Autorenbild

21. Dez 2012

Barbara Kotzulla

Archiv

In drei Jahren um den Globus: Interview mit Weltumsegler Sebastian Pieters

-ARCHIV-

UNICUM sprach zum Kinostart von "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" mit dem Globetrotter

"Die Idee kam mir an einem Abend in der Kneipe"

UNICUM: Was hat dich zu der Weltumseglung bewegt? War es einfach Abenteuerlust?
Sebastian Pieters: Ich habe mir schon während meiner Ausbildung zum Maschinenbaumechaniker gesagt, dass ich unbedingt etwas von der Welt sehen will. Für mich stand das einfach fest. Ich wollte eventuell mit dem Rucksack oder Fahrrad los, habe u.a. mehrere Bücher über Radtouren durch Afrika gelesen. Die Idee mit dem Segeln kam mir an einem Abend in der Kneipe. Ich hatte als Kind Segeln gelernt und wollte damit immer wieder anfangen. Irgendwie passte das dann alles so ins Bild und es stand schnell fest, dass ich mit dem Boot weg will.

War der Segeltörn deine erste große Reise?
Früher habe ich mit meiner Familie schon oft europaweit Urlaub gemacht. Als ich dann älter war, sind wir mehrfach auf Interrail-Tour gewesen, von daher ist das daraus gewachsen. Außerhalb Europas war ich vor der Weltumsegelung nur einmal in Marokko.

Heutzutage hat man mit Anfang 20 eher das Gefühl, dass man ganz schnell in den Beruf einsteigen sollte. Hattest du keine Angst, den Anschluss zu verlieren?
Für mich war es absolut eine gute Entscheidung. Klar hat man mir im Vorfeld gesagt: "Oh, das wird schwer, dich wieder zurechtzufinden in Deutschland und in den normalen Alltag einzusteigen." Ich bin aber zurückgekommen und war nach vier Wochen wieder beschäftigt – bei der Firma, bei der ich vor der Reise gearbeitet habe und die mich wieder einstellen wollte. Ich wollte aber von vornherein Studieren gehen. Ich habe dann mein Maschinenbau-Studium an der Technischen Fachhochschule Georg Agricola in Bochum in Regelstudienzeit abgeschlossen und danach auch direkt wieder eine Anstellung bekommen – diesmal bei der Firma, bei der ich ursprünglich meine Ausbildung gemacht hatte. Ich wollte immer Entwicklung & Konstruktion machen und ich habe eine Stelle genau in diesem Bereich gefunden. Bei  Vorstellungsgesprächen war die Weltumsegelung aber natürlich DAS große interessante Thema. Aber immer im positiven Sinne. Ich geh mal davon aus, dass es Unternehmen geben mag, die so etwas nicht positiv sehen, aber die hätten mich wahrscheinlich gar nicht erst eingeladen.

"Ich habe sehr viel dadurch gewonnen"

Hat dich die Reise gut auf das weitere Leben "vorbereitet"?
Ja, doch. Das ist auch immer der positive Punkt in den Vorstellungsgesprächen gewesen. Man lernt Verantwortung zu übernehmen, viel Verantwortung. Wenn man mit einem Boot unterwegs ist, gerade auf hoher See, hängt tatsächlich auch das Leben der Personen an Bord von einem ab, auch wenn es letztendlich nur zwei sind. Auch die Organisation, die dann dahinter steckt: Wie viele Lebensmittel nehme ich mit? Funktioniert  alles? Fahren wir raus, obwohl etwas nicht in Ordnung ist? Ich glaub schon, dass das eine sehr gute Vorbereitung  auf das Leben ist. Und dann der andere Aspekt natürlich: Überall auf der Welt Menschen kennenzulernen, viel unterwegs zu sein. Für einen Job mit Reisetätigkeit wäre ich wahrscheinlich nun sehr geeignet.

Nun, sechs Jahre nach dem Ende der Tour: Hat dich die Reise sehr verändert?
Nein, das glaube ich nicht. Wirklich verändert habe ich mich nicht, aber ich habe sehr viel dadurch gewonnen und mich weiterentwickelt. Ich bin sicherlich erwachsener geworden.

Du hast die Reise mit deiner Internetbekannschaft Heike gemacht. Wie ist euer Kontakt heute?
Wir telefonieren öfter miteinander und verstehen uns nach wie vor hervorragend. Aber da Heike in Heidelberg lebt, sieht man sich natürlich nicht ständig. In gewisser Weise verbindet einen die Erfahrung aber schon. Als die Reise zu Ende war, sind wir direkt wieder getrennte Wege gegangen, da haben wir sehr häufig miteinander telefoniert. Man ist drei Jahre zusammen einen Weg gegangen und hat sehr viel miteinander erlebt. Bei den Leuten daheim fehlten erst einmal einfach drei Jahren an Kontakt und gemeinsamen Erfahrungen. Von daher haben wir uns da sehr oft unterhalten. Aber es ist jetzt nicht so, dass man nicht mehr ohne einander auskäme.

Auf dem Speerholzschiff gab es keinen großen Luxus. Hat das auch deine Einstellung zum Leben bzw. zum Luxus im Alltag verändert?
Ich glaube, ich hatte da schon vorher bescheidene Vorstellung, sonst wäre das gar nicht möglich gewesen, mit so einem kleinen Boot zu fahren. Mein Studentenzimmer hatte aber auch nur 8m², von daher … (lacht) Ich bin da sehr gut zurechtgekommen. Wenn man nur mit wenigen Sachen auskommen muss, und davon noch Dinge kaputt gehen, sieht man einiges noch unkritischer als vorher schon.

