Barack Obama
Barack Obama bei einem Auftritt in Las Vegas, Nevada | Foto: 2012 Getty Images/John Gurzinski
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31. Okt 2012

Nathalie Klüver

Archiv

Ein deutscher Student als Helfer im US-Wahlkampf

-ARCHIV-

Arbeiten für Obama: Vom Praktikum zum Fulltime-Job

Das Bewerben – typisch amerikanisch

Eigentlich sollte es ein 20-Stunden-Praktikum sein. Doch Juri Schnöller wurde schnell klar, dass es damit nicht getan ist. Wahlkampf für Barack Obama ist ein Full-Time-Job, schließlich geht es bei der ganzen Sache um etwas.

Drei Tage die Woche, fünf Monate lang, hat der 22-Jährige im vergangenen Jahr im Wahlkampfteam des US-Präsidenten gearbeitet – und dazu noch zusätzlich an den Wochenenden. Dabei war er eigentlich zum Studieren nach Washington D.C. gekommen. Ein Auslandsjahr im Rahmen seines Politikstudiums. Die Vorlesungen waren auf zwei Tage konzentriert, so dass die Studenten Zeit für ein Praktikum hatten. "Als alter Obama-Fan habe ich die Gelegenheit genutzt und mich im Obama-Team beworben", erzählt Juri.

Bewerbungsgespräche, ACs und knifflige Wissenstest? Nein, das Bewerben war unkompliziert, typisch amerikanisch eben. Komm‘ vorbei, hieß es einfach, man nannte sich gleich beim Vornamen und als er erwähnte, dass er in Deutschland bei der letzten Bundestagswahl für Angela Merkel die Werbetrommel gerührt hatte, hatte er den Job so gut wie sicher. Seine Kollegen hatten ihn schnell akzeptiert, schließlich war er nicht der einzige Ausländer im Team.

"Youth and Social Media Coordinator" durfte Juri sich dann nennen. "Ein fancy Name, der übersetzt so viel heißt wie Mädchen für alles." Und so war es dann auch. Er war für die Unis in Washington zuständig, für die Facebook-Seiten, Twitter und Youtube. Worum es ging? Die Menschen zu motivieren, Obama zu wählen. Telefonbücher durchzutelefonieren, immer wieder dieselben Sprüche aufzusagen. An den Wochenenden war er auch meistens im Einsatz: Da ging es in den Swing-State Virginia, Klinken putzen.

Von Tür zu Tür laufen und das Sprüchlein aufsagen. Nicht immer war Juri dabei willkommen: "Beschimpfungen gab es öfter, auch am Telefon. Einmal hat mir auch einer ein Gewehr vor die Nase gehalten." Get the f… out of my property! "Da dreht man sich dann schnell um und geht halt wieder", zuckt Juri mit den Achseln.

Geld ist alles in der US-Wahlschlacht

So ist Amerika. Das politische System wollte Juri verstehen lernen – und das hat er. Die Debattenkultur hat er kennengelernt und das im Hauptbüro der Demokraten in der Hauptstadt. Schnell war ihm klar, wie sehr der US-Wahlkampf von Emotionen bestimmt ist. Die richtigen Gefühle, Begeisterung auslösen, wichtiger als Inhalte. "Spannend, aber gleichzeitig auch ernüchternd." Durch seine Wahlkampfarbeit in Deutschland hatte Juri den direkten Vergleich.

Als Angela-Merkel-Wahlkämpfer den Demokraten Obama unterstützen – das löste bei einigen konservativen Freunden in Deutschland ein wenig Erstaunen aus. Für Juri kein Widerspruch: "Die Republikaner stehen so weit rechts, die haben gar kein Pendant in Deutschland."

Noch ein großer Unterschied zu Deutschland: die Rolle des Geldes. Geld ist alles in der US-Wahlschlacht. Spenden eintreiben, eine der wichtigsten Aufgaben für das Wahlkampfteam. Bei einer dieser Fundraising-Veranstaltungen traf Juri Michelle Obama, die sich bei den Helfern bedankte. Und auch den Präsidenten selbst durfte er treffen, bei einem Staatsempfang, zu dem er und andere Helfer als Dankeschön eingeladen waren. Obama schüttelte am Ende allen Helfern die Hände. "Man kann ihn gar nicht nicht mögen. Er hat eine unglaublich positive Ausstrahlung, wirklich ein Charismatiker."

Seit dem Sommer ist Juri nun wieder in Deutschland, studiert in Friedrichshafen weiter und ist froh, wieder hier zu sein. Ein Jahr USA reicht, findet er, so als "Europäer durch und durch". Vielleicht will er tatsächlich einmal in die Politik, erst einmal jedoch seinen Master machen. Seine ehemaligen Kollegen im Wahlkampfteam beneidet er jedenfalls nicht: "Das ist so kurz vor den Wahlen sicher ein Tag-und-Nacht-Job."

Denn es wird ganz eng werden, sagt er voraus. Das Stimmungsbild in den USA sei weniger pro Obama als es die deutschen Medien abbilden würden. "Viele sind ernüchtert, denn er hatte viel versprochen." Am wichtigsten sei es, dass die Minderheiten, allen voran die Latinos, zur Wahl gehen und für Obama stimmen. Dann habe Mitt Romney kaum eine Chance. Die Menschen zur Wahl zu motivieren bleibe die wichtigste Aufgabe der Wahlkämpfer, bis zum Wahltag. Juri Schnöller wird den sechsten November live vorm Fernseher verfolgen. Von Friedrichshafen aus. Eins ist jedenfalls sicher, sagt er: "Es wird eine lange Nacht werden."

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