Langzeit-Student Werner Kahmann
Studierendenausweis anno 1973 | Foto: Privat
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21. Mär 2013

Anna Gumbert

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In 63 Semestern zum Diplom: Langzeitstudent Werner Kahmann

-ARCHIV-

In der Ruhe liegt die Kraft ...

"Herzlichen Glückwunsch, sind der letzte Student, der hier sein Diplom erlangt hat!"

UNICUM: Herr Kahmann, Sie haben 63 Semester gebraucht, bis Ihr Studium beendet war.
Werner Kahmann: Ich habe 1973 das Studieren in Köln angefangen und bin in Siegburg, meiner Heimatstadt, wohnen geblieben. Das war fatal: Alle anderen Studenten sind nach Köln oder zumindest in die Nähe gezogen. Während sie sich nach der Uni zu einem Bierchen oder zum Lernen getroffen haben, war ich daheim und habe zum Beispiel Freitagabend gekegelt. Dann hatte ich Samstag natürlich keinen Bock auf Uni! Sonntag habe ich Fußball gespielt, dann hatte ich auch Montag keine Lust zu Lernen … Und so ging es weiter, bis meine Kommilitonen plötzlich zwei Semester über mir waren, da ich nicht mehr mit den Scheinen hinterherkam!

Alleine zu studieren macht dann natürlich keinen Spaß mehr. Ich ließ das Ganze schleifen und habe nebenher als Bauleiter gearbeitet. Das hat Zeit gekostet und so habe ich maximal zwei Scheine pro Semester geschafft. Wegen ständig neuen Prüfungsordnungen wurde mir mein Hauptstudium auch nicht anerkannt und ich musste es wiederholen! So habe ich dann statt 38 Prüfungen 68 abgelegt! Ich bin wegen der Arbeit auch nach Baden-Baden umgezogen, und als 2004 die Studiengebühren eingeführt wurden, habe ich mich exmatrikulieren lassen.

Warum haben Sie sich entschieden, doch noch weiterzumachen?
Ein Bauauftrag führte mich wieder nach Köln. Auf dem Weg dahin stand ich im Stau und dachte mir: Oh, schau doch mal nach, wie es so an der Uni aussieht. Ich traf einen meiner alten Professoren und fragte, welche Möglichkeiten mir denn noch offen stehen würden. Er meinte, dass es mittlerweile gar kein Diplomstudium mehr gäbe! Ich sollte einen Bachelor oder Master machen, aber darauf hatte ich keine Lust. Ich habe mich mit einem Herrn von der Uni zusammengesetzt und meine alten Prüfungsscheine durchgesehen. Es kam heraus, dass ich nun doch noch meine Diplomarbeit schreiben durfte!

Wie haben Sie es dann geschafft, nach so langer Zeit die Diplomarbeit zu beenden?
Ich hatte drei Monat Zeit. Mein großes Glück war, dass ich über die Wirtschaftlichkeit eines Blockkraftwerks schreiben durfte, an dem ich tatsächlich mitgewirkt hatte. Ich hatte währenddessen von dort auch Bilder und Berechnungen gemacht, die ich natürlich super benutzen konnte. Leider haben sich mir dann doch noch einige Hürden in den Weg gestellt. Erst ist meine Festplatte mit der gesamten Diplomarbeit abgestürzt. Dann habe ich in der Druckerei zwei Tage vor Einreichen den falschen USB-Stick abgegeben, auf dem nur die Bilder drauf waren. Zum Schluss habe ich auch noch die Unterschrift auf der Arbeit vergessen!

Dass ich alles doch noch hingekriegt habe, verdanke ich vielen netten Leuten. Vor allem meine Tochter Katharina half mir auch bei der PowerPoint-Präsentation für das Colloquium. So etwas hatte ich ja noch nie gemacht! Schließlich hieß es aber dann vom Professor: "Herzlichen Glückwunsch, Herr Kahmann, Sie sind der letzte Student, der hier sein Diplom erlangt hat!"

