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03. Jan 2013

Barbara Kotzulla

Archiv

Mach dir ein Bild: Studentin startet Fotoworkshop im Operndorf Afrika

-ARCHIV-

Für ihr Projekt reiste Marie Köhler für vier Monate nach Burkina Faso

"Wer definiert genau, was Glück ist und Unglück?"

UNICUM: Marie, welches Bild von Afrika hast du jetzt, kurz vor deinem viermonatigen Aufenthalt im Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso?
Marie Köhler: Mein Bild von Burkina Faso ist jetzt schon ein anderes, weil ich im Vorfeld des Projektes kurz dort war. Zwar nur für zehn Tage, aber selbst das hat einiges verändert. Man fährt in dieses Land mit einem sehr westlich geprägten Bild. Ich habe mich versucht vorzubereiten, zum Beispiel mit verschiedenen Reportagen. Ich habe mich auch beim Auswärtigen Amt über die Lage dort erkundigt. Und dann kommt man dahin und es ist nicht so, wie man es sich vorher vorgestellt hat – so gar nicht.

Im ersten Moment habe ich mit meinem westlichen Auge nur die Armut gesehen. Nach ein, zwei Tagen, wenn man dann genau hinschaut, sieht man aber den Alltag: Die Leute sind gut drauf, sitzen ums Feuer, haben Spaß miteinander. Man versucht diesen westlichen Blick abzuschütteln und nicht immer nur zu denken: "Oh, hier sind alle arm, denen geht es schlecht, wir müssen ganz dringend etwas tun." Das ist einfach nicht richtig. Ich habe aber kein Bild von Afrika im Gesamten, denn ich muss auch immer wieder ausdrücklich darauf hinweisen, dass Afrika kein einziges großes Land ist. Das lässt sich nicht runterbrechen auf Bilder von armen Kindern und Elefanten am Wasserloch.

Kann man die "Armut" in Burkina Faso mit unserer westlichen Vorstellung von diesem Begriff gleichsetzen?
Man müsste erst einmal definieren: Was ist überhaupt Armut? Man kommt nach Burkina Faso und sieht kein Stadtbild, wie wir es kennen. Es gibt keine Einkaufsmeile, keine Banken. Es gibt keine Wohnhäuser, in denen auf dem Herd gekocht wird, das findet draußen auf kleinen Feuern statt. Da denkt man erst einmal: "Ach, die Armen. Die haben ja gar keine Küche" – das ist aber falsch.

Ich habe nach der kurzen Zeit meinen eigenen Standpunkt noch nicht komplett definiert, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Menschen dort unglücklicher sind als hier. Ganz im Gegenteil. Natürlich sind in Burkina Faso viele Dinge schwieriger, wie zum Beispiel die ärztliche Versorgung. Aber ich habe mir überlegt: Wenn jetzt ein paar Burkinabès nach Deutschland kommen würden, wer weiß, was die sagen würden. Vielleicht: "Oh, hier gibt es so eine komische Krankheit, die nennen das Burn-Out. Nicht, dass das ansteckend ist." Wer definiert genau, was Glück ist und Unglück?

Muss denn das Bild von Afrika wirklich geändert werden? Würde das dem Kontinent im Allgemeinen und Burkina Faso im Speziellen helfen?
Ich fahre nicht hin, um zu helfen. Das kann ich nicht, das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich fahre nur hin als Vermittlerin. Ich habe auch nicht das Ziel: "Jetzt ändern wir mal die Bilder von Afrika." Das habe ich gar nicht in der Hand. Ich biete nur den Kindern dort eine Plattform, sich auszutoben. Sie sollen die Sprache der Fotografie nutzen, um sich nach außen hin mitzuteilen. Was dann da passiert, das wissen wir alle nicht. Wenn alle Bilder zum Beispiel dunkel werden, weil die Kinder Lust haben, eher abends Fotos zu machen, dann ist das so. Dann ist das auch deren Bild. Ich gehe jetzt mal nicht davon aus, dass das passiert, aber ich lasse das komplett offen.

Den Burkinabès helfe ich damit in erster Linie wahrscheinlich nicht. Das Projekt hilft wohlmöglich eher uns in Deutschland. Vielleicht kommen wir hier irgendwann an die Grenzen, von dem, was wir noch alles lernen können, vor allem in der Kunst. Ich glaube, dass in Afrika ganz viel Potenzial ist, von dem wir noch gar nichts wissen. Wir haben eben nur ein eingeschränktes Bild von Afrika oder Burkina Faso. Ich glaube, dass uns das ganz viel bringen wird, da den Blick noch einmal zu ändern oder zu öffnen.

