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23. Okt 2012

Janina Finkemeyer

Archiv

Kunstprojekt: Student trug tausende Bienen auf seinem Kopf

-ARCHIV-

Zuvor war Marlon Middeke bereits auf der Documenta in Kassel zu sehen

Im Auftrag von Pierre Huyghe

Marlon Middeke (24) studiert normalerweise Umweltingenieurwesen. In diesem Jahr arbeitete er zusätzlich auf der dOCUMENTA (13), der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Als Teil des Projekts "untilled" des französischen Künstlers Pierre Huyghe, war er in einem Kunst-Biotop mit zwei Hunden und einem Bienenvolk zu sehen.

Seinen ganzen Mut bewies er bei einem anderen Projekt von Pierre Huyghe, bei dem er mehrere tausend Bienen auf seinem Kopf hatte und furchtlos durch ein Amphitheater lief. UNICUM verriet Marlon Middeke, wie seine Arbeit auf der documenta aussah und wie er es mit den ganzen Bienen auf seinem Kopf aushielt.

"Ich habe ein gewisses Händchen für Kunst"

100 Tage von morgens bis abends auf der documenta Zeit für andere Dinge hattest du da wohl kaum noch …
Es war wenig. Nach der Arbeit auf dem documenta-Gelände musste ich immer noch mit den Assistenten des Künstlers Pierre Huyghe meine Aufgaben für die nächsten Tage besprechen und gucken, dass alles gut läuft. Richtig Feierabend war da erst spät abends. Aber trotzdem muss man sich Zeit für sich selbst nehmen und einfach mal was anderes machen.

Wie sah dein Tag auf der documenta aus?
Ich musste mich um die die Tiere und das komplette Gelände kümmern. Das füllte aber nicht den ganzen Tag aus und deswegen gab es wiederkehrende Aufgaben, die zu erledigen waren. Pro Tag habe ich eine Skizze des Geländes angefertigt, um zu sehen, wie sich alles verändert. Außerdem habe ich ein Buch aus gepressten Pflanzen erstellt und besondere Steine gesammelt. Pierre Huyghe konnte nicht so oft auf dem Gelände sein. Durch meine Skizzen und gesammelten Gegenstände, konnte er sich aber einen guten Eindruck verschaffen und außerdem bleibt dadurch etwas für die Zukunft bestehen.

Wie bist du zu dem ungewöhnlichen Job gekommen?
Ein Freud hat mich auf die ausgeschriebene Stelle hingewiesen. Dann habe ich mich über das Internet erkundigt und einfach mal beworben. Daraufhin wurde ich zu einem Casting eingeladen, es gab einige Gespräche und am Ende war ich der Einzige der übrig blieb.

Hast du dich denn schon immer für Kunst interessiert?
Ich bin damit aufgewachsen, weil meine Eltern Kunst auf Lehramt studiert und mich ständig in Museen geschleppt haben. Als kleiner Bengel hasste ich das natürlich, aber man nimmt auch was mit. Später wurde mein Interesse dann größer und ich habe sogar in Erwägung gezogen, auch Kunst zu studieren. Mir mangelte es jedoch an Selbstvertrauen in meine künstlerischen Fähigkeiten. Deswegen studiere ich jetzt Umweltingenieurwesen. Doch ich habe schnell gemerkt, dass das nicht mein Ding ist. Ich bin einfach nicht so der Ingenieurstyp. Jetzt, nach den ganzen Kunstprojekten, würde ich mir schon zutrauen Kunst zu studieren.

Dann wirst du dein Ingenieurstudium nicht wieder aufnehmen?
Vielleicht noch ein Semester und dann will ich mich wahrscheinlich für Kunst einschreiben. Die Kunstprojekte haben mir einfach gezeigt, dass ich ein gewisses Händchen dafür habe und das will ich weiter ausbauen.

"Plötzlich stand ich auch schon da, mit Tausenden Bienen auf dem Kopf."

Auf der documenta war der Kopf einer Skulptur von einem Bienenvolk belagert. Daraus entstand die Idee, dass Projekt auf einen Menschen zu übertragen. Du hast dich bereit erklärt, das lebende Objekt zu spielen. Wie lief das Projekt genau ab?
Pierre Huyghe war sehr fasziniert von dem Bienenthema und bekam die Möglichkeit, bei der Veranstaltung "To the moon via the beach" in Frankreich ein Projekt zu präsentieren. 20 internationale Künstler konnten dort Performances aufführen. Dann kam er auf die Idee, das Bienenprojekt auf einen Mensch zu übertragen und hat mich gefragt, ob ich mitmachen will. Zwei Wochen vor dem Projekt habe ich zugesagt und plötzlich stand ich auch schon da, mit tausenden Bienen auf dem Kopf.

