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01. Apr 2012

Ann-Christin Kieter

Archiv

Ende Gutt, alles Gutt?

-ARCHIV-

Was die Plagiats-Affäre von Karl-Theodor zu Guttenberg an den Hochschulen bewirkt hat

1. Das Ansehen der Promotion

"Bist du der zweite Guttenberg?" Solche dummen Sprüche muss sich Agata Klaus regelmäßig anhören, seit sie in Kunstgeschichte promoviert. Die ständigen Rechtfertigungen findet die Hamburgerin "ganz schön nervig", denn obwohl ihr fünf Monate altes Baby viel Zeit in Anspruch nimmt, unterlaufen ihr die Fehler eines zu Guttenberg nicht. Die vom Ex-Verteidigungsminister vorgeschobene Stress-Ausrede sei daher auch "zum Fremdschämen".

Ebenfalls genervt ist auch Philipp Socha aus Göttingen. Der Jurist stellt fest: "In Gesprächen mit anderen Doktoranden überwiegt mittlerweile der sarkastische Umgang mit dem Thema." Die Vertreter der deutschen Wissenschaftsorganisationen sind sich einig, dass das Ansehen der Promotion sehr gelitten hat. Allerdings weniger durch den Fall Guttenberg allein, sondern vielmehr durch die Reihe fragwürdiger Copy-and-Paste-Arbeiten quer durch den politischen Garten. 

Wenn schon fernab des Guttenberg’schen Promotionsortes Bayreuth ein gewisser Imageschaden zu spüren ist, wie schätzt man dann im betreffenden Bundesland erst die Lage ein? Der bayerische Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch zeigt sich gelassen: "Ich glaube nicht, dass das Ansehen so empfindlich stark gelitten hat, weil ja der absolute Großteil aller Promotionen hundertprozentig in Ordnung ist. Es gibt zwar schwarze Schafe – und wenn sie dann noch prominent sind, erregen sie öffentliches Ärgernis –, aber insgesamt gesehen ist die Promotion nach wie vor eines der herausragenden Mittel, um darzustellen, dass jemand wissenschaftlich arbeiten kann. Außerdem haben die bayrischen Universitäten schnell reagiert und konkrete Empfehlungen für die Qualitätssicherung bei Promotionen entwickelt." 

Auch bundesweit nehmen viele Hochschulen die Vorfälle zum Anlass, einiges besser zu machen. So bekommt die ganze Sache durchaus einen positiven Nebeneffekt.

2. Die Promotionsordnungen

Bildungspolitik und die entsprechende Gesetzgebung sind Ländersache. Beim Promotionsgesetz ist es noch komplizierter. Denn was in der Promotionsordnung steht, entscheidet jede einzelne Fakultät der einzelnen Unis selbst. Einheitliche Standards – Fehlanzeige. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern, da die Kulturen in den Fächern viel zu unterschiedlich sind, das hätte etwas von "Äpfeln mit Birnen vergleichen", sagt Dr. Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband (DHV). 

Um die Qualität der Doktorarbeiten sicherzustellen, empfehlen die Wissenschaftsorganisationen einige Maßnahmen, die die Unis teilweise auch schon umsetzen. Die sogenannte "Eidesstattliche Versicherung" gehört dazu. Diese wird längst noch nicht an allen Hochschulen eingefordert. Was bislang abgegeben werden muss, ist in der Regel lediglich eine "Ehrenwörtliche Erklärung". Mit der Unterschrift versichert der Promovierende, die Arbeit selbstständig angefertigt und alle benutzten Quellen angegeben zu haben.

Wird dennoch geschummelt, liegt lediglich ein Verstoß gegen das Verwaltungsrecht vor. Strafrechtliche Konsequenzen drohen dagegen nicht. Während der DHV als Interessenverband der Profs sich für diese Abschreckungsmaßnahme ausspricht, stehen andere dem Thema eher kritisch gegenüber. Der Wissenschaftsrat als beratendes Gremium im Forschungsbereich beispielsweise hält es nicht für den "Königsweg, um Fälschungen zu vermeiden": "Wenn sich Herr zu Guttenberg nicht sicher gewesen wäre, nicht ertappt zu werden, dann hätte er es ja nicht getan. Und wer sich sicher ist, nicht erwischt zu werden, der lässt sich auch nicht von einer eidesstattlichen Versicherung abhalten", gibt Dr. Thorsten Wilhelmy vom Wissenschaftsrat zu bedenken.

Trotzdem kommen Doktoranden an Guttenbergs Alma Mater bald nicht mehr an der Unterzeichnung vorbei. An der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth wurde die Promotionsordnung bereits gründlich überarbeitet. Man wolle "Nägel mit Köpfen machen", heißt es bei den Juristen. Ein kompletter Entwurf einer neuen Promotionsordnung geht nun in den Hochschul-Senat und könnte schon zum Sommersemester 2012 umgesetzt werden.

3. Das Betreuungsverhältnis zwischen Promovend und Doktorvater

Sobald die neue Promotionsordnung in Bayreuth eingeführt ist, wird sich wohl auch die Zusammenarbeit zwischen den promovierenden Studierenden und ihren Professoren intensivieren. Denn obwohl wir in Deutschland "mit dem Vier-Augen-Prinzip aus Erst- und Zweitgutachter bereits ein praktikables System haben", wie DHV-Sprecher Jaroch sagt, könne die Betreuung insgesamt durchaus noch verbessert werden. 

