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12. Sep 2012

Heike Kruse

Archiv

Fairuse-Studie: Nur sehr wenige ehrliche Studierende

-ARCHIV-

Mogeln, tricksen, schummeln im Studium

Für 9 von 10 Studierenden ist Schummeln eine Option

Die Angst vor dem Scheitern ist manchmal erdrückend. Da greift so mancher Prüfling auf die Erkenntnisse anderer zurück. Stets mit dem kalkulierbaren Risiko entdeckt zu werden. Ein skurriler Fall in Kasachstan zeigt jedoch, wie unangenehm die Konsequenzen sein können. Ein junger Mann hatte in der Abschlussprüfung für die Uni-Zulassung einen elf Meter langen Spickzettel vorbereitet. Als er – wohl zwangsläufig – aufflog, wurde er von der Prüfung ausgeschlossen. Anstatt seinem Wunsch näher zu kommen, hat der Kasache sich den Weg an die Universität versperrt. Wenn Plagiate in Abschlussarbeiten gefunden werden, kann die Aberkennung des akademischen Grades erfolgen.

Trotz dieser drohenden Sanktionen sind immer wieder Studenten bereit zu plagiieren. Der Soziologe Sebastian Sattler hat bereits in einer Untersuchung für seine Magisterarbeit "Plagiate in Hausarbeiten“ (2006) festgestellt, dass neun von zehn Studenten Plagiate verwenden würden. Auch Elite-Studenten an der Harvard University schummeln, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen. Die aktuelle Fairuse-Studie, gefördert vom Bundesbildungsministerium, offenbart die weite Verbreitung von Plagiaten und anderen Vergehen an deutschen Unis.


Sebastian Sattler: "Plagiat als letzter Ausweg"

UNICUM: Sie haben bereits 2006 in Ihrer Magisterarbeit Plagiate in Hausarbeiten untersucht. Wodurch unterscheidet sich davon die aktuelle Fairuse-Studie?
Sebastian Sattler: Die aktuelle Studie ist schon aufgrund ihrer Größe eine viel solidere Basis für Aussagen. Damals habe ich ein paar Hundert Soziologiestudierende einer Uni einmal befragt, nun viele Tausend Studierende unterschiedlicher Fächer mehrfach und auch Lehrende. Zudem beziehen sich unsere neuen Analysen auf tatsächliche angefertigte Plagiate und nicht nur auf die Bereitschaft zu plagiieren. Auch haben wir nun mehr Einflussfaktoren untersuchen können.

Warum riskieren Studenten die negativen Folgen einer Entdeckung?
Hierfür gibt es viele Gründe. Prokrastiniert jemand über einen langen Zeitraum, putzt also seine Wohnung fleißig oder trifft sich mit Freunden anstatt an der unvermeidlichen Hausarbeit zu sitzen, kann der Druck der Abgabefrist irgendwann so groß werden, dass ein Plagiat als letzter Ausweg angesehen wird. Auch zu geringe Fachkompetenzen können zur Furcht führen, die Arbeit nicht oder nur mit einem unerfreulichen Ergebnis bewältigen zu können. Zudem halten es viele für unwahrscheinlich entdeckt zu werden. Sie sehen gar keine Gefahr.

Können Sie mir sagen, wie viele Studenten plagiieren und wie viele es in Erwägung ziehen?
Etwas weniger als jeder Fünfte (17,9 Prozent) gibt zu mindestens einmal in den letzten sechs Monaten plagiiert zu haben. Interessanterweise ziehen es deutlich weniger in Erwägung. Nur etwa 7 Prozent halten es für (sehr) wahrscheinlich in Zukunft zu plagiieren. Wer jedoch bereits plagiiert hat, scheint dabei deutlich eher rückfällig werden zu wollen.

