19. Jun 2013

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Flut in Magdeburg: Studenten gegen das Hochwasser

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Gemeinsam stark: Sechs Helfer berichten von der Überschwemmung

"Da müssen einfach alle mit anpacken"

"Ist denn die Elbe immer noch dieselbe…" – So beginnt ein berühmtes Magdeburger Kinderlied, das unter einigen Hochwasserhelfern für gute Stimmung sorgte. Denn mit einem Höchststand von 7,50 Metern am ersten Juniwochenende war die Elbe in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt für alle spürbar nicht mehr dieselbe. Sirenen heulten Tag und Nacht, auf der Strombrücke tummelten sich die Schaulustigen, und an verschiedenen Stationen in Magdeburg wurden rund um die Uhr Sandsäcke befüllt, gestapelt, abtransportiert, Dämme gebaut.

"Das ist eine außerordentliche Situation, da müssen einfach alle mit anpacken", ist die Meinung von Sabina Schwarzenberg und Daniel Schiwy. Beide studieren an der Hochschule Magdeburg-Stendal und stapelten vor allem in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag am Hafenbecken nahe der Kaffeerösterei Sandsäcke.

"Irgendwann taten mir die Arme schon ganz schön weh, aber als das Magdeburglied angestimmt wurde, hatten auf einmal alle wieder Spaß", erinnert sich die 25-jährige Sabina, die ursprünglich aus Torgau bei Leipzig stammt. Auch ihr Freund Daniel, der Industriedesign studiert, ist kein gebürtiger Magdeburger, sondern wuchs in Wolfsburg auf. Die gemeinsame Wohnung in Magdeburg war nicht vom Elbwasser bedroht, dennoch haben die beiden ganz selbstverständlich auch noch privat bei Bekannten und mit Lebensmittelspenden geholfen.

Als besonders beeindruckend ist Sabina eine Begegnung am Hafenbecken in Erinnerung geblieben: "Dort habe ich jemanden kennengelernt, der in Berlin bei einem Umzug geholfen hat und auf dem Rückweg nach Hannover ganz allein spontan einen Helferstopp in Magdeburg eingelegt hat."

"Die Stimmung war sehr bewegend"

Ebenfalls in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, in der das Elbwasser in Magdeburg seinen Höchststand erreichte, ertönte auch am Kieswerk in Barleben die Melodie des Kinderliedes, erzählt Sabinas Kommilitonin Nancy Hase. Sie füllte dort und später "Am Krökentor" auf dem Unigelände bis in die frühen Morgenstunden Sandsäcke und half diese auf Transporter zu laden. "Die Stimmung unter den Leuten war sehr bewegend. Es wurde gesungen und auch mal gelacht, und das war auch wichtig in dem Moment", beschreibt die 28-Jährige das Miteinander vor Ort, wie sie es auch am Sonntag beim Helfen am Schleinufer und in der Listemannstraße erlebt hat.

Nancy studiert gemeinsam mit Sabina Sozial- und Gesundheitsjournalismus und ist gebürtige Magdeburgerin. Vom Hochwasser war sie gleich doppelt betroffen. Das Wohnhaus, in dem sie sich mit ihrem Verlobten eine Wohnung teilt, steht "Am Schleinufer", nicht weit von der Elbe entfernt. Dort ist der Keller voll Wasser gelaufen. Zudem möchte das Paar in diesem Sommer heiraten, doch die Lokalität für die Feier befindet sich im überfluteten Rotehornpark. "Mittlerweile wurde uns eine gute Alternative angeboten, aber kurzzeitig dachten wir, die Hochzeit fällt jetzt sprichwörtlich ins Wasser", erzählt Nancy erleichtert.

"Die Nerven lagen definitiv blank"

Was die bewegende Stimmung unter den Helfern betrifft, hatte Patrick Ohms zeitweilig etwas weniger Glück. Besonders chaotisch schätzt er die Situation "Am Krökentor" ein, wo rund um die Uhr Sandsäcke gefüllt und abtransportiert wurden. "Es waren sehr viele Menschen dort, Musik lief laut, ständig fuhren Laster umher, um be- oder entladen zu werden. Ich war zwischendurch total reizüberflutet", berichtet der gebürtige Magdeburger, der an der Hochschule Magdeburg-Stendal Rehabilitationspsychologie studiert.

Zudem sei er an dieser Station mit einem anderen Helfer kurzzeitig in einen Konflikt geraten, der fast in Handgreiflichkeiten geendet hätte. "Das konnten wir schnell lösen. Der Mann war einfach schon zu lange an Ort und Stelle, die Nerven lagen bei ihm definitiv blank", erinnert sich Patrick. Er half gemeinsam mit Freunden außerdem an der Fußgängerbrücke in Cracau, die in den Rotehornpark führt. "Motivation war natürlich in erster Linie die Solidarität mit den Betroffenen, aber andererseits wurde man auch einfach von Freunden und Bekannten mitgerissen", sagt der 27-Jährige. "Es ging ja tagelang wirklich nur um das Hochwasser. Die Stadt befand sich eindeutig im Ausnahmezustand. Nichts war zu dieser Zeit wichtiger."