"Das war ein Moment, der mich nicht mehr losgelassen hat"

Du hast mit 15 schon einmal drei Monate in Afrika verbracht …
Ja, ich war damals in Kapstadt. Das ist mit Burkina Faso erst einmal so gar nicht zu vergleichen (lacht). In Kapstadt gibt es eigentlich das gleiche Stadtbild wie bei uns. Aber die Mentalität, die ich dort mit 15 schon kennengelernt habe, die lässt sich vergleichen. Ich habe damals schon gemerkt, dass die Menschen viel offener und herzlicher sind als in Deutschland. Das ist mir in Burkina Faso wieder begegnet.

Warum hast du für dein Projekt gerade Christoph Schlingensiefs Operndorf ausgewählt?
Ich habe in den letzten Jahren während meines Studiums verschiedene Arbeiten zum Thema "Identität" gemacht und bin über die unterschiedlichsten Begrifflichkeiten immer wieder auf Beuys und Schlingensief gestoßen. Das, was die gemacht haben oder aussagen wollten, war für mich aber überhaupt nicht greifbar. Aber als ich 2011 auf der Biennale in Venedig  am Deutschen Pavillon in der "Kirche der Angst" von Schlingensief stand – da war er kurz zuvor verstorben –, hat mich das sehr geprägt. Das war ein unfassbarer Moment, der mich nicht mehr losgelassen hat. 

Ich habe daraufhin angefangen, mich mehr mit seinen Arbeiten zu beschäftigen und habe eben auch mehr über das Operndorf erfahren. Und dann fügte sich in diesem Jahr alles wie Puzzleteile zusammen: Ich habe vor zehn Jahren eine Dokumentation über eine Fotografin in Indien gesehen, die dort ein Projekt mit Straßenkindern gemacht hat. Was da für Bilder entstanden, hat mich sehr fasziniert. Ich fing deswegen vor zehn Jahren an, Kameras zu sammeln, weil ich wusste, dass ich so etwas auch machen will, und zwar in Afrika. Dann kam Anfang 2012 das Glück dazu, dass ich ein Stipendium von der deutschen Studienstiftung des deutschen Volkes bekommen habe und ich so wusste: Okay, jetzt kann ich eine größere Masterabschlussarbeit in Angriff nehmen. Ich wollte dann ins Operndorf, weil dort ja auch schon eine Struktur vorhanden ist, wo so etwas ganz gut reinpasst.

Mit welchen Schwierigkeiten rechnest du trotz der Strukturen vor Ort? Du sprichst ja zum Beispiel auch nur wenig Französisch.
Vor der Sprachbarriere hatte ich anfangs große Angst, weil ich noch nie vorher Französisch gelernt habe. Ich lerne es jetzt – das ist nicht so einfach (lacht). Meine Französischlehrerin hat ziemlich viel Geduld mit mir. Als ich aber nun in Burkina Faso war, habe ich gemerkt, dass die Sprache da gar nicht so das Allerwichtigste ist, um sich auszutauschen und mitzuteilen. Einer kann immer Englisch, der andere kann drei Worte Deutsch. Die Kinder dort lernen auch grad erst Französisch, das heißt, wenn ich dahinkomme, sind wir alle ein bisschen auf demselben Stand. Die sind dort alle so motiviert, dass auch immer jemand bei dem Workshop dabei sein wird, um zu übersetzen.  Aber man kann auch über das Zeichnen, Malen oder über Handsprache kommunizieren.

Ein bisschen Respekt habe ich vor der Hitze in Burkina Faso. Das ist eine Hitze, die wir so nicht kennen, auch nicht, wenn wir mal nach Spanien im Hochsommer fahren. Wenn ich im Januar hinfahre, sind es da 40-50 Grad im Schatten. Da muss ich selber lernen, mich ganz anders zu bewegen. Hier renne ich durch den Alltag, renn oft meinem Schatten hinterher. Da kann man aber nicht stressen und sagen: "So, jetzt machen wir mal alles nach Plan." Das ist bei der Hitze gar nicht möglich.

