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19. Jul 2012

Heike Kruse

Archiv

Ganz schön krank

-ARCHIV-

Fotoprojekt der chronisch kranken Studentin Andrea Krallinger

Trotz Erkrankung: Andrea hat ihr Ziel fest im Blick!

Andrea leidet seit ihrem 13. Lebensjahr unter dem Janz-Syndrom, einer speziellen Form der Epilepsie. Zudem wurden bei ihr Zöliakie (Autoimmunerkrankung), eine Histamin-Intoleranz (Erkrankung der Leber) sowie eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt. Neben der Einnahme von Medikamenten musste Andrea ihre Ernährung umstellen.

Nur frisches Obst und Gemüse kommen bei ihr auf den Tisch. Für sie war es "die beste Entscheidung", nur noch roh-vegan zu essen, wobei auch kleinere Mengen an gekochten Nahrungsmitteln in Ordnung sind. Im letzten Jahr musste sie wegen ihrer Erkrankungen an der Universität pausieren. Doch ihr Ziel, Grundschullehrerin zu werden, hat sie weiterhin fest im Blick. Nebenbei hat sie mit einem beeindruckenden Fotoprojekt begonnen. UNICUM sprach mit Andrea über Shooting, Ausstellung und Studium.

"Dafür bin ich wohl da"

Bei deinem Fotoprojekt möchtest du chronisch Kranken von ihrer schönsten Seite zeigen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Zum einen weiß ich, dass Fotografen sehr teuer sein können. Zum anderen weiß ich ganz genau, wie es ist, wenn man krank ist: Schmerzen, Verzicht, Aus- und Abgrenzung und Selbstwertverlust sind nur ein paar Faktoren von vielen, die im Leben eines chronisch Kranken eine Rolle spielen. Der Körper macht einfach nicht das, was man will. Oftmals trauen sich diese Menschen nicht, nach außen zu treten und benötigen eine persönliche, vielleicht sogar schon intime Situation, um sich zu öffnen. Dafür bin ich wohl da.

Du hast gerade gesagt, dass deine Modelle Schwierigkeiten haben, sich zu öffnen. Wie läuft ein Fotoshooting bei dir ab, sodass sie es doch tun?
Ein Shooting dauert ca. eine bis zwei Stunden, oftmals gehen einige Telefonate voraus. Termin, Uhrzeit und Ort vereinbaren wir gemeinsam und die Modelle bringen meistens verschiedene Outfits mit. Viele lassen sich von mir professionell schminken. Das Shooting ist ganz locker: Oftmals plaudern, schnacken und lachen wir ganz viel. Währenddessen entstehen eigentlich immer die schönsten Fotos.

Wer kann bei dem Projekt mitmachen?
Grundsätzlich kann jeder Interessierte mitmachen. Niemand muss seine Bilder veröffentlichen lassen. Auch verdeckte Aufnahmen sind möglich. Alles wird vertraglich geregelt, sodass jeder auf der sicheren Seite ist.

Wie viele Anfragen hast du denn bereits für dein Fotoprojekt erhalten?
Ich habe über Nacht quasi einen wahren Ansturm erlebt: Über 30 Anfragen allein aus dem Landkreis und einige aus ganz Deutschland sind bei mir eingetroffen. Vom 13. bis 15. August bin ich in Nürnberg/Erlangen. Wer mir Obdach, Kost und Logis bietet, den besuche ich gerne und höre mir liebend gern seine oder ihre Geschichte an. Es haben sich mittlerweile so viele Menschen gemeldet, dass ich es unmöglich schaffen werde, bis Oktober alle abzulichten.

Bei so vielen Anfragen: Wie organisierst du deine Fahrten quer durch die Bundesrepublik?
Aufgrund meiner Epilepsie habe ich meinen Führerschein vor einem Monat auf unbestimmte Zeit verloren. Aber ich spare schon fleißig auf ein E-Bike, damit ich zumindest in meiner Heimat mobil bin. Nur sind diese Räder recht teuer. Im Moment bin ich deshalb auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Leider fehlt mir das Geld für die Zugfahrten.