An der Uni Bayreuth sollen deshalb künftig Promotionsvereinbarungen getroffen werden, für die sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ausspricht. Das Prinzip soll funktionieren wie ein Beratervertrag im Versicherungsbüro. Schriftlich fixiert wird das, was wirklich wichtig ist: Was ist das Thema? Wie viele Treffen mit dem Doktorvater gibt es? Wer ist der Zweitbetreuer? Und wer finanziert das Ganze? Damit wissen beide Seiten, worauf sie sich eingelassen haben. 

Bereits mehr als die Hälfte der sogenannten Graduiertenkollegs, also Verbänden von Promovierenden, schließen bereits solche Vereinbarungen ab. Vorbildlich, wie man bei der DFG findet: "Das sind Leuchttürme, bei denen vorgemacht wird: So muss es gehen." Der Wissenschaftsrat empfiehlt zudem, die enge 1:1-Beziehung von Doktorand und Doktorvater zu erweitern. Allerdings wolle man keine Strukturen zerschlagen: "Es geht um eine Ergänzung, nicht um eine Ersetzung von Betreuungsbeziehungen", betont Wilhelmy. 

Inspiriert von den in einigen Fächern bereits etablierten "Thesis committees", sollen Promotionskomitees aus mehrern Wissenschaftlern die Promotion über einen längeren Zeitraum fachlich begleiten. Auch beim nächsten Schritt, der späteren Bewertung der Doktorarbeit, gibt es durchaus Verbesserungspotenzial. 

In den Naturwissenschaften ist das "Peer-Reviewing-Verfahren", bei dem Arbeiten vor der Veröffentlichung von zwei anonymen Wissenschaftlern auf Fehler und Unstimmigkeiten untersucht werden, bereits etabliert. "Plagiate können auf diese Weise nicht so leicht passieren", sagt der Hamburger Geologie-Doktorand Thorben Amann und ergänzt: "Über die Korrekturvorschläge bin ich eher dankbar, nur so komme ich weiter und kann meine Arbeit verbessern." Kritisch dagegen sieht die Praxis der Deutsche Hochschulverband. "Ich sehe nicht, dass das ein Gewinn ist, Außenstehende dazu zu verdonnern, die Arbeiten zu lesen. Denn dann fehlt die innere Antriebskraft", kritisiert DHV-Mann Jaroch. Eine flächendeckende einheitliche Lösung scheint hier noch Zukunftsmusik zu sein.

4. Einsatz von Plagiats-Software

"Sicherlich wird jetzt mehr Plagiats-Software von den Universitäten gekauft", weiß Debora Weber-Wulf von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Doch was bringt der höhere Technik-Einsatz? "Plagiatserkennungssoftware findet Kopien von Texten und liefert damit Indizien, dass es eine Übernahme geben kann. Aber schon bei leichten Bearbeitungen werden Plagiate oft nicht gefunden. Und manche Systeme schlagen Alarm bei korrekt zitierten Passagen", erklärt die Professorin. 

In jüngsten Tests hat die oft als "Plagiatsjägerin" bezeichnete Medieninformatikerin die Effektivität der besten Systeme mit der Uni-Note 3,3 bewertet. Eines dieser Systeme habe zudem bei zu Guttenbergs Promotion nur fünf Prozent Plagiate gemeldet, während das öffentliche GuttenPlagWiki wesentlich mehr verdächtige Passagen dokumentierte. Ohne gründliche Nachbereitung bleibt also auch weiterhin manche Schummelei unentdeckt. 

Trotz dieser Schwächen raten die Wissenschaftsorganisationen den Universitäten allerdings, auf die Technik-Karte zu setzen. Damit die Software eingesetzt werden kann, braucht es eine computerlesbare Version der Dissertation. An der Uni Lübeck fordert die Fakultät nun die elektronischen Doktorarbeiten konsequent ein. So können die inzwischen angeschafften Programme zum Einsatz kommen. Allerdings erst dann, wenn ein konkreter Verdacht besteht. 

Übrigens: An Guttenbergs Uni in Bayreuth wird solche Software schon länger eingesetzt, nur eben 2006 noch nicht, wie Pressesprecher Harald Scholl anmerkt: "Die Causa Guttenberg war eben im Jahr 2011, fünf Jahre nachdem er seine Doktorarbeit geschrieben hat. In der Zeit hat sich natürlich schon einiges geändert."


Wie ist die Stimmung in Bayreuth?

"Nicht schlechter als vor zwölf Monaten. Spätfolgen gibt es auf dem Campus keine mehr. Erstaunlicherweise hat die rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät den höchsten Zuwachs an Studierenden. Natürlich könnte man jetzt böse sein und sagen, es liege daran, weil man hier am einfachsten den Doktor machen kann, aber das stimmt natürlich nicht." 

- Harald Scholl, Pressesprecher der Universität Bayreuth


Chronik des Plagiatsskandals

  • 7. Mai 2007: Abschluss der Promotion über das Thema Verfassung und Verfassungsvertrag mit "Summa cum laude".
  • 16. Februar 2011: Durch einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung werdendie Plagiatsvorwürfe öffentlich.
  • 17. Februar 2011: Gründung des GuttenPlag Wikis zur gemeinsamen Recherche nach weiteren Plagiaten
  • 23. Februar 2011: Aberkennung des Doktortitels durch die Uni Bayreuth nach freiwilligem Verzicht
  • 1. März 2011: Rücktritt als Verteidigungsminister
  • Sommer 2011: Umzug nach Amerika
  • 23. November 2011: Einstellung des Ermittlungsverfahrens wegen Urheberrechtsverletzung
  • 28. November 2011: Erscheinungstermin des Interview-Buchs "Vorerst gescheitert"

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