Plagiate sind ja auch eine enorme Arbeitserleichterung oder wie sehen Sie das?
Nun, die einfachste Form des Plagiats, die Suche eines passenden Textes und der Austausch des eigenen Namens mit dem des eigentlichen Verfassers ist zweifelsohne im Handumdrehen erledigt, aber auch die gefährlichste Betrugsstrategie. Das machen wohl die Wenigsten. Generell erwarten Studierende jedoch eine Zeitersparnis von zweieinhalb Tagen, wenn sie plagiieren. Ein richtig gutes Plagiat kostet auf jeden Fall Zeit: viele Quellen durchmischen, umschreiben oder übersetzen und letzte Spuren verwischen.

"Studierende sind nicht dumm"

Ist das vermehrte Auftauchen von Plagiaten eine Frucht des Internets?
Zweifelsohne ist es heute so einfach wie nie ein Plagiat per Knopfdruck zu erstellen, aber es gibt sicher noch andere Ursachen, die sich im Laufe der Jahre geändert haben – auch wenn wir keine Langzeitstudie haben, mit der sich dies belegen lässt. Um nur zwei zu nennen: Das Bachelor-Master-System wird von vielen als stressig empfunden und Stress ist eine der Ursachen von Plagiaten. Da auch eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit Plagiate begünstigt, lässt sich leicht vermuten, dass die heutige Vielzahl und Intensität von Ablenkungsmöglichkeiten – denken wir mal an die ganzen sozialen Netzwerke, die ein wahrer Zeitfresser sein können – einen Einfluss haben.

Woran liegt es Ihrer Meinung, dass Plagiate zumeist nicht entdeckt werden?
Studierende sind nicht dumm. Nicht alle machen es ihren Prüfern leicht Plagiate zu finden, da sie geschickte Textkollagen zusammenbauen. Andererseits sind nicht alle Lehrenden wachsam genug oder haben überhaupt die Zeit die häufig ungeheure Menge an Arbeiten intensiv zu lesen oder gar auf Plagiate zu prüfen.

Zur Überprüfung der Hausarbeiten stehen den Dozenten Plagiatssoftware zur Verfügung. Wie funktionieren Programme wie Turnitin?
Die Software zerlegt die Arbeiten meist in kleinere Texteinheiten und macht – zumeist mit Stichproben – Abgleiche mit verschiedenen Referenzdaten. Das können beispielsweise alte Hausarbeiten sein, die eine Uni oder ein Prof lokal gespeichert hat oder eben Internetquellen. Daraufhin wird ein Prüfbericht erstellt, der neben verschiedenen Kennzahlen, die mutmaßlichen Originalquellen der eingereichten Textabschnitte angibt. Dabei kann es sich natürlich auch um ordnungsgemäße Übernahmen handeln. Dies zu beurteilen ist Aufgabe des Prüfers.

Wie schätzen Sie den Nutzen dieser Software ein?
Plagiatssoftware kann allenfalls ein kleiner Baustein sein, um das Problem Plagiate zu lösen. Sie kann viele Plagiate nicht zuverlässig enttarnen. Die Software wird zwar immer besser, da immer mehr Quellen digital verfügbar sind, die Rechenleistung und die Suchalgorithmen leistungsstärker werden, aber das ist nicht der Punkt. Wenn Software oder Suchmaschinen eingesetzt werden müssen, ist es ja schon zu spät. Mir wäre es lieber, wenn alle Studierenden in die Lage versetzt werden, wissenschaftlich korrekt arbeiten zu können und auch den Grund dahinter verstehen und wenn Lehrende mehr Zeit für eine intensive Betreuung haben. Denn die zentrale Aufgabe von Unis ist Wissensvermittlung und nicht Überwachung.

Nur spaßeshalber: Gibt es das perfekte Plagiat?
Sicher gibt es Plagiate, die sehr schwer zu enttarnen sind. Das hat sich vermutlich auch ein deutscher Mathe-Prof gedacht, der seine Arbeit in den 80er Jahren großteils von einem russischen Kollegen übernahm und aufflog als das Original ins Englische übersetzt wurde. Das Plagiat wirkte zunächst perfekt, aber eben nur für eine begrenzte Zeit.

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