"Wer helfen möchte, kann auch helfen"

Diese Meinung teilt auch Michael Hühnerbein, der sich von Freitag bis Sonntag praktisch im Dauereinsatz befand. Frei nach der Devise: "Wer helfen möchte, kann auch helfen", ignorierten er und seine Freunde die Hilfegesuche im Internet zunächst, und fuhren mit dem Auto auf eigene Faust los. "Sobald online Leute angefragt wurden, strömten so viele Menschen an die jeweiligen Stellen. Das Bedürfnis zu helfen war einfach riesengroß", weiß der 28-Jährige. Deshalb führte der erste Einsatz am Freitag nach Biederitz, ein kleiner Nachbarort von Magdeburg. "Ich glaube wir waren die einzigen Nicht-Biederitzer dort", erzählt Michael, der sich besonders gern an das Miteinander an diesem Tag erinnert, "auch wenn man gar nicht glauben möchte, dass es im Ernst der Lage doch so lustig und nett sein kann."

Dem gefürchteten Szenario, nicht helfen zu dürfen, stellte sich der Magdeburger dann am Sonnabend. Wieder mit Freunden unterwegs hieß die erste Station "Am Krökentor", wo Michael ähnliche Eindrücke wie Patrick sammelte: "Dort waren so viele Menschen, dass die Hälfte der Leute nur rumstand und nichts tun konnte."

Ähnlich habe es sich im Herrenkrug und im Kieswerk am Barleber See verhalten. Dennoch habe sich zwischendurch immer wieder die Möglichkeit zur Hilfe ergeben.  Tags darauf verschlug es Michael auf den Werder, eine Insel zwischen neuer und alter Elbe. Dort half er einen Damm in der Oststraße zu errichten. Spät abends fuhren die Freunde dann in die Listemannstraße, wo sie Sand in Säcke schippten, die auf Paletten zum Abtransport gestapelt wurden. Ab Montag war es für den Medienbildungs-Studenten der Otto-von-Guericke-Universität dann aber wieder Zeit zu lernen. "In der Ausnahmesituation ist die Uni natürlich etwas zu kurz gekommen, darum musste so langsam wieder Normalität einkehren." 

"Im Garten stand das Wasser 1,50 Meter hoch"

Von Normalität konnte Anne Fabian zu diesem Zeitpunkt nur träumen. Die 22-Jährige war bis vor wenigen Tagen noch in Sachen Hochwasser eingebunden, da sie nebenbei ehrenamtlich für das Technische Hilfswerk in Calbe (Saale) tätig ist.

Gemeinsam mit ihrem Einsatzleiter hat sie die Hochwassereinsätze koordiniert und schriftlich festgehalten. Schönebeck, das ebenfalls hart von der Flut erwischt wurde, ist die Heimatstadt von Anne, die an der Otto-von-Guericke-Universität Kulturwissenschaften studiert: "Ich war zum Glück nicht selbst betroffen, aber im Garten von meinem Papa stand das Wasser 1,50 Meter hoch."

Eine Begebenheit während ihrer THW-Tätigkeit ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: "Wir haben zwischendurch eine Meldung bekommen, dass eine Person, die mit einem Ruderboot auf der Saale unterwegs war, vermisst wird. Zum Glück ist aber nichts passiert". Aus fachmännischer Sicht schätzt die Schönebeckerin ein, dass die Deiche gestärkt und erhöht werden müssen, ebenso sollten die Schöpfwerke  verbessert werden, damit sie nicht so schnell überhitzen. "Man sollte sich vielleicht generell  überlegen, wie man die Gebiete, die extrem vom Hochwasser betroffen waren, besser schützen kann."

Die Betroffenen brauchen weiterhin Hilfe

"Ich kenn' da eine Stadt am großen Strom…" heißt es an anderer Stelle im Magdeburglied und zutreffender als in den letzten drei Wochen war diese Zeile wohl selten. Ende Juni ist der Pegel der Elbe unter fünf Meter gefallen. Einige überflutete Wiesen östlich der Elbe und der eine oder andere Sandsack, der nicht den Aufräumarbeiten zum Opfer gefallen ist, zeugen noch vom Katastrophenzustand in der Ottostadt. Sabina, Nancy, Anne, Patrick, Michael und Daniel sind sich einig: "Ohne die sozialen Medien wie Facebook, twitter, aber auch die lokalen Medien hätte die Hochwasserhilfe für Magdeburg in dieser Form nicht so effektiv gestaltet werden können." Jetzt sei es wichtig, die direkt Betroffenen zu unterstützen.

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