Autorenbild

04. Sep 2013

Christina Scholten

Archiv

Kleiderei in Hamburg: Leih dich glücklich!

-ARCHIV-

Interview mit der Mitgründerin Pola

"Zeit nehmen und ein bisschen stöbern"

UNICUM: Wie und wann seid ihr auf die Idee gekommen, eine "Bücherei" für Klamotten zu eröffnen?
Pola: Wir waren an einem Abend in der Situation, dass wir nicht wussten, was wir anziehen sollen. Also haben wir einfach irgendetwas gekauft – und uns in dem nächsten Moment total über uns selbst geärgert. Uns ist klar geworden, dass wir gerade etwas kaufen, was dann wieder sinnlos im Schrank vergammelt. Unser nächster Gedanke war dann: Warum gibt es eigentlich noch keinen Laden, in dem man sich Kleidung leihen kann? Man teilt sich ja auch was mit Freundinnen, leiht sich einen Film aus, geht zur Bücherei.

Wie lief die Umsetzung eurer Idee?
Wir hatten unfassbar viel Glück und vielleicht auch eine Art von naivem Mut, weil wir unsere Idee so toll fanden. Den Namen hatten wir sofort, "Kleiderei". Wir haben dann einfach überall erzählt, dass wir einen Raum suchen. Allen Freunden haben wir gesagt, dass wir Klamotten von ihnen haben wollen, weil wir da etwas planen. Irgendwann hatten Freunde, die eine Galerie haben, einen leerstehenden Zweitraum. Und sie haben uns angeboten, dort unsere Idee auszuprobieren.

Ich möchte am Wochenende einfach mal viel besser aussehen als meine Freunde. Wie könnt ihr mir dabei helfen?
Wir haben auf jeden Fall die perfekten Partyoutfits. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Man muss sich bei uns Zeit nehmen und ein bisschen stöbern. Denn dadurch, dass das Secondhand und Jungdesigner-mäßige Sachen sind und es so gemischt ist und wir nicht alle Größen haben, muss man uns vielleicht einfach fragen und sagen, was man sucht. Denn man übersieht hier schnell mal ein Kleid.

"Das geht weg wie warme Semmeln"

Und wie viel kann ich mir bei euch ausleihen?
Vier Teile maximal, für zwei Wochen. Aber du könntest theoretisch alle zwei Tage wiederkommen, wenn du gemerkt hast: Ach, das war doch nichts. Wenn man sich einmalig anmeldet, kostet es 19 Euro für einen Monat und 84 Euro für ein halbes Jahr.

Was habt ihr für Sachen da?
Neben den Secondhandsachen haben wir auch Stücke von Jung-Designern aus Hamburg, einen Neuzugang aus Schweden und alteingesessene Marken wie Herr von Eden. Das ist für junge Designer natürlich toll, weil wir für sie eine super Plattform sind. Die Designer geben uns ihre Sache und wir machen dann im Gegenzug Werbung für sie. Zum Beispiel haben wir Schmuck von Charlotte Simon, die eigentlich nur einen Online-Shop hat, sehr talentiert ist und alles handfertigt. Das geht weg wie warme Semmeln.

Gibt es auch Sachen für Jungs?
Es gibt nur Sachen für Mädchen, auch wenn die männlichen Begleitungen sich auch mal ganz gerne Sachen anziehen. Wahrscheinlich könnte man sogar als Mann hier was finden, weil es viele Unisex-Sachen gibt.

Gibt es nicht viele Leute, die sich total in ein Teil verliebt haben, dann kommen und euch sagen: Hier, ich gebe euch 20 Euro und dafür behalte ich das Ding?
Wir haben schon versucht einen Weg zu finden, dass es nicht zu günstig ist, wenn etwas kaputtgeht. Aber auch nicht so teuer, dass man Angst haben muss, etwas zu verlieren. Das ist aber noch nicht passiert. Wir haben den Grundsatz, dass wir unseren Kunden vertrauen. Am Anfang haben uns alle gesagt, dass wir genau daran scheitern werden und meinten: Tolle Idee, aber die Sachen werden einfach nicht wiederkommen. Aber wir haben mit unserem Gutmensch-Glauben Recht behalten! (lacht)

"Alle Professoren sind ganz stolz auf uns"

Wie wählt ihr die Sachen für euren Laden aus?
Wir schauen, was wir gebrauchen können und das ist tatsächlich das meiste, weil wir jeden Stil anbieten wollen. Dann nehmen wir alles, was gut erhalten ist. Es kommt manchmal vor, dass Sachen dabei sind, die Flecken haben oder schon ein bisschen verschlissen sind. Die nähen wir dann um. Zum Beispiel haben wir für das Dockville-Festival hier in Hamburg Sachen gebatikt und danach zerschnitten. Thekla hat Kissenbezüge daraus genäht und wir haben Girlanden daraus gebastelt. Das wird beim Dockville als Deko verwendet.

Eigener Laden und Studium, wie bekommt ihr das unter einen Hut?
Bei Thekla ist es auf jeden Fall ein bisschen stressiger, weil sie Klausuren schreibt. Ich habe keine Klausuren, nur einmal im Jahr den Rundgang, deshalb ist es bei mir einfacher. Aber klar, es ist schon anstrengend. Wir fahren morgens in die Uni und sind dann abends im Laden. Das war zeitweise richtig stressig. Aber wir sind ja zu zweit und haben zwei Freundinnen, die uns im Notfall aushelfen.

Und, hat es sich gelohnt?
Klar, das hatte zwar keine Priorität, aber das war unser Baby zu der Zeit. Und wenn man dann mal ein Semester schlechtere Noten schreibt … alle Professoren sind ganz stolz auf uns. Wir waren sogar auf einem Symposium von Theklas Uni eingeladen. Dort haben wir unser Konzept vorgestellt.

Warum ist es euch überhaupt wichtig, dass Menschen sich für wenig Geld gut anziehen können?
Als Student hat man einfach nicht das Geld, um sich ständig neue Sachen zu kaufen. Also steht man oft vor der Wahl, zu H&M, Primark etc. zu gehen. Die wollen wir übrigens gar nicht bashen, oder sagen, dass das alles Mist ist. Aber wir sind der Meinung, dass man mit dem Kauf von billigen Klamotten, egal wo, zu einem Teufelskreis beiträgt, bei dem immer billiger produziert wird. Aber es fehlte an einer Lösung dazu. Es bedeutet also nicht nur, sich für kleines Geld schöne Sachen leisten zu können. Es ist einfach wichtig, dass es eine Alternative gibt.

Und zum Schluss ...

Noch mehr zur Kleiderei in Hamburg findet ihr auf Facebook www.facebook.com/Kleiderei oder im Blog kleiderei.tumblr.com

Artikel-Bewertung:

3 von 5 Sternen bei 119 Bewertungen.

Passende Artikel