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21. Aug 2012

Svenja Friedrichs

Archiv

Gehörlos studieren: Eine absolute Barrierefreiheit gibt es nicht

-ARCHIV-

Benjamin L. meistert sein Schicksal als Gehörloser an der Uni

Keine Uni für Gehörlose in Deutschland

Studieren ist doch kein Problem, denkt sich unsereins. Abi geschafft und los geht’s. Für Hörgeschädigte ist das bei weitem nicht so einfach.

Benjamin L. (31) ist schon von Geburt an gehörlos. Dies hat er wahrscheinlich von seinem Vater geerbt, der selber stark schwerhörig ist. Aber deshalb auf das Studium der Forstwissenschaften zu verzichten, kam für ihn nicht infrage. "Ich interessiere mich im Besonderen für die komplexen ökologischen Zusammenhänge und Handlungsfelder zwischen Mensch und Wald. Aber erst in der zwölften Klasse habe ich erfahren, dass es dafür passende Studiengänge gibt. Das hat mich dann ermuntert, das Abitur durchzuziehen", erzählt er. Mit einer beruflichen Ausbildung hätte er seine Interessen nicht abdecken können.

Obwohl es laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. ca. 80.000 Gehörlose in Deutschland gibt, gibt es weder Universitäten noch Fachhochschulen, die sich speziell auf schwerhörige Studenten ausrichten. Dabei ist die Entstehung einer deutschen Universität für Gehörlose gar nicht so abwegig. Die "Gesellschaft zur Förderung der Inklusion Tauber an Schulen und Universitäten mittels Gebärdensprache e.V" (FIT-DGS e.V.) hat die Errichtung einer europäischen Gebärdensprache-Universität in Bad Kreuznach angestrebt. 2011 wurde dieses Vorhaben allerdings fallen gelassen. Stattdessen beschloss der Verein in Projekte zu investieren, die sich um die Einbeziehung von Hörgeschädigten an Schulen und Universitäten kümmern. Da ist man in den USA schon weiter. Die Gallaudet University in Washington D.C. ist die erste und weltweit einzige Hochschule für gehörlose Studenten. Das ganze Universitätsprogramm und die Leistungen sind auf die Studierenden angepasst. Die Kurse sind bilingual ausgerichtet: Die Gebärdensprache ist amerikanisch, geschrieben wird aber bristisches Englisch.

Anders als bei den deutschen Unis sieht die Situation an den Schulen hierzulande ebenfalls schon ganz anders aus. Es gibt sowohl Grund- als auch weiterführende Schulen für Hörgeschädigte. So hat auch Benjamin den größten Teil seiner Kindheit unter Menschen verbracht, die das gleiche Schicksal mit ihm teilen. In Trier besuchte er die Wilhelm-Hubert-Cüppers-Schule, die hörgeschädigte Grund- und Realschüler unterrichtet. Sein Abitur hat er am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg in Essen gemacht, eine Förderschule für Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf, mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation. Da ist der Wechsel auf eine Universität, die nicht die Möglichkeiten hat, sich auf Gehörlose einzustellen, doch eine Umstellung.

Überschaubare Fakultäten sind vorteilhaft

Da Forstwissenschaft als Wunschstudium für Benjamin feststand, war die Auswahl an Universitäten eingeschränkt. Denn auf Bachelor kann man das Studienfach explizit nur in Dresden, Freiburg, München und in Göttingen studieren. Die Wahl fiel auf die TU Dresden. Benjamin hat das Bachelorstudium dort bereits abgeschlossen und ist nun mitten im Master, welchen er an derselben Uni absolviert. Er sieht einige Vorteile in seinem Studium dort, die andere Universitäten nicht unbedingt bieten können: "Die Fakultät Forstwissenschaft befindet sich in der Kleinstadt Tharandt, ca. 15 km von Dresden entfernt. Diese Fakultät gehört zur TU Dresden, hat jedoch hat eine eigene Verwaltung mit eigenem Prüfungsamt. Weil dieses nur klein ist, wird dort alles etwas unbürokratischer gehandhabt. Bei Problemen kann ich zum Prüfungsamt gehen und alles regeln. Die Stadt und die Universität sind klein und überschaubar. Ich hatte hier von Anfang an einen guten Durchblick – auch in Hinblick an welche Personen ich mich richten muss, um mir Hilfe zu holen." Eine große Hilfe war die Leiterin des Prüfungsamtes, die Benjamin zur Semestereinführung bei den Studenten vorgestellt hat. Sie erklärte ihnen, welche Behinderung er hat und machte sie darauf aufmerksam, dass er einen studentischen Tutor braucht. Das hat die ganze neue Situation sowohl für ihn als auch für seine Mitstudenten und Professoren stark vereinfacht. "Die Studenten sind zu mir gekommen und haben sich mit mir angefreundet." So hat der Forstwissenschaftsstudent direkt zu Beginn des Studiums gut Anschluss gefunden. Doch auch hier holten ihn die Umstände seiner Behinderung schnell wieder ein.

