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06. Jun 2016

Archiv

Kölner Stadtarchiv: 3 Jahre nach dem Einsturz bleiben noch Fragen offen

Susanne van den Bergh entging dem Unglück nur knapp

Die damalige Journalismus-Studentin war am Tag des Unglücks im Kölner Stadtarchiv, um in alten Ratsprotokollen zu recherchieren. Kurz vor 14 Uhr verließ sie das Gebäude, um eine Kaffeepause zu machen. Was dann geschah, schildert die 28-Jährige so: „Ich habe mich vor die Tür gestellt, um zu rauchen, als plötzlich die Bauarbeiter von der Seite angelaufen kamen und gebrüllt haben: ‚Alle weg hier! Alle raus!‘. Ich habe da noch gedacht: ‚Ich stehe mitten in der Kölner Innenstadt, was wollt ihr von mir? Mir kann doch nix passieren.‘ Als ich die erste Fensterscheibe aus dem Gebäude habe rausfallen sehen, bin ich dann auch gerannt.“

Ein Szenario wie im Katastrophenfilm: „Hinter mir war nur noch eine riesige Staubwolke. Man konnte nichts mehr sehen. Um mich herum nur Chaos. In diesem Moment etwas zu denken, war sehr schwer. Bei mir hat alles ziemlich schnell auf Funktionieren umgeschaltet.“ Die heutige Volontärin, die zu der Zeit schon freiberuflich tätig war, fängt sofort an, vor Ort zu arbeiten, telefoniert mit dem WDR, steht für Radio-OTöne zur Verfügung. Ein paar Tage später ist Susanne auch bei Frank Elstner zu Gast.

„Im Nachhinein hat es mir sehr gutgetan, so viel darüber zu reden. Das war ein wichtiger Schritt für mich.“ Mittlerweile denkt sie nur noch selten an den 3. März. „Da ist eine große Distanz. Am ersten Jahrestag ist mir das noch mal richtig nahegegangen. Aber mittlerweile würde ich eher sagen, das ist Teil meiner Geschichte, steht aber nicht mehr so wahnsinnig im Vordergrund. Ich habe einfach nur wahnsinniges Glück gehabt.“

Dennoch, das Unglück hat sie verändert: „Es hat mir Gelassenheit gegeben. Ich bin nicht mehr so fixiert darauf, unbedingt etwas zu erreichen, und kann mich auch mal über strömenden Regen freuen.“ Die Ermittlungen zum Einsturz des Stadtarchivs verfolgt Susanne van den Bergh nicht. Ihr Vertrauen in die Kölner Behörden ist erschüttert. Und eines steht für die 28-Jährige fest: „Sollte diese U-Bahn jemals fertiggestellt werden, werde ich ganz sicher nicht mit ihr fahren. Da hätte ich das Gefühl, das Schicksal herauszufordern.“

Alexander Berner verlor den größten Teil seiner Forschungsgrundlage

Der Doktorand der Ruhr-Uni Bochum war Anfang 2009 schon seit über einem Jahr mit seiner Promotion beschäftigt. Das Thema seiner Arbeit war die Beteiligung von Kölner Bürgern an Kreuzzügen im Mittelalter. Anfang März stand Alexander gerade kurz davor, die Quellenarbeit im Kölner Stadtarchiv aufzunehmen, „als mir das Ding dann eingekracht ist“, erzählt der 31-Jährige.

„Ich war zu Hause, da rief mich eine Kollegin an und fragte, ob es mir gut ginge, weil das Archiv eingestürzt sei.“ Das Ausmaß des Unglücks begreift er da noch nicht: „Ich dachte, es wäre vielleicht irgendein Teil des Gebäudes eingestürzt, aber doch nicht gleich das ganze Ding!“ Als ihm klar wird, dass die für ihn wichtigen Urkunden für eine lange Zeit nicht nutzbar sein werden, entscheidet sich Alexander dafür, das Thema seiner Arbeit komplett neu zu justieren. 

Statt den Kölner Kreuzfahrern, widmet sich er sich nun vor allem dem Adelsgeschlecht der Grafen von Berg. Doch auch heute noch, mit einem neuen Promotionsthema, wird er bei seiner Arbeit mit den Folgen des Einsturzes konfrontiert. „Wenn man in den Online-Findbüchern der Archive in NRW nach den Original-Urkunden sucht und dann die Bemerkung liest: ‚Verlust am 03.03.2009‘, dann denkt man sich schon ‚schöner Mist‘.“ Die Urkunden lägen dann meist zwar in Online-Editionen vor, aber „mit den Originalen könnte ich noch so viel mehr machen. Der Verlust ist für mich also immer noch deutlich spürbar“, erklärt der Doktorand.

Er vermutet, durch das Unglück im Großen und Ganzen ein halbes Jahr verloren zu haben. Was die Finanzierung seiner Doktorarbeit angeht, hatte Alexander, der nach dem Einsturz des Archivs zunächst um sein Stipendium bangen musste, Glück: „Da sind mir alle sehr entgegengekommen. Aber das war ja auch wahrhaftig höhere Gewalt.“ Im Sommer wird er seine Arbeit jetzt einreichen. Als Historiker wird ihn der Einsturz des größten städtischen Archivs nördlich der Alpen aber wohl noch lange beschäftigen.

Barbara Pelz und Heiko Wegner standen vor dem Nichts

Sechs Jahre lang hat das Paar neben dem Stadtarchiv gewohnt. Am 3. März 2009 sind die Diplom-Kauffrau (30) und der damalige Student (33) zu Hause, als sie Geräusche bemerken. „Wir dachten zunächst, das sind die Bauarbeiten an der U-Bahn“, erzählt Barbara. Als das Gebäude jedoch anfängt zu wackeln, flüchten die beiden, schaffen es bis ins Treppenhaus. Als der Lärm aufhört, gehen sie noch einmal in ihre Wohnung. 

Das Stadtarchiv ist eingestürzt und hat die Außenwand ihrer Küche und zwei Drittel ihres Schlafzimmers mitgerissen. Sie verlassen das Haus schließlich durch ein Fenster im ersten Stock, da das Treppenhaus teilweise zugeschüttet ist. Ihre Wohnung betreten dürfen die Mieter nicht mehr. Nur wenige Tage nach dem Unglück wird das Haus samt Hab und Gut der Bewohner abgerissen. Das Paar steht vor dem Nichts, kommt zunächst bei Freunden unter. 

„Wir haben viel Hilfe erhalten. Von Familie und Freunden, aber auch von wildfremden Menschen.“ Die Versicherung der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) zahlt den Betroffenen in den ersten Tagen nach dem Unglück eine Soforthilfe von 10.000 Euro. Nicht viel, wenn man komplett von vorne anfangen muss: „Wir wollten kein provisorisches Halbleben, sondern ein neues Leben anfangen“. 

Heute leben die beiden wieder in der Kölner Südstadt, nicht weit vom Unglücksort entfernt. Die beiden haben die Ereignisse gut verarbeitet. Doch besonders von der KVB sind sie enttäuscht, fühlten sich im Stich gelassen. „Es wurde vieles versprochen, das nicht gehalten wurde“, klagt die Kölnerin. Das Erlebte hat Spuren bei ihr hinterlassen: „Ich versuche, Vorhaben nicht mehr aufzuschieben, sondern zeitnah zu realisieren. Wenn man einmal alles verloren hat, entwickelt man außerdem einen anderen Bezug zu Gegenständen. Man kann sich leichter von Dingen trennen.“

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