarland Syrien.
  • Der im Text beschriebene Bombenanschlag ereignete sich am 19. Oktober 2012 in der Hauptstadt Beirut.
  • Dabei starben acht Menschen, 78 wurden verletzt.
  • Ziel des Anschlags war ein Vertrauter des libanesischen Oppositionschefs Saad Hariri.

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