Latinum
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02. Apr 2013

Mona Contzen

Archiv

Immer mehr Studenten lernen Latein

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Bessere Jobchancen durch die vermeintlich tote Sprache?

Latein ist die dritthäufigste Fremdsprache an Schulen

Dass Latein bisweilen nützlich sein kann, hat die Journalistin Giovanna Chirri eindrucksvoll bewiesen: Als der Papst im Februar seinen Rücktritt verkündete, war sie die einzige Medienvertreterin vor Ort, die tatsächlich verstand, was dort geschah. Hätte die Pressekonferenz in Deutschland stattgefunden, wäre der Italienerin die Exklusivmeldung womöglich nicht gelungen. Denn rund 810 000 Schüler lernen hierzulande Latein – nach Englisch und Französisch ist es die dritthäufigste Fremdsprache an den Schulen. Und auch an der Uni erlebt die totgesagte Sprache einen regelrechten Boom: In Freiburg hat sich die Anzahl der Lateinstudenten innerhalb der letzten zehn Jahre vervierfacht, in Münster muss ein Orts-NC den Zustrom regulieren und in Heidelberg gibt es rekordverdächtige neun Vorbereitungskurse für das Latinum – obwohl der Sprachnachweis als Zulassungsvoraussetzung in vielen Fächern weggefallen ist.

"Der Hype auf Latein als Lehramtsfach hält an", sagt beispielsweise Susanne Pinkernellkreidt, Geschäftsführerin der klassischen Philologie in Münster. die Einstellungschancen dürften gut sein, geht eine Modellrechnung der Kultusministerkonferenz bis 2020 doch von einem großen Bedarf an Lateinlehrern aus. Aber: „Man studiert Latein nicht, nur weil die Berufsaussichten ganz gut sind. Damit würde man sich selbst keinen Gefallen tun", meint der Bonner Student Felix Krings. Er interessiert sich für die Antike Kultur, Literatur, Philosophie – Grundlagen, die auch in anderen Berufen nützlich sein können.

Sprachliche Formulierungsfähigkeiten sind gefragt

Neben der Mehrheit der Lehramtsstudenten gibt es auch Bachelor- und Masterkandidaten. "Das ist oft eine primäre Entscheidung für das Fach, dann erst folgt die Überlegung, wie es beruflich weitergehen kann", sagt Dr. Christoph Leidl vom Seminar für klassische Philologie der Universität Heidelberg. "Einige gehen in Bereiche, in denen sprachliche Formulierungsfähigkeiten gefragt sind – Publizistik oder Kulturmanagement."

Dass Latein durch den reflektierten Umgang mit der eigenen Muttersprache die sprachlichen Fähigkeiten der Studenten schule, darin sind sich alle Dozenten einig. Die Salzburger Psychologin Dr. Tuulia Ortner hat mehrere Studien über Auswirkungen des Lateinlernens skizziert, ohne – entgegen gängiger Mythen – Belege zu finden, dass Latein das logische Denken fördert oder das Erlernen romanischer Sprachen erleichtert. Dafür zeigten sich positive Effekte auf den Umgang mit deutscher Grammatik und Rechtschreibung.

Für Personaler ist ein Latinum "Das besondere Etwas"

Und weil die Muttersprache nun mal das wichtigste Werkzeug des Geisteswissenschaftlers ist, meint Dr. Thomas Riesenweber von der Uni Bonn gar,  "dass man ein Studium der Geisteswissenschaften nicht aufnehmen sollte, ohne Latein zu können. Schließlich würde auch niemand anzweifeln, dass man für ein naturwissenschaftliches Studium Mathematik braucht." Mit der Umstellung auf den Bachelor ist der Lateinnachweis in einigen Fächern zwar weggefallen, doch die Vorbereitungskurse sind nach wie vor gut besetzt – auch mit Studenten, die Latein als Studienvoraussetzung nicht mehr brauchen, so Professor Bernhard Zimmermann, Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbands und Lateindozent in Freiburg.

Zwar stellen die Freiwilligen nur einen Prozentsatz im einstelligen Bereich, Vorteile für das Studium erhoffen sie sich alle. "Einige sehen Latein auch als zusätzliche Qualifikation für den Job", weiß der Bonner Student Felix Krings. Wie recht er hat, bestätigt eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter 22 Dax-Unternehmen: Zwar gilt das Latinum nicht mehr als formelles Auswahlkriterium für Bewerber, trotzdem fällt es in mehr als der Hälfte der Konzerne positiv auf.

Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp, Leiterin Personal und Führungskräfteentwicklung der Deutschen Bahn, nennt es "das besondere Etwas". Der kulturelle Hintergrund sei wichtig, um im interkulturellen Management erfolgreich zu arbeiten. Ganz abgesehen von praktischen Fähigkeiten, die solche Bewerber mitbrächten: "Sie verstehen komplexe Texte schneller, sind sprachlich fitter, rhetorisch geschulter, können Dinge in Kontext setzen. Außerdem haben sie eine höhere Frustrationstoleranz – das ist ein großes Plus."


Latein-Fakten

  • Mit rund 810 000 Schülern ist Latein die dritthäufigste Fremdsprache an deutschen Schulen.
  • Die Kultusministerkonferenz geht bis 2020 von einem großen Bedarf an Lateinlehrern aus.
  • Latein fördert den sicheren Umgang mit der Muttersprache.
  • Eine Umfrage bei Dax-Unternehmen ergab: Bei mehr als der Hälfte aller Personaler fällt das Latinum positiv auf.

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