"Das Reden habe ich auf der Baustelle gelernt"

Wie haben Sie Ihre Familie finanziell über Wasser gehalten?
Durch meine Jobs auf dem Bau konnte ich mir einen hohen Lebensstandard leisten. Studium war da kein Thema. Bis auf die Diplomarbeit war ich schon fertig! Jedem Auftraggeber von mir habe ich das auch klipp und klar gesagt. Die haben da keinen großen Wert draufgelegt. Ich wurde mit Empfehlungen von einer Firma zur anderen gereicht.

Wie hat Ihre Familie Sie unterstützt?
Meinen Studienabschluss hat keiner mehr miterlebt. Sogar mein Onkel, der immer gemeint hat "Du schaffst das nicht" ist während meiner Diplomarbeit verschieden. Das ist sehr schade, dass sie nicht mehr sehen können, wie weit ich es gebracht habe. Meine Eltern drängten mich zwar damals, da ich kein BAföG erhielt und sie mir das finanzieren mussten, aber trotzdem haben sie mich immer unterstützt. Der Freund meiner Tochter war auch ein Ansporn. Er meinte, er wäre eher fertig als ich. Er wird aber erst nächstes Semester seinen Abschluss machen!

Mit welcher Note haben Sie abgeschlossen? Waren Sie zufrieden?
Ich habe eine 2,0 bekommen. Dafür, dass ich so viel gelernt habe, ist das auch gut! Meine Professoren lobten auch meine Sprachfähigkeit während des Colloquiums. Sie meinten, wenn mehr Studenten so reden könnten, hätten einige eine bessere Abschlussarbeit. Das Reden habe ich auf der Baustelle gelernt.

"Die Uni ist viel größer und unpersönlicher geworden"

Sie haben 38 Jahre an derselben Uni studiert. Wie hat sich diese im Laufe der Zeit verändert?
Die Uni ist viel größer und unpersönlicher geworden. Damals hatten wir eine kleinere Mensa, in der wir alle zusammensaßen. Das geht bei den Tausenden Studenten heute nicht mehr. Es sieht außerdem aus wie auf einem Massenschlachthof! Entweder kommst du durch oder nicht. Kein Wunder, dass heutzutage so viele Studenten ihr Studium abbrechen.

Sie haben zwischendurch als Bauleiter gearbeitet, obwohl sie ihr Studium nicht abgeschlossen hatten. Würden Sie deshalb sagen, dass praktische Erfahrungen wichtiger sind als ein Studium?
Wenn ich nicht die praktischen Erfahrungen gehabt hätte, hätte ich nicht meine Jobs bekommen. Es gab Jungs auf dem Bau, die gerade ihr Studium erst beendet hatten und denen ich alles zeigen musste. Oder Ingenieure, die zwar fachlich einiges drauf hatten, aber sich nicht mit den Bauleuten unterhalten konnten. Studium hin oder her, aber das Wichtigste lernt man in der Praxis.

Wie geht ihre Tochter denn mit ihrem Studium um?
Ich glaube, ich habe meine Tochter da sehr inspiriert. Sie fängt jetzt mit ihren 27 Jahren noch einmal ein Studium der Wirtschaftspsychologie an, obwohl sie schon einen Job hat!

Welche Tipps können Sie Studenten von heute geben, damit sich deren Studium nicht so zieht?
Allen Studenten würde ich raten: Entweder ihr zieht das anständig durch, oder ihr lasst das. Schaffen könnt ihr es auf jeden Fall. Denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Das hat schon meine Oma gesagt.

Was kommt nach Ihrem Studium?
Mein Professor meinte scherzhaft: Jetzt können Sie hier Ihre Doktorarbeit schreiben. Das werde ich sicher nicht machen – ich bin froh, dass ich das Ganze hinter mir habe. Ich werde einfach weiterarbeiten, solange es geht. 

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