Und was ist mit dem Klischee, dass es als Weiße nicht einfach ist, in Afrika auszukommen?
Es gibt auf beiden Seiten Klischees. Wie viele mich hier angesprochen haben: "Du gehst ja jetzt als erste Weiße dorthin!" Wäre ich eine farbige Deutsche, würde so etwas keiner sagen. Von daher versuche ich dagegen ein wenig anzugehen. Natürlich gibt es in Burkina Faso nicht viele weiße Menschen, die dort leben. Wenn du dort weiß bist, ist klar, dass du da jetzt nicht Safari-Urlaub machst, weil es das da gar nicht gibt. Das heißt, du gehörst meistens einer Hilfsorganisation an oder hast etwas anderes zu tun. Dort im Operndorf ist es so – das habe ich in den zehn Tagen erlebt –, dass es diese Differenzierung zwischen Weiß und Schwarz gar nicht mehr gibt. Alle arbeiten eng zusammen. Da ist das Alltag. Ich glaube, die machen sich gar keinen Kopf drum. Auch die Kinder haben nicht seltsam reagiert. Die waren zwar neugierig, aber das lag eher daran, dass ich jemand Fremdes war.

"Man fragt: Was kann ich daraus noch lernen?"

Du hast auch schon hier in Deutschland einige Foto-Projekte mit Kindern und Jugendlichen realisiert. Was reizt dich daran?
Es gibt zwei wichtige Punkte: Einmal ist es für Kinder nicht nur wichtig, das Sprechen und das Schreiben zu lernen, sondern auch, sich mit etwas Künstlerischem auseinanderzusetzen, um dadurch eine andere Sprachebene zu finden. Für viele ist es gar nicht so einfach, durch das gesprochene oder geschriebene Wort mitzuteilen, was man empfindet oder wie man die Welt sieht. Das kenne ich auch. Ich bin nicht die große Rednerin und mein Schreibstil ist dürftig. So habe ich den Weg des Bildermachens gewählt, um mich auszudrücken. Ich erlebe das bei Kindern und Jugendlichen immer wieder, dass das Fotografieren ihnen ganz andere Möglichkeiten gibt, sich nach außen hin mitzuteilen, und zwar so, wie sie es möchten. Das motiviert und ist gut für die Entwicklung. Auf der anderen Seite können wir durch Kinder und Jugendliche viel lernen, denn wir teilen einfach ihre Perspektive nicht mehr. Das ist immer wieder spannend, was da in Fotoworkshops herauskommt. Dazu kommt noch ein freierer Blick, denn wir ebenfalls nicht mehr haben. Wir Erwachsenen sehen oft Sachen nicht oder gucken nicht mehr genau hin.

Du studierst ja schon seit einiger Zeit Fotografie …
Ich habe zuerst "Freie Fotografie" an der Kunstakademie studiert, um mich ein bisschen auszutoben und um zu gucken, ob das überhaupt das Richtige für mich ist. Danach habe ich mich für ein Bachelor-Studium an der FH Dortmund entschieden, um auch einfach mehr Grundkenntnisse zu bekommen, mehr über Technik und fächerübergreifende Dinge zu lernen. Wenn man dort Fotografie studiert, lernt man nicht nur das Fotografieren, sondern darüber hinaus ganz viele andere Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist mir im Studium sehr wichtig. Genau wie der Austausch untereinander: Denn nur im Gespräch mit anderen findet man heraus, ob die eigenen Bilder in der Kommunikation nach außen hin funktionieren. Nun mache ich noch den Master. Hier erforscht man noch einmal theoretisch die Dinge, die einen interessieren. Ich habe mich ja mit verschiedenen sozialen Themen im Bachelorstudiengang beschäftigt, wie Einsamkeit und Ängste, Wünsche und Hoffnungen. Im Master guckt man dann, welche Künstler und Theoretiker auch diese Themen aufgegriffen haben. Man fragt: Was kann ich daraus noch lernen? Wie kann ich das, was mich interessiert, anders begreifen und aufgreifen? Das war der Grund, warum ich nach dem Bachelor weitergemacht habe.

