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07. Mär 2012

Stephan Hammers

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Jimmy Wales bei Mercator Lectures in Deutschland: "Es gibt kein perfektes Wissen"

-ARCHIV-

Wikipedia-Gründer spricht zum 500. Geburtstag von Gerhard Mercator in Duisburg

Jimmy Wales über ...

  • Wikipedia in China: "Ich habe mich merhmals mit Vertretern der chinesischen Regierung getroffen. Wir sind nicht in allem einer Meinung. Aber wir sind mittlerweile breit vertreten. Seiten wie zum Beispiel die über den Künstler Ai Wei Wei werden allerdings gesperrt."
  • das Wort Wikipedia auf chinesischen Speisekarten, zum Beispiel beim Gericht "Steam Eggs with Wikipedia": "Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten soll. Auch Leute in China, die ich gefragt habe, konnten mir zunächst nicht helfen. Dann kamen wir darauf, dass es wohl so ist: Zu den Olympischen Spielen in Peking 2008 haben viele Restaurants eine englische Variante ihrer Speisekarte angefertigt und die Übersetzung mit Google versucht. Und bei vielen Begriffen tauchte eben als erstes Suchergebnis 'Wikipedia' auf. Das Wort haben die dann genommen.
  • die Tatsache, dass das Themenfeld Sex in der französischen und spanischen Wikipedia weitaus weniger aufgerufen wird als in anderen Ländern: "Die sind wahrscheinlich in der Realität nah genug am Thema."
  • die regelmäßige Einblendung seines Konterfeis auf der Wikipedia-Startseite, um Spenden einzuwerben: "Es tut mir leid, dass sie mich da immer sehen müssen. Ich hasse es selbst. Es hat sich halt ganz einfach herausgestellt, dass dadurch mehr Geld reinkommt."
  • Urheberrecht/Nutzungsrechte im Internet: "Das ist ein großes und komplexes Thema und da gibt es keine einfache Antwort. Ich bin nicht dafür, Teenager einzusperren, wenn sie etwas illegal runtergeladen haben. Andererseits bin ich auch nicht für die totale Rechte-Freigabe. Ich denke, dass es dabei bleiben wird, dass Kopieren technisch nicht unterdrückbar sein wird. Es müssen sich neue Geschäftsmodelle entwickeln."
  • die Umständlichkeit, wenn man keine Rechte verletzen will: "Ich wollte mit meiner Tochter auf dem Flug von London in die USA die alten Star-Wars-Filme gucken. Also habe ich in London die Filme auf Blu-Ray gekauft. Nun saßen wir im Flieger, und das Gerät konnte keine Blu-Rays abspielen. Zuhause können wir die Discs auch nicht verwenden, weil sie den europäischen Regionalcode haben. Dann habe ich noch bei iTunes geguckt, aber da waren die Filme auch nicht zum Download zu haben. Wir haben sie dann nicht illegal geguckt. Aber es ist doch verrückt, wie die rechtlichen und technischen Barrieren stören und kein Wunder, wenn manche den einfacheren Weg zum Ziel nehmen."
  • Wikipedia und die aktuelle Weltpolitik: "Ich nehme starken Anteil daran, was Wikipedianer in manchen Ländern erleben. Im Iran sitzt zum Beispiel ein Wikipedianer – wegen seines Blogs – in Haft."
  • die Qualität von Wikipedia: "Es gibt kein perfektes Wissen."
  • das Problem, Wikipedia als Referenz zu zitieren: "In dem Artikel über mich in der englischen Wikipedia gab es den Eintrag, dass ich gerne und oft mit meinen Freunden Schach spiele – was ja gut klingt, aber nicht stimmte. Das hatte nun jemand in einen Artikel eingebaut, ohne Wikipedia als Quelle zu nennen. Kurze Zeit später hatte dann der Eintrag in der Wikipedia eine Fußnote mit der Referenz des besagten Artikels. Sowas kann halt passieren. Aber auch das ist jetzt korrigiert."
  • die Zukunft des Journalismus: "Den generellen Vorteil, den ich im Onlinejournalismus sehe, ist, dass keine Kosten für Papier, Druck und Vertrieb aufgebracht werden müssen. Ich finde es auch ok, für Inhalte zu zahlen, allerdings war die Abwicklung der Bezahlung in der Vergangenheit immer zu kompliziert. Man muss sein Portemonnaie rausholen, seine Kreditkarte, Zahlen eingeben, usw. Das einfache Bezahlen kleiner Beträge ist ein Stück der Antwort auf die Frage, wie es da weitergehen kann. Die Apps sind da ein interessantes Produkt. Was mir nicht gefällt ist, dass vor allem der Lokaljournalimus zurückgeht und auch in Deutschland in manchen Gemeinden statt früher drei nur noch ein Reporter die Geschehnisse begleitet."
  • Werbung auf Wikipedia: "Das ist eine wichtige und immer präsente Frage, ob wir Werbung auf Wikipedia zulassen, zum Beispiel um mit Geld aus Deutschland die indische Wikipedia zu fördern. Ich denke aber immer noch, dass es nicht der richtige Weg ist. Die Glaubwürdigkeit, unsere Mission würde zu stark leiden. Es kämen neue Leute in das Unternehmen, die nicht mehr vom ursprünglichen Geist der Sache getrieben wären, sondern nach möglichst hohen Werbeerlösen schauen. Das würde Wikipedia verändern. Auch so eine Tatsache, dass ein User in Deutschland dann mehr Wert wäre als ein User in Afrika."
  • die Parallele von Mercators Weltkarte und Wikipedia: "Mir ist eine gewisse Ähnlichkeit aufgefallen. Bei Mercators Karte, die für die Seefahrt perfekt ist, werden jedoch die Flächen verzerrt. Da ist Grönland zum Beispiel genauso groß wie Afrika, obwohl das nicht der Wirklichkeit entspricht. Bei Wikipedia gibt es Vergleichbares: Star Wars und Shakespeare haben etwa gleich viele Einträge."
  • die Frage von UNICUM.de wie er die Zukunft des Internets sieht: "Ich bin für das Internet! Alle fragen sich natürlich, was das nächste große Ding wird. Wenn ich es wüsste, würde ich es bauen. Was ist, wenn es eines Tages genauso einfach ist und schnell geht, mit Videomaterial umzugehen wie heute mit Texte

Interessante Fakten zu Wikipedia (nach Jimmy Wales):

  • Existiert seit 11 Jahren: Viele Schulkinder sind mit Wikipedia als dem Standardlexikon aufgewachsen.
  • 87 Prozent der User sind männlich
  • Das Durchschnittsalter der User beträgt 26 Jahre
  • Die Wikipedia-Foundation, also die Organisation, die hinter Wikipedia steht, hat 100 angestellte Mitarbeiter und ca. 100.000 freiwillige Helfer.
  • Wikipedia läuft weltweit auf einigen hundert Servern, das ist viel weniger als bei Services wie Google oder Facebook.

Prinzipien von Wikipedia:

  • Neutralität
  • Lizenzfreiheit (alles selbst geschrieben)
  • Zivilität (gutes Benehmen)
  • Bewegung "von unten" (Community)
  • keine Anarchie
  • Konsens
  • Demokratie
  • Aristokratie (Power-User)
  • Monarchie (Jimmy Wales als Gesicht von Wikipedia und weltweiter Kommunikator der "Big Vision")

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