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10. Nov 2014

Heike Kruse

Archiv

Hirndoping: Die Moral hinter den Tabletten

-ARCHIV-

Ethik-Arbeit von Tübinger Dozent klärt auf

Medikamente oder mentales Training?

Bisher drehte sich die ethische Debatte um Neuro-Enhancement oder auch Hirndoping im Kreis. Der direkte Vergleich mit Alternativen des mentalen Trainings fehlte. Vor allem, inwiefern Gedächtnisübungen oder Meditation die einfache Tabletteneinnahme gleichwertig ersetzen können. Diese Lücke schloss Dr. Roland Kipke. Er hält in seiner Dissertation "Besser werden Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement" die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Methoden der Selbstverbesserung fest. Dafür verlieh die Universitätsgesellschaft Kassel e.V. an Dr. Kipke im Februar 2012 den Georg-Forster-Preis für seine hervorragende wissenschaftliche Leistung.

UNICUM: Herr Dr. Kipke, welche Unterschiede sehen Sie zwischen dem medikamentösen Neuro-Enhancement und dem klassischen Weg der mentalen Selbstformung?
Dr. Roland Kipke: Zurzeit fällt vor allem ein Unterschied auf: Selbstformung funktioniert, Neuro-Enhancement nicht. Die im Moment als Neuro-Enhancer genutzten Mittel sind weitgehend ohne die erwünschte Wirkung und haben zahlreiche Nebenwirkungen. Aber angenommen, es gibt wirkungsvolle und nebenwirkungsarme Neuro-Enhancement-Mittel, bleiben dennoch einige wesentliche Unterschiede bestehen: Neuro-Enhancement funktioniert schnell, einfach und ohne mentale Anstrengung. Selbstformung hingegen braucht mehr oder weniger viel Zeit und ist anstrengend. Man muss dabei ein erhöhtes Maß an Selbststeuerung aufbringen, die mentalen Eigenschaften müssen aktiv umgeformt werden. Ebenso muss man ein stärkeres Maß an Selbstaufmerksamkeit aufbringen.

Warum geben Sie dann in Ihrer Dissertation dem mühsamen Weg des mentalen Trainings den Vorzug?
Die Eigenschaften von Selbstformung sind nur auf den ersten Blick Nachteile. Gerade das, was so anstrengend ist, ist ein Gewinn: Mit der erhöhten Selbstaufmerksamkeit besteht die Chance, mehr Selbsterkenntnis zu gewinnen, sich selbst besser zu verstehen: Wie bin ich eigentlich? Wie hängen meine Persönlichkeitsmerkmale miteinander zusammen? Ich kann meine Willenskraft stärken, indem ich die in meiner Persönlichkeit liegenden Widerstände überwinde. Ich kann in besonderer Weise die Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen: Ich kann mich aus eigener Kraft selbst verändern! Die langfristig orientierte Arbeit an mir selbst kann dem eigenen Leben Sinn verschaffen. Selbstformung verschafft uns eine Reihe von wertvollen Erfahrungen und Selbstverhältnissen. Neuro-Enhancement ist dazu nicht in der Lage.

Verändert Hirndoping unsere Persönlichkeit, weil wir damit unser Denken verändern?
Ja, die – wenn auch nur partielle – Änderung der Persönlichkeit ist ja das Ziel. Und die Änderungen zielen ja nicht nur auf kognitive Eigenschaften, sondern auch auf das Gefühlsleben. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass die Mittel auch unbeabsichtigte Veränderungen der Persönlichkeit mit sich bringen. 

Können Sie für die möglichen negativen Veränderungen der Persönlichkeit Beispiele nennen?

Das kann zum Beispiel in der Verstärkung aggressiver Anlagen bestehen, in einer Neigung zu leichtsinnigem Handeln oder in einer Veränderung von Stimmungen. Darüber hinaus ist nicht ausgeschlossen, dass eine Abhängigkeit entsteht. Vor allem über langfristige Veränderungen wissen wir noch sehr wenig. 

Moralisches Bewusstsein unausgebildet

Sollte ich mich schlecht fühlen, wenn ich leistungssteigernde Mittel in einer Prüfung einsetze und andere nicht?
Zunächst einmal kann man sich – wenn man die Sache richtig betrachtet – dumm fühlen. Denn ich tue mir selbst nichts Gutes. Beim Einsatz bei Prüfungen kommt noch etwas anderes hinzu: Ich verschaffe mir gegenüber anderen auf unlautere Weise Vorteile. Das ist unfair, nicht anders als beim Doping im Sport. Man kann sich nicht über Jan Ullrich aufregen und dann bei der nächsten Prüfung leistungssteigernde Pillen schlucken. 

Ist Neuro-Enhancement also darauf zurückzuführen, dass ein moralisches Bewusstsein gegenüber Doping nur im Sport existiert?
Das moralische Bewusstsein ist ja auch beim Sport-Doping nur unzureichend vorhanden. Sonst hätten wir die Probleme und die aufwändigen Kontrollen nicht. Das Interesse an Neuro-Enhancement ist auf den Wunsch nach schneller und einfacher Selbstveränderung zurückzuführen - wobei dieser Wunsch wirklich eigene, langfristige Ziele widerspiegeln kann oder auch durch sozialen Druck zustande kommen kann.

Wie würden Sie eine Gesellschaft beschreiben, in der Neuro-Enhancer verstärkt konsumiert werden?
Die komplexen Veränderungen, die das hervorrufen würde, können wir nicht vollständig voraussehen. Aber nach allem, was wir wissen, kann man sicherlich sagen, dass die Leistungsorientierung und der Druck zur Selbstoptimierung erheblich zunehmen würden. Bereits heute leiden viele Menschen unter einem starken Leistungs- und Konkurrenzdruck. Dieses Leiden würde zunehmen.

Was würde Sie für präventive Maßnahmen gegen einen Zuwachs an hirndopenden Studenten empfehlen?
Auch wenn es sich nach braver Krankenkassen-Werbung anhört: Es hilft nur ein Bewusstsein für die Vorteile einer ausgeglichenen und körperlich und seelisch gesunden Lebensweise. Dazu gehört auch ein angemessenes Verhältnis zwischen Selbstverbesserungsstreben und der Annahme seiner selbst. Und ein Bewusstsein für den Wert mentaler Selbstformung. 

Vita von Dr. Roland Kipke

  • 2003 – 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Deutschen Bundestages
  • 2005 – 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter für Medizinethik am Institut für Geschichte der Medizin der Charité in Berlin. 
  • Seit 2009 wissenschaftlicher Koordinator des Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften

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