Autorenbild

17. Feb 2015

Merel Neuheuser

Archiv

Junge Islam Konferenz: Ein Gespräch über Pegida, Islamophobie und Akzeptanz

-ARCHIV-

Woher kommt die Angst vor einer Islamisierung Deutschlands?

"Hinter Pegida stecken hartnäckige Vorurteile und mangelnde Informationen"

UNICUM: Wer ist die "Junge Islam Konferenz"?
Korinna Schäfer: Wir sind ein Projekt, das sich am Beispiel von Islam und Muslimen mit Fragen auseinandersetzt, die sich in einem Einwanderungsland stellen. Die JIK bietet in verschiedenen Bundesländern einmal im Jahr eine Konferenz an, bei der Themen wie Vielfalt, Identität und Diskriminierung am Beispiel von Muslimen im Mittelpunkt stehen. Unsere Mitglieder setzen sich herkunftsübergreifend zusammen aus Schülern, Auszubildenden und Studierenden zwischen 17 und 23 Jahren. Die Hälfte hat einen muslimischen Hintergrund, die andere Hälfte nicht.

Pegida wird Sie sicher sehr beschäftigen. Was denken Sie über die Demonstranten?
Hinter der von Pegida geäußerten Angst vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands stecken vor allem hartnäckige Vorurteile und mangelnde Informationen. Die Pegida-Demonstranten wollen mit ihren Parolen vor allem erreichen, dass die Politik ihnen Gehör schenkt. Einem Faktencheck halten die Pegida-Parolen aber nicht stand. Gerade in Deutschland müssen wir mit solch einer Stimmungsmache gegen Menschen sehr wachsam sein. Vorurteile und Angst vor Muslimen sind gerade in den Bundesländern am höchsten, wo kaum Muslime leben, es also kaum Kontakt zueinander gibt oder Möglichkeiten sich kennenzulernen.

Welche Reaktionen hören/lesen Sie häufig aus Ihrem Netzwerk?
Ich finde es sehr gut, dass sich nicht nur junge Muslime aus unserem Netzwerk, sondern auch jene ohne Migrationshintergrund in die öffentliche Debatte, zum Beispiel bei Facebook, Twitter oder auch in Interviews einmischen und Stellung gegen Pegida und ihre kruden Thesen bezogen haben. Es gibt auch einige, die sich unter die Protestler begeben und das direkte Gespräch suchen und dann meistens die Erfahrung machen, dass ein sachlicher Dialog auf Augenhöhe nicht möglich ist. Gleichzeitig merke ich, dass es nicht verstanden wird, warum sich diese Vorbehalte und diffusen Ängste gegenüber Muslimen über Jahre hinweg halten, zum Teil sogar verstärken.

Schon 2010 hatte das Buch von Thilo Sarrazin zu einer ähnlichen Debatte geführt und gezeigt, dass sich Deutschland zwar als Einwanderungsland sieht, aber zugleich noch nicht genau weiß, wie es die (neue) gesellschaftliche Vielfalt findet. Nicht nur in unserem Netzwerk fragen sich junge Muslime auch jetzt wieder, warum sie nicht als selbstverständlicher Teil Deutschlands gesehen werden, obwohl sie hier geboren und zur Schule gegangen sind.

Vielfalt sieht man noch nicht als etwas Positives

Das klingt, als wäre Deutschland weit entfernt von einem selbstverständlichen Miteinander ...
So geht es vielen Muslimen, aber auch Menschen, die aufgrund ihres Aussehens als Muslim wahrgenommen werden. Leider ist es in Deutschland noch nicht gut gelungen, Vielfalt als etwas Positives zu sehen. Noch immer sind die Vorbehalte und Ängste gegenüber Muslimen groß. Zwar ist eine große Mehrheit der Deutschen davon überzeugt, dass islamistische Terroristen sich zu Unrecht auf den Islam berufen. Trotzdem empfinden immer mehr Deutsche den Islam als Bedrohung. Damit wächst bei Muslimen auch der Druck, sich nicht nur nach dem Anschlag auf das Verlagshaus von dem Magazin "Charlie Hebdo" im Januar 2015 in Paris und dem jüngsten Anschlag in Kopenhagen, sondern nach allen sichtbaren Taten von radikalen Islamisten vom Terror weltweit distanzieren zu müssen.

Was denken Sie, woher die Islamophobie hierzulande kommt?
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben sich bestimmte Meinungen über bestimmte Eigenschaften von Muslimen in der Gesellschaft tief verankert und viele Menschen verbinden den Islam oder die Muslime mit Terror, mit der Scharia, mit einer fremden Religion, die nicht zu Deutschland passt. Das ist natürlich absolut problematisch und wirkt sich unmittelbar auch auf den Alltag von Muslimen aus.

Wie genau zeigt sich das im Alltag?
Muslime werden in vielen Lebensbereichen diskriminiert: Bei der Suche nach Wohnung oder Arbeit, im Bildungs- und Gesundheitswesen, in Behörden und Betrieben, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an den Türen von Diskotheken. Dabei werden auch Menschen als Muslime angesprochen oder behandelt, die sich selbst nicht oder nicht in erster Linie als solche beschreiben. Neben Muslimen erfahren momentan besonders Asylsuchende und auch Roma und Sinti viel Ablehnung. Das Vorurteil hier ist: Diese Menschen würden unseren Wohlstand und unsere Lebensweise bedrohen.

"Junge Erwachsene sind viel offener"

Laut einer Studie ist der durchschnittliche Pegida-Teilnehmer 48 Jahre alt. Sind junge Leute für die Parolen weniger anfällig?
Meist zeigt sich, dass Jugendliche oder junge Erwachsene viel offener gegenüber unserer vielfältigen Gesellschaft sind. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Vielfalt in den Klassenzimmern, in Hörsälen, Sport- und Jugendclubs sehr viel präsenter ist, als dies noch bei unserer Eltern- oder Großelterngeneration der Fall war. Diese Theser haben wir auch beim Bundeskongress im März 2015 in Berlin mit 100 Jugendlichen im Alter von 17–23 Jahren diskutiert. Gleichzeitig haben junge Menschen aber auch Unsicherheiten, wenn es um Islam und Muslime in Deutschland geht. Häufig fällt es schwer, sich bei den verschiedenen Positionen in den Medien oder den sich wiederholenden Negativbildern ein differenziertes Bild zu machen. Hier haben auch Schulen eine wichtige Rolle.

Kommen Schulen dieser Rolle denn ausreichend nach?
Die Vielfalt in der Gesellschaft ist im Unterricht, in den Schulbüchern, aber auch im Lehrerkollegium noch nicht wirklich angekommen. Die Zahl der Lehrer mit einem sogenannten Migrationshintergrund ist immer noch sehr gering und im Unterricht erfahren wir nichts über die Kultur, Religion, Literatur, Musik, Errungenschaften der vielen Minderheiten, die Teil dieser Gesellschaft sind. Jean-Paul, Ali und Hatice können doch genauso gut die Charaktere einer Sachaufgabe in Mathe sein, statt die Hauptrolle immer an Maria und Maximilian zu vergeben.


Mehr über Korinna Schäfer und die JIK

  • Korinna Schäfer hat (Dipl.) Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin studiert und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Integrationsfragen.
  • Sie ist als Projektmanagerin im Team der JIK zuständig für die Länderprogramme.
  • Alle Infos zum Projekt Junge Islam Konferenz gibt es hier: www.junge-islamkonferenz.de

 

Artikel-Bewertung:

3.13 von 5 Sternen bei 113 Bewertungen.

Passende Artikel