Mit dem Nachteilsausgleich durchs Studium

Um das Studium bewältigen zu können, muss er den Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen, den der Staat Schwerbehinderten anbietet. Dazu gehört die Übernahme von Kosten für notwendige Gebärdendolmetscher, Tutoren und Mitschreibkräfte. Für Vorlesungen, Seminare, Übungen und Exkursionen hat Benjamin einen Gebärdendolmetscher. Bei Belegarbeiten und Prüfungsvorbereitungen helfen ihm Tutoren. Das Prüfungsamt hat ihm geraten, die Zahl der Module in einem Semester zu verringern und so die Regelstudienzeit von drei Jahren zu verlängern. "Mit zunehmender Erfahrung und Sicherheit habe ich dann an mehr Modulen pro Semester teilgenommen." Durch die Verlängerung hat sich jedoch der zunächst gute Anschluss bei seinen Kommilitonen nach den ersten drei Jahren aufgelöst. Seine neu gefundenen Freunde haben ihr Studium abgeschlossen und die Universität verlassen. Benjamin sieht in jedem weiteren Studienjahr andere, unbekannte Gesichter. "Ich muss immer wieder auf neue Studenten zugehen und Kontakt aufbauen, was mir manchmal schwerfällt, wenn es mir nicht so gut geht."

Das wohl größte Problem, mit dem Benjamin täglich zu kämpfen hat, ist das Gespräch mit Unbekannten. Ein Problem, das andere Hörgeschädigten wahrscheinlich nur zu gut kennen. "Von informellen Gesprächen bekomme ich normalerweise nicht viel mit und weiß nicht, worüber gesprochen wird. Die Dolmetscher sind ja nicht immer da." Denn ihr Dienst hört nach den Pflichtveranstaltungen auf. So ist es für die Betroffenen nicht einfach, in Pausen den Kontakt zu halten. Dies ist wohl auch ein Grund, warum Benjamins Freundeskreis zwar gemischt ist, aber größtenteils aus hörbehinderten Freunden besteht. "Für mich sind hörgeschädigte Freunde wichtiger, weil die Kommunikation mit ihnen einfacher ist und das für mich eine Abwechslung vom Alltag ist." Zu diesen Freunden gehören, neben ehemaligen Mitschülern, auch zwei gehörlose Studenten, die er an der TU Dresden gefunden hat. Nach seinem abgeschlossenen Masterstudium möchte Benjamin in forstwissenschaftlichen Versuchs- und Forschungsanstalten arbeiten, bei Einrichtungen des Natur- und Umweltschutzes in Verbänden und Behörden oder einer Tätigkeit im Zusammenhang von Biotopkartierungen (Erfassung von Biotopen in bestimmte Landschaftsbereiche) nachgehen.

"Vermögensunabhängige Finanzierung für behinderte Studenten"

Benjamin hat seine einschlägigen Erfahrungen während des Studiums gemacht und wünscht sich für die Zukunft Änderungen bezüglich der Finanzierung, beispielsweise von Dolmetscherstunden. Er erklärt, dass er in jedem Semester eine Vermögenserklärung machen muss. Demnach darf er nur 2.000 Euro besitzen. Falls dieser Wert überschritten wird, muss er die Dolmetscherkosten selber tragen, bis das Vermögen wieder unter der 2.000-Euro-Grenze liegt. Das macht es den hörgeschädigten Studenten unmöglich für die Zukunft zu sparen. "Ich erwarte vom Gesetzgeber, dass Dolmetscherstunden und andere Leistungen für behinderte Studenten vermögensunabhängig finanziert werden."

Infoseiten und Ansprechpartner

Es gibt mehrere Anlaufstellen, an die sich Hörbehinderte wenden können, um sich Rat zu holen. Das Portal Taubenschlag zum Beispiel richtet sich an Gehörlose und Schwerhörige. Dort werden viele wichtige Informationen zu allen Bereichen aufgeführt, vom Berufs- und Bildungsleben bis zum Alltäglichen. Dazu gibt es viele Linkseiten, die zusätzliche bedeutende Themen behandeln oder Hilfestellungen geben.

Des Weiteren gibt es die Bundesarbeitsgemeinschaft Hörbehinderter Studenten und Absolventen e.V. (BHSA), die auf ihrer Homepage über Seminare und Tagungen berichtet, Erfahrungsberichte von Studenten online stellt und als schneller Ansprechpartner zur Verfügung steht.

In vielen Hochschulstädten gibt es Gruppen von hörgeschädigten Studenten, die sich zusammengetan und einen Verein oder Initiativen gebildet haben, um anderen Betroffenen Hilfe anzubieten. Diese findet man recht leicht im Internet, aber auch die Behindertenbeauftragten an den Universitäten werden dazu Auskunft geben können und entsprechenden Anfragen weiterleiten.

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