Und nach dem Studium?
Irgendwann will ich vielleicht in die Lehre, aber erst einmal leben. Ich finde es für mich ganz verkehrt, erst zu studieren und dann direkt in die Lehre zu gehen und versuchen, Studenten irgendetwas zu vermitteln, bevor man überhaupt im Leben ohne Uni klar gekommen ist. Man muss erst einmal Erfahrungswerte sammeln, die man dann irgendwann wieder vermitteln kann. Das ist das Ziel: Erst einmal ins Leben starten, und zwar mit zwei Hauptsäulen: Auf der einen Seite möchte ich immer meine freien künstlerischen Arbeiten ausbauen und da weiter forschen, auf der anderen Seite Fotografie-Workshops und die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen weiterverfolgen. Mein Ziel mit dem "Mach dir ein Bild"-Projekt ist es ja nicht, nur den Workshop in Afrika zu machen, sondern wieder zurückzukommen mit den Dingen, und mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, die dann aus den Bildern lernen und etwas Eigenes kreieren können. Und das will ich auch die nächsten Jahre machen. Schön wäre es, wenn ich irgendwann so viel gelernt habe, dass ich das wieder weitervermitteln kann, aber ob und wann das sein wird, weiß ich nicht.  

"Es bewerben sich zu wenige Studenten für Stipendien"

Würdest du das Fotografie-Studium empfehlen? Was braucht es, um nach dem Studium ein erfolgreicher Fotograf zu werden?
Das ist ganz schwierig zu beantworten. Fotografen gibt es eigentlich genug. Wenn man zum Beispiel angewandte Fotografie oder Produktfotografie machen will, dann reicht wahrscheinlich auch eine Ausbildung aus. Wenn man Fotografie studiert, ist auch nicht garantiert, dass man mehr oder das große Geld macht. In meinem Studiengang wurde uns am Anfang, da waren wir 54 Studenten, gesagt: "Zwei von euch werden später mehr verdienen als sie im Alltag benötigen, der Rest wird ein ausreichendes Grundeinkommen verdienen."

Ich glaube, man sollte nur dann Fotografie studieren, wenn man wirklich noch weiter gehen will als nur angewandt zu fotografieren und wenn man Dinge lernen will, die über das reine Fotografieren hinausgehen. Dann ist das ein tolles Studium. Es ist allerdings unfassbar teuer, einfach die Dinge, die man sich anschaffen muss über die Zeit. Da kann man nicht mal eben mit ein bisschen Bafög, mit ein bisschen Geld von den Eltern zurechtkommen. Es ist wirklich ein hartes Studium, vor allem der Bachelor, aber auch ein großartiges Studium. Man muss gut vorbereitet sein, weil auch nicht jeder es einfach studieren kann, man muss zu Beginn eine Aufnahmeprüfung machen. Aber wer das wirklich will, der schafft das auch irgendwann. Vielleicht nicht beim ersten Mal, genauso wie ich, sondern nach dem dritten Mal.

Du hattest ja schon dein Stipendium erwähnt. Wie bist du daran gekommen?
Es gibt ganz viele Stipendien, von denen Studenten gar nichts wissen. Und es bewerben sich auch viel zu wenige bei den ganzen Stiftungen, ebenso werden auch viel zu wenige vorgeschlagen. Das ist schade, denn das Geld liegt bereit für motivierte Studenten. Bei der Studienstiftung ist das so, dass im Künstler- und Designerbereich keine Eigenbewerbung möglich ist, das heißt meine FH hat mich vorschlagen. Ich war dann bei einem Eignungswochenende, an dem ich meine Arbeiten vorgestellt habe. Ich wurde dann letztendlich für ein Stipendium ausgewählt.

Finanziert sich dein Projekt denn rein über das Stipendium?
Nein, das Projekt ist größer geworden als gedacht. Wir stemmen das zu dritt, um das Sponsoring kümmere ich mich selber. Was mir komischerweise totalen Spaß macht, obwohl es irgendwie gar nicht zu mir passt. Du fängst morgens an und dein Ziel ist es ein paar Sachen zu organisieren. Das ist unfassbar viel Arbeit, aber wenn zum Beispiel Fuji sagt: "Klar, hier sind 1.800 Filme" – das ist super. Dann klingelt irgendwann der Postbote an der Tür, du machst auf und du sagst: "Einmal zweiter Stock" und wirst ausgelacht, weil dort eine riesige Euro-Palette mit Filmen steht. Man muss da aber richtig hinterher sein.

Ihr könnt Marie bei ihrem Projekt unterstützen. Nähere Informationen zum Projekt und zum Spenden findet ihr auf der Website: www.fotoworkshop-operndorf.de

 

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