Maschinenbau und Sinologie
Berufsziel China: die Maschinenbau-Studenten Sarah Kistner und Marius Stadler | Foto: Michael Bahlo
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02. Jun 2013

Birk Grüling

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Maschinenbau süß-sauer

-ARCHIV-

Bremer Studiengang verbindet Maschinenbau-Inhalte mit Sinologie

Der Blick über den Tellerrand ist wichtig

Die Angst vor einem Gesichtsverlust ist in China sehr groß. Was das im Alltag bedeutet, erlebte Engin Kara in seinem Praktikum in Shanghai. "Ein Taxifahrer würde nie zugeben, dass er nicht weiß, wo es langgeht. Er fragt stattdessen an jeder Straßenkreuzung nach. Das ist nicht böse gemeint, sondern eine Frage der Mentalität." Sechs Monate lang hat Kara beim technischen Dienstleistungsunternehmen Germanische Lloyd in der Qualitätssicherung von chinesischen Zulieferern gearbeitet. Für den ersten Absolventen des "Industrial Management and Engineering China"-Studiengangs eine wichtige Berufserfahrung: "Ich arbeite jetzt in einem internationalen Traineeprogramm bei Volkswagen und werde bald wieder ein Projekt in China betreuen. Neben den technischen Inhalten hat das Studium in Bremen vor allem meinen Horizont erweitert."

Auf einen Blick über den Tellerrand legt man an der Hochschule großen Wert. Neben Modulen in Konstruktion, Werkstoffkunde und Mechanik stehen intensiver Chinesisch-Unterricht und Landeskunde auf dem Stundenplan. Im sechsten Semester verbringen die Studenten außerdem ihr Praxissemester in einem Unternehmen in China. Für Studiengangsleiter Heiko Grendel steckt in dieser Kombination viel Potenzial: "Die Rückmeldungen auf unseren Studiengang aus der Wirtschaft sind positiv. Deutsche Unternehmen in China finden nur wenige Fachkräfte, die Sprachkenntnisse und technisches Wissen vereinen." Die Volksrepublik ist ein wichtiger Partner für deutsche Firmen. Gerade Autohersteller hoffen auf einen kaufkräftigen Markt, der die Stagnation in Europa und Amerika ausgleichen kann. "Viele Maschinenbauunternehmen haben Zweigstellen in China eröffnet. Darin liegt ein großes Arbeitsmarktpotenzial für unsere Absolventen. Sie können zum Beispiel wichtige Positionen vor Ort übernehmen und sich dabei kulturell und sprachlich sicher bewegen", sagt Grendel.

Probleme selbst lösen, ist nicht üblich in chinesischen Firmen

In der Zweigstelle eines deutschen Mittelständlers mit Schwerpunkt Maschinen- und Vorrichtungsbau war im vergangenen Jahr auch Marius Stadler. In dem Betrieb in Shanghai arbeiten 38 Einheimische und zwei Deutsche. "Erfahrung vor Ort war definitiv wertvoll. Als Europäer wurde ich ohne Nachfragen als Autorität gesehen und hatte deshalb erst mal keinen richtigen Anleiter. Stattdessen durfte ich mir selbst Aufgaben zum Beispiel in der Produktionsplanung suchen", erzählt Stadler. Auch er berichtet von einer gewissen Umstellung in Sachen Mentalität. "Verantwortung zu übernehmen oder Probleme einfach selbst zu lösen, ist in einer chinesischen Firma nicht üblich. Ohne eine genaue Anweisung wird nicht einmal der Müll entsorgt. Hat man sich aber erst mal an die Unterschiede gewöhnt, ist das Leben und Arbeiten vor Ort sehr angenehm." So kann sich der 23-Jährige durchaus vorstellen, nach seinem Abschluss für längere Zeit in China zu arbeiten.

Ganz unvorbereitet ist die Begegnung mit dem Reich der Mitte nach fünf Semestern Chinesisch samt Landeskunde natürlich nicht. Für Sarah Kistner haben gerade die Vorbereitungen auf ihre Praxissemester begonnen. "Wir sind nur eine Handvoll Studenten im Kurs und entsprechend intensiv ist die Vorbereitung." Bei ihr überwiegt die Vorfreude auf die spannende Zeit im Ausland, immerhin war Internationalität für die 21-Jährige ein wichtiges Auswahlkriterium für den Studiengang. Ihr Chinesisch ist inzwischen alltagstauglich, trotzdem hat sie noch etwas Respekt vor dem sechsmonatigen Praktikum. "Die Stellung der Frau in der Gesellschaft kann ich nur schwer einschätzen, nichtsdestotrotz freue ich mich sehr auf die Herausforderung." Aus Sicht von Heiko Grendel macht genau diese Herausforderung das Praxissemester zu so etwas wie dem Herzstück des Studiengangs: "Wenn unsere Studierenden aus China zurückkehren, sind sie deutlich reifer als vorher. Selbst wenn sie danach nicht unbedingt in Asien arbeiten, ist die Erfahrung doch wertvoll, menschlich für einen selbst und für den späteren Arbeitgeber."


Wirtschaftsstandort China

  • Experten rechnen mit einer Verdreißigfachung des chinesischen Bruttoinlandsproduktes in den nächsten 30 Jahren.
  • Viele deutsche Maschinenbau-Unternehmen eröffnen deshalb Zweigstellen in China.
  • Entsprechende Fachkräfte bildet der Bachelor-Studiengang „Industrial Management and Engineering China” der Hochschule Bremen aus.
  • Zum Studium gehören Sprachkurse und ein Praxissemester in China.

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