Blick auf Arcosanti
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21. Jun 2016

Archiv

Ein Praktikum in der Musterstadt Arcosanti: Sim City in echt

Die Experimental-Stadt in der Wüste Arizonas

Arizona. Rund eine Autostunde nördlich von Phoenix. Eine holprig-steinige Straße führt durch Wüstengelände zu einer Gruppe von futuristisch anmutenden Gebäuden mit großen runden Fenstern und bogenförmigen Hallen. Sue Kirsch wartet schon auf dem Gästeparkplatz. Die Deutsche ist eine der rund 85 Bürgerinnen von Arcosanti. Sue ist Archivarin. Sie archiviert in ihrem großen Büro das gesamte Schaffen des Gründers von Arcosanti. Das ist der 1919 geborene und in Arizona lebende italienische Architekt Paolo Soleri.  Mitten in der Wüste Arizonas, wo die Bodenpreise niedrig sind, erwarb Soleri 1970 ein riesiges Gelände und begann, mit Freunden Arcosanti zu errichten. Neben Architekten schlossen sich ihm vor allem experimentierfreudige Freiberufler und Studierende verschiedener US-Hochschulen an. Die Bürger Arcosantis wollen beweisen, dass man auch anders leben und arbeiten kann als nur in luftverschmutzten lauten Megastädten.

Rund 85 Menschen bewohnen die Musterstadt in der Wüste

Umgeben von spröder und lebensfeindlicher Wüstenlandschaft erheben sich, eng aneinandergeschmiegt, so dass auf Straßen verzichtet werden kann, kastenförmige und runde Bauwerke, Plätze laden zum Verweilen ein und schlanke Zypressen spenden Schatten.

Das Projekt Soleris ist eigentlich auf 5000 Bürger ausgerichtet. Doch nur ein Teil der Gebäude wurde auch tatsächlich errichtet. "Rund 85 Leute leben hier und 200 nehmen pro Jahr an unseren Workshops teil", berichtet Jeff Stein. Der Architekturprofessor ist Präsident der als Stiftung organisierten Gemeinschaft und, wenn man so will, Oberhaupt der Bürger von Arcosanti. "Etwa 50.000 Besucher kommen zu uns, um sich darüber zu informieren, wie die Welt ohne die üblichen Städte aussehen könnte". Arcosanti propagiert außer einem ökologischen Lebenskonzept mit eigener Wasserversorgung und -wiederverwertung, mit Solarstrom und biologischer Landwirtschaft keine politischen, religiösen oder sonst wie dogmatischen Maximen. Nur eine einzige Regel gilt für alle: Jeder muss eine ganz bestimmte Funktion übernehmen, die zur Realisierung der Idealstadt beiträgt.

Studierende aller Fachrichtungen kommen aus der ganzen Welt

Willkommen sind Studierende der Architektur, Soziologie, Philosophie, Geschichtswissenschaften und des Ingenieurwesens. Je nach Interessen- und Studienbereich werden den Studenten, die entweder für drei oder sechs Monate nach Arcosanti kommen, Ausbildungs- und Aufgabenbereiche zugeordnet.

Bill, ein Architekturstudent aus New York, erlernt in Arcosanti das Handwerk des Bauens mit Zement und Stahl. Er durchläuft eine Bauarbeiterausbildung, nimmt aber auch am gestalterischen Projekt eines neuen Gebäudes teil.  Maria aus New Mexico studiert in ihrer Heimat Soziologie und Geschichte. Sie arbeitet zusammen mit Sue und lernt auf diese Weise, wie ein Archiv funktioniert und wie man dort arbeitet.

Fünf Wochen Praktikum kosten 1.550 US-Dollar

Die Praktika, Workshops genannt, sind in Arcosanti nicht gratis. Für fünf Wochen muss man 1.550 US-Dollar lockermachen. Neben den 5-Wochen-Workshops gibt es auch die Möglichkeit eines Aufenthalts von 3 Monaten. Ob diese kostenfrei sind, wird von Fall zu Fall entschieden. "Wenn wir sehen, dass jemand wirklich gut ist in einem Arbeitsbereich", so Jeff Stein, "können wir auf eine Bezahlung verzichten."

"Studierende können bei uns lernen", erklärt Präsident Stein, "wie eine kleine alternative Gemeinschaft funktioniert und wie alles zusammenwirkt." Die Rede ist von Teilhabe an einem "globalen Lebenskonzept, wo alle Arbeits- und Verantwortungsbereiche ineinandergreifen und jeder von jedem abhängig ist". "Down to Earth" ist das Prinzip von Arcosanti. "Raus aus der Lehre" lautet das Credo von Jeff Stein "und hinein in die Praxis." Arcosanti macht das möglich, an einem der landschaftlich faszinierendsten Orte der USA.

Arcosanti in Bildern

Kurz & kompakt

  • Die Musterstadt Arcosanti des im April 2013 verstorbenen italienischen Architekten Paolo Soleri in der Wüste Arizonas besteht seit 1970. Mehr Infos gibt es unter www.arcosanti.org
  • Studierende der Architektur, Soziologie, Philosophie, Geschichtswissenschaften und Ingenieurwesen können hier Praktika absolvieren.
  • Die Praktika und Workshops sind kostenpflichtig, werden aber von vielen europäischen und US-Unis als Credit Points angerechnet.

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