"Ich fühle mich nicht behindert"

Wie kam es dazu, dass du im Passauer Klinikum deine Fotos ausstellen wirst?
Die Ausstellung im Passauer Klinikum dient als Auftaktveranstaltung. Der Kontakt zum Passauer Klinikum besteht über Ulrike Jungwirth. Sie leitet die Epilepsieberatungsstelle Niederbayern/ Oberpfalz und ist neben meinem Epileptologen meine Ansprechpartnerin, wenn ich Fragen zu meiner Krankheit habe.

Wie stark beeinträchtigen dich deine Erkrankungen im Alltag und Studium?
Ich selbst fühle mich nicht wirklich eingeschränkt oder gar behindert. Zum Behinderten degradiert mich meine Umwelt, indem alles umständlich gemacht wird. Das macht sich vor allem in der Uni bemerkbar, wenn es um die Anerkennung von Ersatzleistungen geht, aber auch im Alltag, wenn es im Restaurant nicht möglich ist, mir eine Portion Salzkartoffeln zu servieren.

Erfährst du sonst noch Einschränkungen?
Ich habe sogenannte Petit-mal-Anfälle. Vor allem bei Prüfungsstress treten diese auf und äußern sich durch das Verdrehen der Augen und kurze Zuckungen der Arme. Bei Präsentationen werde ich dadurch oftmals aus der Konzentration geworfen und Außenstehende sind verwirrt, aber ich kann damit leben.

Wie weit bist du mit deinem Studium?
Eigentlich könnte ich schon fertig sein. Ich bin im achten Semester, doch wahrscheinlich wird es sich aufgrund meiner Schwerbehinderung noch etwas hinauszögern … Inklusion ist lange noch nicht bei allen Bildungsinstitutionen angekommen. Ich habe vor allem im Prüfungsbereich manchmal Schwierigkeiten. Das ist sehr schade. Ich bin nur "geschädigt", aber die Behandlung, die mir manchmal zu Teil wird, macht mich "behindert". Das ist traurig, aber die Realität.

"Mein Gene sind nicht die besten"

Neben deinem Studium gehst du leidenschaftlich gerne der Fotografie nach. Was bedeutet es für dich eine Aufnahme zu machen?
Glück. Die Fotografie ist meine Art der Therapie. Ich kann hier entspannen, kreativ sein, Schönes schaffen, Momente einfangen und vor allem: Ich kann anderen Menschen eine Freude machen. Wenn sich meine Modelle bei mir bedanken und ehrlich sagen können: "Auf deinen Fotos finde ich mich wirklich schön. Ich freue mich darüber", dann ist mein Ziel erreicht – dann bin ich glücklich.

Wenn dir die Fotografie so viel bedeutet, warum hast du dich für den Beruf der Grundschullehrerin entschieden?
Oh je, das wird wohl tiefenpsychologisch! Zum einen liebe ich Kinder über alles – Kinder sind ehrlich, natürlich und wahrhaftig. Oftmals habe ich das Gefühl, dass Kinder die besseren Menschen sind… Zum anderen habe ich wohl einen Beruf gewählt, der mit Kindern zu tun hat, weil ich selbst wohl keine eigenen Kinder in die Welt setzen werde. Mein Genpool scheint nicht der beste zu sein (lacht schallend).


Kurz & Knapp

  • Vom 1. bis 12. Oktober 2012 wird die Ausstellung im Passauer Klinikum laufen.
  • Zöliakie ist eine chronische Entzündung der Dünndarmschleimhaut, die durch eine Überempfindlichkeit gegen Gluten entsteht. Gluten kommt in Form von Klebereiweiß in Getreide vor.
  • Histamin entsteht, wenn Lebensmittel reifen. Aber auch durch Gärung und Fermentierung können in Lebensmitteln mit einem geringen Gehalt die Werte ansteigen, wie zum Beispiel bei Sauerkraut, Bier, Wein und Käse.
  • Auf der Homepage www.ganz-schoen-krank.org und auf der Facebook-Seite www.facebook.com könnt ihr das Fotoprojekt mitverfolgen!

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