Studentische Flüchtlingshilfe Konferenz
Die Konferenz für studentische Flüchtlingshelfer der UNICUM Stiftung | Fotos: Michael Godehardt

14. Dez 2015

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Ein voller Erfolg: Konferenz "Studentische Flüchtlingshilfe in Deutschland"

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Netzwerken und sich weiterbilden: Rückblick auf das Event am 11. Dezember 2015

Nachhaltiges Netzwerken

Los ging es mit einer Vorstellungsrunde, damit sich die Teilnehmer untereinander kennenlernen und Anknüpfungspunkte fürs Netzwerken in den Pausen finden konnten.

Was Gordon Guido Oswald zu berichten hatte, ist wohl bei vielen hängengeblieben. Der Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe des StudentInnenRat der Hochschule Mittweida kommt nach eigenen Angaben "aus der Region Deutschlands, wo immer die negativste Berichterstattung herkommt". Tatsächlich wurden bereits zweimal Fensterscheiben des Büros eingeschlagen und die Teammitglieder verlassen das Gebäude nur mit einem persönlichen Sicherheitsdienst, so groß sei in Sachsen die Angst vor Pegida-Anhängern.

Sich von anderen inspirieren lassen

Die wohl weiteste Anreise hatte Raphael Kunisch. Der Arzt aus München kam "wie die Jungfrau zum Kinde" zur Flüchtlingshilfe. Da die Klinik, in der er arbeitet, direkt am Hauptbahnhof liegt, hat er dort oft vor und nach der Arbeit vorbeigeschaut, um sich um ankommende Geflüchtete zu kümmern.

Da diese jetzt am Bahnhof vorbeigeleitet werden, befindet sich der junge Mediziner gerade in einer Art "Suchungsphase" und hat von seinem Chefarzt sogar ein halbes Jahr Sonderurlaub genehmigt bekommen. Die Konferenz der UNICUM Stiftung sei daher für ihn eine gute Gelegenheit, um sich für neue Ideen inspirieren zu lassen.

Ein Heimspiel hatten dagegen Hermann Eske und Blezej Zylmeka. Die beiden studieren im fünften Semester Jura an der Ruhr-Uni Bochum und engagieren sich ehrenamtlich in der "Refugee Law Clinic Bochum", einer studentischen Rechtsberatung für Flüchtlinge, die sich derzeit noch im Aufbau befindet. Für sie war der erste Vortrag des Tages besonders interessant.

Rechtliche Grundlagen der Flüchtlingshilfe

Gudrun Galster, Rechtsanwältin aus Gelsenkirchen, referierte zum Thema Asyl- und Ausländerrecht für Flüchtlingshelfer. Sie erklärte zum Beispiel, wie ein Asylverfahren abläuft, welche Bewerber besonders gute und schlechte Chancen haben und beantwortete Fragen aus dem Publikum.

Viele Teilnehmer wollten wissen, ob sie sich strafbar machen, wenn sie eine drohende Abschiebung verhindern. Die Antwortet lautetet deutlich: "Es ist eine Straftat!". Doch Gudrun Galster konnte etwas beruhigen, denn die Verfahren würden oft eingestellt. Trotzdem sagt sie: "Eine Garantie haben Sie nicht. Ein evangelischer Pfarrer aus Hamm wurde sogar mal zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er Kirchenasyl gewährte."

Außerdem gab die Rechtsanwältin Tipps für die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die an die Asylbewerber weitergegeben werden können. Da oftmals Wartezeiten von ein bis zwei Jahren anfallen, sei es wichtig, persönliche Daten, den Verfolgungsgrund sowie Details zum Einreiseweg so detailreich wie möglich aufzuschreiben, um nichts zu vergessen.

Interkulturelle Kompetenzen

Nach der Mittagspause berichtete Sozialarbeiterin Ayse Balyemez über ihre Arbeit bei PLANB Ruhr e. V. in Bochum. Sie betreut derzeit sechs Unterkünfte mit circa 500 Geflüchteten im Rahmen des Krisenmanagements.

Die studentischen Flüchtlingshelfer wollten von ihr wissen, ob sie im Umgang mit den verschiedenen Kulturen Probleme habe, als Frau ernst genommen zu werden oder die deutsche Kultur näherzubringen. Beides konnte Ayse Balyemez verneinen: "Im Gegenteil. Die Menschen wollen einfach nur wahrgenommen werden, Hierarchien spielen da keine Rolle. Und aus Dankbarkeit sind sie sehr lernwillig, wollen viel von der Kultur hierzulande mitbekommen."

Ein wichtiges Thema war bei ihr die Vormundschaft, ein für sie "schöner Bereich der Unterstützung, der eine große Verantwortung mit sich bringt und viele Gestaltungsräume bietet." Auch viele der Teilnehmer spielen mit dem Gedanken, sich um ein minderjähriges "Mündel" zu kümmern und unter anderem Unterschriften für diesen zu leisten.

Ayse Balyemez empfahl den Interessenten, mindestens zwei Kontakte pro Woche einzuplanen und gleichzeitig eine gewisse Distanz zu wahren.

Umgang mit traumatisierten Personen

Zum Abschluss des offiziellen Programms erklärte der Psychologe Dr. Sebastian Bartoschek aus Herne, wie man eine Traumatisierung erkennt und vor allem, welche Handlungsempfehlungen sich daraus ableiten lassen.

Die Dos & Don'ts im Überblick:

Dos

  • Zuverlässigkeit demonstrieren (z. B. Termine einhalten)
  • An professionelle Angebote verweisen
  • Den Menschen nicht auf sein Trauma-Erlebnis reduzieren
  • Suizidalität ernst nehmen

Don'ts

  • Eigenständiges Erkunden des Traumas
  • "Therapeutisch arbeiten"
  • Bagatellisierung: "Jetzt ist alles besser" / "Andere haben Schlimmeres erlebt"
  • Alleine arbeiten, keine Hilfe nutzen
  • Unhaltbare Versprechungen machen (auch bzgl. des Aufenthaltsstatus)

Außerdem legte Dr. Bartoschek den Helfern ans Herz, an den Selbstschutz zu denken. Dazu gehöre, zu vermeiden, sich Dinge bildlich vorzustellen. Zudem sollte man Ansprechpartner für verschiedene Gelegenheiten kennen und vor allem für Ausgleich sorgen und nicht die gesamte Energie auf die Helfertätigkeit konzentrieren.

Den Konferenz-Tag beendete die Gruppe beim gemeinsamen Abendessen im Bochumer "Bermudadreieck". Und natürlich stand dort Networking noch einmal hoch im Kurs.

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