Dafür muss man schon unglaublich mutig sein! Hattest du keine Bedenken?
Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, aber ich fand das irgendwie aufregend. Den Umgang mit Bienen kannte ich schon von der documenta und deshalb habe ich mir einfach keine großen Sorgen gemacht. Es war auch die ganze Zeit ein Imker dabei, den ich schon gut kannte. Die ganzen Risiken, dass man schon von 100 Stichen einen allergischen Schock bekommen und daran sterben kann, sind mir ehrlich gesagt gar nicht so bewusst gewesen. Da hatte ich schon ein Riesenglück, dass ich nur einen Stich davongetragen habe. Immerhin habe ich acht Performances gemacht mit mindestens 5.000 Bienen pro Auftritt auf dem Kopf.

Wie lief die Performance bei "To the moon via the beach" ab?
Die Veranstaltung fand in einem großen Amphitheater statt. Ich stand dort, wo früher die Gladiatoren und heute die Stiere bei Kämpfen rauskommen. Zusammen mit dem Imker und allen Helfern, habe ich die Vorbereitungen getroffen und dann die Bienenkönigin auf den Kopf bekommen. Anschließend bin ich raus in das Theater und innerhalb von zehn bis 20 Minuten war mein ganzer Kopf von Bienen bevölkert.

"Das hat sich fast so angehört wie ein Formel 1-Wagen"

Wie war denn das Gefühl mit so vielen Bienen auf dem Kopf? Das ist sicher tierisch laut …
Das Summen der einzelnen Bienen ist zu einer riesigen Geräuschkulisse geworden. Das hat sich fast so angehört wie ein Formel 1-Wagen, der direkt um meinen Kopf saust. Irgendwie ganz lustig, aber ich musste mich wirklich sehr konzentrieren und ruhig verhalten.

Gab es gar keinen Schutz zwischen deinem Kopf und den Bienen?
Ich war schon ein bisschen geschützt, aber wie genau, das kann ich gar nicht sagen. Ich kann nur verraten, dass es definitiv kein Helm war.

Konntest du denn noch normal atmen?
Der Mund war die ganze Zeit geschlossen und ich musste durch die Nase atmen. Das Gute ist, dass Bienen es gar nicht mögen, wenn Luft irgendwo rauskommt. Deswegen konnte ich durch die Nasen atmen, ohne dass die Tiere sich in meine Nasenlöcher gesetzt haben.

Und was war mit den Ohren?
Da hatte ich so kleine Netze drüber, damit die Bienen nicht reinkriechen konnten.

"Ich sage selten nein zu neuen Sachen"

Wie sind die Bienen dann wieder von deinem Kopf runtergekommen? Das stell ich mir schon etwas riskant vor ...
Das war kein Problem. Es gab einen Bienenkorb, über den ich meinen Kopf halten musste. Mit einem Besen hat der Imker die Bienen dann Stück für Stück ganz vorsichtig runtergefegt. Natürlich musste man sich auch wieder sehr ruhig verhalten, aber Sorgen habe ich mir nicht gemacht. 

Bist du immer so optimistisch?
Ich bin irgendwie sehr unverfroren mit allen Dingen die ich tue. Ich sage selten nein zu neuen Sachen und gucke einfach was passiert. Mit Optimismus oder Mut würde ich das gar nicht unbedingt in Zusammenhang bringen.

Das ist schon sehr mutig, schließlich laufen viele Menschen schon vor einer einzigen Biene davon.
Naja, ich wusste wie ich mich verhalten muss und der Imker war auch die ganze Zeit da. Zwar wurde ich zuvor auf der documenta schon ein paar Mal von den Bienen gestochen, aber das war nicht so schlimm. Für den Fall, dass was passiert, waren aber auch Mediziner vor Ort. Ich musste mir also keine Sorgen machen. In solchen Momenten denke ich nicht an die Sicherheitsrisiken, sondern einfach nur an das Positive an der ganzen Sache.

Würdest du so ein Projekt nochmal mitmachen?
Auf jeden Fall, obwohl es schon echt anstrengend war. Allein die volle Konzentration kostet viel Kraft und die Hitze war auch nicht ohne. Die Bienen erzeugen eine Temperatur von 37 Grad. Diese Hitze die ganze Zeit direkt auf dem Kopf zu haben, ist schon enorm kräftezerrend. Nach den Performances hatte ich auch immer leichte Kopfschmerzen.


Zur Person

Marlon Middeke (24) studiert Umweltingenieurwesen in Kassel. Sein Interesse für Kunst hat er von seinen Eltern geerbt, die Kunst studierten. Sein Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten war jedoch nicht groß genug, um selbst ein Kunststudium anzufangen. Nach den Projekten mit Pierre Huyghe hat er aber neuen Mut gefasst. Sein Umweltingenieurstudium hängt er bald an den Nagel, um sich doch für Kunst einzuschreiben.

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