"Wenn man über Bord fällt, ist man im Grunde tot"

Wovor hattest du während der Reise Angst?
Eine Horrorvorstellung, die einen im Grunde immer begleitete, war einfach über Bord zu fallen. Das bedeutet, dass das Schiff weg ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man das Schiff wieder erreicht oder gefunden wird, ist sehr gering – selbst wenn der zweite Mann an Bord wach ist, und selbst wenn er es gerade sieht und sofort handelt. Man muss sich bewusst machen: Wenn man über Bord fällt, ist man im Grunde tot. Aber jeder Dachdecker weiß auch, dass wenn er vom Dach fällt, er wahrscheinlich schwerverletzt ist. Aber es ist nicht so, als würde man dadurch ein großes Risiko eingehen, man bewegt sich dementsprechend auf dem Schiff. Man hätte sich aber wahrscheinlich wesentlich häufiger anleinen können, als wir es getan haben (lacht). Wirklich Angst vor ungeplanten Aktionen hatte ich im Vorhinein eigentlich nicht. Man überlegt, wie man im bestimmten Situationen reagieren würde, aber dann muss das damit abgeschlossen sein, für mich zumindest. Sonst kann man so eine Reise auch nicht machen.

Was war denn dein schlimmstes Horrorerlebnis?
Einen Horror gab’s nicht unbedingt. Zumindest nicht für mich. Auf der Überfahrt von Curacao nach Panama hatten wir sehr schweres Wetter. Wir hatten fünf, sechs Meter hohe und ziemlich steile Wellen: das ist für so ein kleines Schiff natürlich enorm. Für mich war es aber okay. Ich habe nachts im Cockpit gesessen und bin rudern gegangen, weil das Schiff sich nicht mehr alleine steuerte. Es sind immer wieder Wellen ins Cockpit gestiegen und meine automatische Rettungsweste hat sich dann irgendwann in der Nacht aufgeblasen, weil ich über die Zeit so nass geworden bin. Bei dieser Überfahrt hat Heike sich geschworen, von Panama aus nach Hause zu fliegen. Dann sind wir aber dort angekommen: Das Wetter war wieder gut und es gab wunderschöne kleine Sandinseln – das war dann so schön, dass alles wieder vergessen war.

Und, was war deine schönste Erfahrung?
Ein ganz tolles Erlebnis ist immer wieder, wenn man wirklich auf See ist und um einen herum 360 Grad nur Wasser und Himmel ist. Es gab Tage, an denen zum Beispiel der indische Ozean spiegelglatt war, da hätte man auch irgendwo auf einem Dorfteich sein können. Es war wirklich kein Wind, die Segel hingen einfach nur schlaff am Mast herunter, es gab keine Wellen, einfach nichts. Und dazu dieses Gefühl, dass man in so einem Moment auch nichts beschleunigen kann. Man hat gar nicht die Möglichkeit etwas zu tun, denn wenn man den Motor anmacht, dann kommt man vielleicht für ein paar Stündchen voran, aber der Dieselvorrat, den man dabei hat, reicht vielleicht für 200 Meilen. So eine Überfahrt sind dann aber ganz schnell 2.500 Meilen. Das ist ein ganz intensives Erlebnis. In dem Film "Schiffbruch mit Tiger" gibt es genauso eine Szene, in der die Hauptfigur auf dem spiegelglatten Ozean sitzt – das kann ich Eins zu Eins bestätigen, das hatten wir auch.

Apropos "Schiffbruch mit Tiger": Den Film hast du schon gesehen, aber hast du auch das Buch gelesen?
Ich habe zwar damit angefangen, aber eigentlich noch nicht gelesen. Lustig ist, dass wir das Buch auf der Weltumsegelung geschenkt gekriegt haben von einem anderen Segler. Da bin ich aber leider nicht dazu gekommen, es zu lesen. Wir hatten zwar jede Menge Zeit, aber als wir das gekriegt haben, war ich mit englischen Büchern beschäftigt und dann ist es irgendwo im Boot liegen geblieben und erst beim Ausräumen erst wieder aufgetaucht.

Planst du schon die nächste Reise?
Ich wäre schon gerne mit dem Schiff unterwegs. Die letzten zwei Jahre bin ich auch im Sommerurlaub Segeln gegangen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich immer denke, ich müsste jetzt schnellstmöglich los. Ich möchte nochmal losfahren irgendwann, aber vermutlich dann im Ruhestand, wie die meisten Segler, die wir unterwegs getroffen haben. Es sind mehr Leute unterwegs als man denkt, aber der große Teil davon ist im Rentenalter. Segeln ist Leistungssport haben wir immer gesagt. Wir haben den Pazifik überquert und sind auf Galapagos abgefahren, ich habe die Segel gesetzt und elf Tage nichts daran geändert. Dann habe ich die Segelstellung einmal ein wenig korrigiert und für den Rest der 26 Tage nichts mehr an den Segeln getan. So viel dazu (lacht).


UNICUM Kinotipp

Ganz so freiwillig wie Sebastian Pieters hat sich Pi Patel, Hauptfigur in "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" nicht auf hohe See begeben. Sein Vater, ein indischer Zoodirektor, will mit seiner Familie und allen Tieren auswandern, doch bei der Schiffsfahrt Richtung Kanada kommt es zur Katastrophe. Der Frachter sinkt, Pi schafft es auf ein kleines Rettungsboot – doch er hat gefräßige Gesellschaft. Der Roman "Schiffbruch mit Tiger" des Kanadiers Yann Martel erschien 2001 und hat sich seitdem weltweit mehr als 7 Millionen Mal verkauft. Regisseur Ang Lee findet für die philosophische Abenteuergeschichte die passenden Bilder und erzählt sie mit viel Leidenschaft und Hingabe. Sehenswert!

Artikel-Bewertung:

2.99 von 5 Sternen bei 165 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung: